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  • Gedenken Stolpersteine in der Stadt sollen die Geschichte im Bewusstsein verankern

    Stolpersteine: Boppard erinnert an verfolgte frühere Mitbürger - Zwei Platten gestohlen

    Boppard. Die Erinnerung an das jüdische Leben, das auch in unserer Region viele Spuren hinterlassen hat, soll lebendig bleiben. Doch das Gedenken an verfolgte, in den Tod getriebene und ermordete Menschen fällt in vielen Orten nach wie vor schwer. Soll Boppard, wo erst am Samstag zum Gedenken 16 Stolpersteine  verlegt wurden, ein trauriges Beispiel sein? Keine 48 Stunden später verschwanden zwei der Gedenksteine auf noch ungeklärte Weise. Die Polizei ermittelt.

    Im Rahmen einer Eröffnungsveranstaltung am Abend vor der Verlegung der Stolpersteine sprach Bildhauer Gunter Demnig in der Kurfürstlichen Burg über das Projekt, das auch in Boppard durch die Beteiligung der Bürger und viele private Spenden zustande gekommen ist.  Foto: Initiative Stolpersteine
    Im Rahmen einer Eröffnungsveranstaltung am Abend vor der Verlegung der Stolpersteine sprach Bildhauer Gunter Demnig in der Kurfürstlichen Burg über das Projekt, das auch in Boppard durch die Beteiligung der Bürger und viele private Spenden zustande gekommen ist.
    Foto: Initiative Stolpersteine

    Doch von Anfang an:  Die Stadt Boppard hat offensichtlich keinen leichten Weg hinter sich gebracht, um zur Verlegung von Stolpersteinen zu kommen. Die Verbindungen zwischen Gegenwart und belasteter Vergangenheit sind auch hier - mehr als 70 Jahre nach Kriegsende - deutlich erkennbar und belastet. So wurden schließlich abseits eines offiziellen Engagements der Stadtväter auf Betreiben einer vom Stadtrat damit betrauten privaten Initiative nach langer Vorbereitungszeit am vergangenen Wochenende 16 Stolpersteine verlegt.

    Vorausgegangen ist diesem Projekt eine Veranstaltung im April 2015, zu der die Grünen in Boppard unter dem Projektmotto „Boppard setzt Stolpersteine“ eingeladen hatten. Daraus entwickelte sich eine überparteiliche Initiative, die heute von einem siebenköpfigen Organisationsteam geleitet wird, das sich gemeinsam mit vielen Mitstreitern für die Verlegung der Stolpersteine in der Stadt eingesetzt hat.

    Initiator: Stadtrat unterstützt die Aktion mit großem Zuspruch

    Andreas Roll, Sprecher der Initiative, betont, dass die Gruppe ohne politische Zielstellungen an das Projekt heranging und möglichst viele Bürger in die Erinnerungsarbeit einbinden möchte. Es kam zwar nicht dazu, dass die Stadt die Verlegung von Stolpersteinen zu ihrer eigenen Aufgabe erklärte, aber der Stadtrat unterstützte mit großem Zuspruch, dass die private Initiative vorangehen kann.

    „Das Interesse an der Erinnerung ist da“, sagt Roll, der sich darüber freute, dass zu einem Festakt der Erinnerung am Vorabend der Verlegung von 16 Steinen viele Bürger kamen. Neben dem Bopparder EU-Abgeordneten Norbert Neuser, Landrat Marlon Bröhr sowie Vertreter von Kirchen, Parteien, Schulen und Vereinen waren es vor allem die Bürger aus Boppard, die dabei waren, als am vergangenen Samstag die Steine vom Kölner Bildhauer Gunter Demnig verlegt wurden. Das Projekt wurde dabei nicht nur inhaltlich und ideell unterstützt, sondern ist auch getragen von den privaten Spenden vieler Beteiligter.

    Hinter jedem einzelnen der 16 Stolpersteine verbergen sich Lebenswege von Bopparder Mitbürgern, die auch gut acht Jahrzehnte nach den Verbrechen der Nazizeit traurig oder zumindest nachdenklich machen müssen. So wurden in Boppard nicht nur Stolpersteine für verfolgte, in die Flucht getriebene, schikanierte und auch ermordete jüdische Mitbürger verlegt, sondern auch für einen Sozialdemokraten, der sich 1933 nach einem Schuss in den Rücken noch einige Meter durch die Oberstraße schleppte und unmittelbar am heutigen Marktplatz starb. „An fünf Orten verteilen sich 16 Steine“, sagt Roll.

