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  • BoppardDreister Diebstahl in Boppard: Stolpersteine aus Pflaster gerissen - Überführt Video den Täter?

    Ein außergewöhnlich dreister Diebstahl beschäftigt Boppard. Nachdem am vergangenen Wochenende in der Stadt 16 Stolpersteine zum Gedächtnis an im Nationalsozialismus verfolgte und ermordete Menschen verlegt wurden, sind zwei von diesen Steinen mitten in der Fußgängerzone gestohlen worden. Sie wurden in der Nacht zum Montag offensichtlich mit kühler Überlegung und unter der Anwendung gezielter Gewalt aus dem Betonsockel gerissen. Ein Video soll die Tat dokumentieren.

    Foto: Initiative Stolp

    Im Schutze der Dunkelheit riss am späten Sonntagabend kurz vor Mitternacht ein Unbekannter offensichtlich unter Benutzung eines Werkzeugs die beiden fest im Beton verankerten Steine aus dem Bodenbelag. Die Polizei ermittelt den Fall, der in Boppard ein bestimmendes Thema ist.

    „Wir wollen wissen, warum“, sagt Andreas Roll, Sprecher der Initiative „Boppard setzt Stolpersteine“, die am Samstag vergangener Woche insgesamt 16 Steine verlegt hat. Roll ist wie viele andere Bürger nach der Tat fassungslos. „Wir fordern Aufklärung.“ Die Initiative will wissen, „weswegen jemand so etwas macht“.

    Roll sagt: „Die Stolpersteine sind für uns eine Verbeugung vor den Opfern, sie sollen verfolgten Menschen gedenken.“ Auch wenn die Stadt nicht in die Stolperstein-Gedenkarbeit eingebunden ist und Bürgermeister Walter Bersch auch nicht an der offiziellen Verlegung teilnahm, verurteilt Bersch den Akt der Gewalt. „Ich bedauere diesen Vorgang“, sagt der Bürgermeister, „ich bedauere es, dass es zu dieser Straftat gekommen ist.“

    Dort, wo die entwendeten Stolpersteine verlegt worden sind, hat der Bauhof der Stadt Boppard inzwischen wieder das normale Pflaster eingesetzt. Einer der Steine war zuvor grün markiert worden, damit die Position der Stolpersteine festgelegt ist. Valerie Reppert, Andreas Roll, Wolfgang Spitz und Andreas Nick (von rechts) von der Initiative „Boppard setzte Stolpersteine“ hoffen darauf, dass die Polizei den Täter ausfindig machen kann. ⋌Foto: Volker Boch
    Dort, wo die entwendeten Stolpersteine verlegt worden sind, hat der Bauhof der Stadt Boppard inzwischen wieder das normale Pflaster eingesetzt. Einer der Steine war zuvor grün markiert worden, damit die Position der Stolpersteine festgelegt ist. Valerie Reppert, Andreas Roll, Wolfgang Spitz und Andreas Nick (von rechts) von der Initiative „Boppard setzte Stolpersteine“ hoffen darauf, dass die Polizei den Täter ausfindig machen kann. ⋌
    Foto: Volker Boch

    Akten gehen an den Staatsanwalt

    Andreas Nick, Bezirksbeamter der Polizei, bearbeitet den Fall, dessen Akten parallel zur Ermittlungsarbeit vor Ort an die Staatsanwaltschaft Koblenz gehen. „Es gibt vielversprechende Ermittlungsansätze“, erklärt der Beamte, der zum laufenden Verfahren keine Details preisgeben darf.

    Er skizziert, dass die Stolpersteine nach der Verlegung nicht sofort mit dem sie umgebenden Pflaster verbunden werden konnten. Hintergrund ist, dass die Oberstraße mit einem speziellen Belag versehen ist. Mitarbeiter des städtischen Bauhofs hatten den ursprünglichen Belag vor der Verlegung der Gedenksteine an dieser Stelle entfernt, damit Bildhauer Demnig aktiv werden konnte. Allerdings hatte der Bauhof die normalen Pflastersteine mitgenommen, um sie nach dem Wochenende am Montagmorgen adäquat beizupflastern.

    Als die Mitarbeiter des Bauhofs am Montagmorgen in die Oberstraße kamen, war die Stelle zwar noch mit einer Warnbake markiert, wie die Baustelle am Freitag auch eingerichtet worden war. Doch die Stolpersteine waren entfernt worden, die Warnbake war zudem offensichtlich gezielt so platziert worden, dass dies auf den ersten Blick nicht auffiel. „Die Tat wurde am Montag um 8 Uhr festgestellt“, sagt Andreas Nick.

