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  • Protest Urteil des Europäischen Gerichtshofs ist der Knackpunkt - Patienten nutzen die gebotenen Rabatte im Internet

    Landapotheken gehen auf die Barrikaden

    Lautzenhausen. Die Zukunft der wohnortnahen Apotheke ist gefährdet. Das sagen zumindest die Betreiber der heimischen Apotheken, die sich zum Gesprächsabend in der Bohr-Insel in Lautzenhausen trafen, um die gegenwärtige Situation zu erörtern, die sich aus einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EGH) ergeben hat.

    In der Bohr-Insel in Lautzenhausen trafen sich Apotheker aus der Region, um über die Problematik zu diskutieren, dass ausländische Versender von Medikamenten Rabatte gewähren dürfen. Für Medikamente gibt es in Deutschland ein Festpreissystem.  Fotos: Thomas Torkler
    In der Bohr-Insel in Lautzenhausen trafen sich Apotheker aus der Region, um über die Problematik zu diskutieren, dass ausländische Versender von Medikamenten Rabatte gewähren dürfen. Für Medikamente gibt es in Deutschland ein Festpreissystem. Fotos: Thomas Torkler
    Foto: Thomas Torkler

    Demnach ist es ausländischen Anbietern von verschreibungspflichtigen Medikamenten erlaubt, Rabatte zu gewähren. Die Folge: Patienten bestellen Arzneimittel mehr und mehr im Internet – und machen den Apotheken vor Ort das Geschäft kaputt. Die Kunden sparen bei der Internetbestellung den Eigenanteil, der zwischen 5 und 10 Euro liegt, je nach Preis des Medikaments.

    Dorothee Kratz verlangt aber, dass sich daran auch ausländische Versandhändler halten müssen.
    Dorothee Kratz verlangt aber, dass sich daran auch ausländische Versandhändler halten müssen.
    Foto: Thomas Torkler

    Bernd Hammer, Justiziar des Apothekerverbandes Rheinland-Pfalz, sagt: „Den Versand von Arzneimitteln gibt's ja schon länger, aber das EGH-Urteil bedeutet für uns einen Kampf mit ungleichen Waffen.“

    Stellvertretend für die Landapotheken im Hunsrück, an der Mosel und in der Eifel stellten einzelne Vertreter in Kurzvorträgen dar, welche Leistungen eine Apotheke erbringt, die nur teilweise und nur indirekt über einen Aufschlag Geld einbringen, die aber ganz selbstverständlich zum Service für die Patienten gehören.

    Als erste stieg Dorothee Kratz, nach eigenen Worten Apothekerin aus Leidenschaft in Boppard-Buchholz, in den Ring und berichtete aus ihrem Alltag mit zahlreichen Beratungsleistungen. „Hat Ihnen das Internet auch gesagt, dass Aspirin für Sie als jemand, der blutverdünnende Mittel einnimmt, schädlich ist?“, zitierte Kratz beispielhaft eine Frage an einen Patienten. Sie schilderte den Kunden, der zum dritten Mal in einer Woche eine Tube kortisonhaltiger Creme verlangte, und der am Ende eine Pflegecreme mit Urea-Anteil durch Beratung in der Apotheke ausprobierte und danach beschwerdefrei war. Dorothee Kratz führte noch die schnelle Lieferung von Antibiotika ins Feld („innerhalb einer Stunde ging es der Lungenentzündung an den Kragen“) und die „braune Tüte“, in der man alle Medikamente, die man im Haus hat, zur Apotheke bringen kann, wo die Mitarbeiter dann aussortieren, was nicht mehr benötigt wird, was abgelaufen ist und was noch behalten werden kann: „Das ist sehr effektiv, kostet aber auch Zeit. Zeit, in der ich nichts verdient habe“, sagte Kratz.

    Ordnung in das Pillen-Chaos

    Nicht minder engagiert ergriff anschließend Johannes Jaenicke von der Adler-Apotheke in Rhaunen das Wort und führte die „Hunsrücker Küche“ mit zugehöriger Schrankschublade als Hort für Arzneimittel an. Dort Ordnung in das Pillen-Chaos zu bringen und der Seniorin außerdem ihre wöchentliche Dosis zusammenzustellen, diese Aufgabe übernimmt ebenfalls die Landapotheke, führte Jaenicke aus. Die Vermeidung von Doppeldosierung oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten könne nur ein Gespräch ergeben. „Macht das das Internet auch?“, hatte Jaenicke ebenso eine provokante Frage parat.

    Jan Niklas Francke von der Rosen-Apotheke in Emmelshausen führte in der Folge die umfangreichen Leistungen von Apotheken nach Krankenhausentlassungen an. „Es macht einfach Sinn, dass wir flächendeckende Versorgung auf dem Land haben“, sagte Francke.