    Zwei Steine bewusst und gezielt aus dem Pflaster gerissen

    Zwei dieser Steine, die zwei verfolgten älteren jüdischen Bopparderinnen gewidmet sind, von denen eine deportiert und ermordet wurde, sind mutmaßlich sehr bewusst und gezielt aus dem Pflaster gerissen worden. In der Oberstraße, mitten in Boppards Fußgängerzone. Dieser Fall, der nicht nur als Diebstahldelikt von Polizei und Staatsanwaltschaft aufgearbeitet werden muss, zeigt den Organisatoren des Stolpersteinprojekts, dass es offensichtlich noch Bedarf an Aufarbeitung gibt. Mit den Stolpersteinen ist in Boppard der Weg zu einer im Alltag und im Erscheinungsbild der Stadt verankerten Erinnerung begonnen worden. Für die Initiative „Boppard setzt Stolpersteine“ ist das Verlegen der Steine ein wichtiger Anfang auf diesem Weg.

    Von unserem Chefreporter Volker Boch
     
    Das Verschwinden der Stolpersteine in der Nacht von Sonntag auf Montag versetzt nun diesem hoffnungsvollen Ereignis einen herben Schlag. Wir berichten weiter.

    16 Stolpersteine erinnern an Schicksale in der Nachbarschaft

    Die Stolpersteine, die in Boppard verlegt wurden, erinnern an die Schicksale von 16 Mitbürgern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt oder ermordet wurden. Verlegt wurden so folgende Steine: In der Wasemstraße 8 erinnern Stolpersteine: an Helene Frank geborene Levy. Die 1858 geborene Frau flüchtete 1939 in die USA. Mirtill Maier, geboren 1885, flüchtete 1936 in die USA. Dorothea Maier, geborene Frank, wurde 1891 geboren und flüchtete 1936 in die USA. Josef Maier, geboren 1914, flüchtete 1934 in die USA, er fiel als US-Soldat 1944 in Luxemburg. Ruth Maier, geboren 1921, flüchtete 1936 in die USA. Edith Maier, geboren 1926, flüchtete 1936 in die USA. Elvira Maier, geboren 1929, flüchtete 1936 in die USA.

    In der Simmerner Straße 26 erinnern Stolpersteine an: Jenny Kollmar geborene Marx. Die 1897 geborene Frau wurde 1945 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und aus diesem im Mai 1945 befreit. Hubert Kollmar, geboren 1900, wurde ein Berufsverbot als Bildhauer erteilt. Er verweigerte die Scheidung von seiner Frau, wurde 1944 verhaftet und der Strafkompanie „Organisation Todt“ zugeordnet. Er fiel am 26. April 1944 in Versailles.

    In der Rheinallee 44 erinnern Stolpersteine an: Margot Menkel, geboren 1921. Sie flüchtete 1936 nach England und 1940 nach Ecuador. Anneliese Menkel, Jahrgang 1923, flüchtete 1938 nach Holland und überlebte in einem Versteck. Irma Menkel geborene Sonnenberg wurde 1897 geboren. Sie flüchtete 1938 nach Holland, wurde im „polizeilichen Judendurchgangslager“ Westerbork interniert und 1943 in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Sie überlebte durch die Befreiung des Lagers im April 1945. Ludwig Menkel, geboren 1877, flüchtete 1938 nach Holland, wurde im Durchgangslager Westerbork interniert und 1943 nach Bergen-Belsen deportiert. Er wurde am 15. Juli 1944 ermordet.

    In der Oberstraße Höhe Marktplatz erinnert ein Stolperstein an: Franz Schieffer, geboren 1872, der als SPD-Mitglied regimekritisch war und sich entsprechend äußerte. Er wurde am 12. November 1933 von einem Nationalsozialisten angeschossen und starb an dieser Stelle.

    In der Oberstraße 153 erinnern Stolpersteine an: Lina Mayer geborene Kombert. Sie wurde 1884 geboren und 1942 deportiert. Sie wurde im Lager Kasniczyn. Sally Siegler, Jahrgang 1866, flüchtete 1941 in die USA. vb

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    Chefin v. Dienst

     

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