    Die Polizei darf sich zu diesem besonderen Fall eines Diebstahls nicht äußern, allerdings gibt es dem Vernehmen nach Informationen, die weitreichend sind. So soll es sich um einen männlichen Täter handeln, der aufgrund der Ausführung seiner Handlung offensichtlich sehr gezielt und zweckbestimmt vorgegangen ist. Die Tat ist dem Vernehmen nach sehr eindrücklich dokumentiert, und es steht außer Frage, dass es sich keineswegs um einen Scherz, um Vandalismus oder auch um jugendlichen Leichtsinn handelte.

    Kein jugendlicher Leichtsinnsakt

    Es liegen vielmehr offensichtlich hinreichende Indizien vor, dass ein Mann fern abseits jugendlichen Alters kurz vor Mitternacht am Sonntag in Ruhe und auch hinsichtlich seiner Kleidung und technischen Ausstattung präpariert vorgegangen ist.

    Der Täter hat offensichtlich nicht damit gerechnet, dass ein Ladenlokal in unmittelbarer Nachbarschaft mit Sicherheitskameras ausgestattet ist, die seinen nächtlichen Diebstahl aufgezeichnet haben sollen. Es ist zumindest denkbar, dass die Ermittler auf der Basis des Videos genauere Rückschlüsse auf den Täter ziehen können. 

    [Wir veröffentlichen hier einen Screenshot, der der Redaktion zugesendet wurde und der aus dem betreffenden Video der Überwachungskamera stammen soll. Trotz der schlechten Qualität haben wir es zusätzlich gepixelt.]

    „Wir wollen wissen, weshalb“, sagt Andreas Roll im Namen der Initiative Stolpersteine. Insbesondere weil die Bopparder Bürger und auch Anwohner das Projekt der Erinnerung unterstützen, sollen Staatsanwaltschaft und Polizei den Fall aufklären. Der Initiative geht es nicht nur darum, dass der Täter überführt wird, sondern vor allem auch, dass ein tieferes Bewusstsein für die Notwendigkeit der Erinnerung an verfolgte und ermordete Mitbürger geschaffen wird.

    Von unserem Chefreporter Volker Boch

    Ignorieren oder Leugnen ändert Geschichte nicht - Volker Boch zum Diebstahl von Stolpersteinen

    Die Erinnerung an Schlechtes ist nicht einfach, das weiß jeder Mensch von sich selbst. Es wird niemanden geben, der nicht schon kleinere oder größere Fehler gemacht hat, niemand ist frei von Schuld.

    Das Verschweigen, stumpfes Ignorieren oder Leugnen von problematischen Geschehnissen kann jedoch niemals dazu führen, dass es zu einer Aufarbeitung oder zur Vermeidung ähnlicher Vorgänge in der Zukunft kommen kann. Erinnerung ist erst die Basis für Künftiges.

    Die Geschehnisse der Zeit des Nationalsozialismus vom Quälen benachbarter Menschen bis hin zur gezielten massenhaften Ermordung sind nicht zu ändern. Nur wenn sie be- und aufgearbeitet werden, lässt sich überhaupt damit umgehen. Es muss traurig oder nachdenklich machen, daran zu denken, was mit den 16 Menschen geschehen ist, denen in Boppard Stolpersteine gewidmet sind. Auch wenn der Dieb der Stolpersteine vermutlich nicht diese Absicht verfolgte, löst er mit seiner Tat vielleicht genau den Impuls aus, dass die Erinnerung im Herzen der Stadt tiefer verankert wird.

    Es wird viel darüber geredet, ob Stolpersteine der richtige Weg einer solchen Gedenkarbeit sind. Nicht immer steht bei diesen Diskussionen aber ein ehrlicher Wille zur Aufarbeitung belasteter Geschichte im Hintergrund, oft dient die Debatte als Vehikel des Verhinderns. Der Diebstahl in Boppard, sofern er gezielt als Aktion gegen die Steine der Erinnerung vorgenommen wurde, zeigt einmal mehr, wie viel Arbeit zu tun ist.

    Die Geschichte des Nationalsozialismus ist häufig nur lückenhaft, mitunter überhaupt nicht aufgearbeitet worden. Aus den verschiedensten Gründen. Aber der Diebstahl in Boppard unterstreicht: verschweigen, ignorieren oder leugnen hilft nicht.

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