    Die Leistungen von Apotheken fasste Julia Berger von der Kastellauner Schloss-Apotheke zusammen: „Wir versorgen sehr gut und flächendeckend. Wir machen uns Gedanken um unsere Kunden, nachts und an Wochenenden werden die Wege immer weiter, die Beratung geht weit über ,dreimal täglich eine' hinaus. Wir kennen die Patienten, das kann man nur leisten, wenn man mit ihnen in Kontakt steht.“

    Dafür gab's Beifall von den gut 40 anwesenden Kollegen, die wohlwollend zur Kenntnis nahmen, dass Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) einen Gesetzentwurf ausgearbeitet hat, der den Versand verschreibungspflichtiger Arzneimittel verbieten will, wie sein Parteifreund, Staatssekretär Peter Bleser, im Anschluss ausführte und unter Beifall bekräftigte: „Die Beispiele, die Sie geschildert haben, sind so was von einleuchtend. Der Briefträger kennt eben nicht den Patienten. Wir müssen mobilisieren, sonst werden wir die Landapotheken nicht halten können. Die Nachwirkungen wären verheerend.“

    In seltener Allianz zwischen CDU und Linken betonte danach auch Dave Koch, vom Linken-Kreisverband Bernkastel-Wittlich, es sei notwendig, den Versand rezeptpflichtiger Medikamente zu verbieten. Koch ging sogar so weit, dass man generell überlegen sollte, auch den Versand nicht-rezeptpflichtiger Medikamente ganz abzuschaffen.

    Wenig Applaus erntete dagegen die Bundestagskandidatin der FDP, Carina Konrad, als sie die Marschrichtung der Liberalen umriss: „Wir können den Wandel der Zeit und die Digitalisierung nicht aufhalten. Der Online-Handel ist Bestandteil unseres Konsumverhaltens. Die Zulassung des Versandhandels war ein richtiger Schritt. Die Diskussion geht an den Bedürfnissen der Menschen vorbei. Wir sollten Ideen entwickeln, wie das Problem zu lösen ist“, sagte Konrad und schlug bessere Abrechnungsmöglichkeiten für Leistungen, wie Beratung sowie höhere Notdienstvergütung und faire Rahmenbedingungen vor. Beratungsleistungen abzurechnen, sei Sache der Krankenkassen. Daniela Klink von der Schwanen-Apotheke Kirchberg hielt der FDP-Politikerin entgegen: „Haben Sie überhaupt verstanden, um was es geht? Wir wollen nicht den Versandhandel verbieten, sondern die Preisunterschiede abschaffen.“

    Sind Medikamente beliebige Ware?

    Moderator Bernd Hammer fragte in die Runde: „Sind verschreibungspflichtige Medikamente eine beliebige Ware?“ Damit lenkte er die Diskussion auf den Zwiespalt, in dem sich Apotheker befinden: „die Crux zwischen Heilberuf und Kaufmann“, wie es Thomas Hanhart von der Adler-Apotheke in Kaisersesch gegenüber unserer Zeitung formulierte. Apotheker, so Hanhart, wollen den Konsum nicht fördern. Der Heilberuf ziele viel mehr darauf ab, dass Patienten weniger Medikamente zu sich nehmen.

    Ein Versandhandel dagegen funktioniere nur, durch Masse und Konsum. Die Politik müsse auf europäischer Ebene eine Vereinheitlichung der Preise für Arzneimittel anstreben.

    Landrat Marlon Bröhr fasste zusammen: „Es ist Ihnen gelungen, zu sensibilisieren.“

    Von unserem Redaktionsleiter Thomas Torkler

    Thomas Torkler zu den Befürchtungen der Landapotheken

    Medikamente sind eben keine Konsumware

    Mit der Zeit gehen und sich der Digitalisierung nicht verschließen, das forderte Carina Konrad, die Bundestagskandidatin der FDP im Wahlkreis. Im Zeitalter, in dem alle nach noch schnelleren Datenverbindungen schreien, Breitbandverbindungen für den letzten Winkel ländlicher Regionen gefordert werden, ist das vordergründig sicher richtig. Ob das Gegenteil, wie es Staatssekretär Peter Bleser an die Wand malte, die „verheerenden Nachwirkungen“ und ein Verschwinden von Landapotheken von der Landkarte, wirklich die Konsequenz wäre, wenn ausländische Versender von Medikamenten weiterhin Rabatte gewähren dürfen, sei dahingestellt. Es geht für Politiker auch immer um die eigene Darstellung. Bleser hat glaubhaft vermittelt, für wie wichtig er die Leistungen und die Existenz der Apotheken auf dem Land hält, nur – wer tut das nicht, und wer würde vor 40 Apothekern diese Steilvorlage nicht nutzen? Carina Konrad begab sich mutig aufs Glatteis, musste nur aufpassen, nicht auszurutschen, denn es war zu einfach, gegen den Wegfall des Arzneimittelversandhandels zu argumentieren, aber dann den Apothekern abzuverlangen, wie man das Problem zu lösen gedenkt.

    Viel wichtiger erscheint der Aspekt, dass Apotheken eben keine Warenhäuser sind – auch wenn die landläufige Bezeichnung „Apotheke“ für einen hochpreisigen Laden irgendwoher stammen muss. Es geht in der Tat um den Zwiespalt zwischen Heilberuf und Kaufmann, dem Apotheker unterliegen. Wenn man mit der Zeit gehen will, indem man die Digitalisierung vorantreibt, sollte man überlegen, wie zeitgemäß es ist, sich mit Medikamenten vollzustopfen, weil sie ja im Internet so schön preiswert zu bestellen sind. Die Medizin versucht mit immer weniger Medikamenten auszukommen, geringer zu dosieren. Ein Versandhandel, bei dem es Rabatte gibt, ist diesem Trend wenig förderlich.

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    Bettina Tollkamp

    Bettina Tollkamp

    Chefin v. Dienst

     

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