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  • Glückliche Paare: Von der Liebe zur Kunst und der Kunst des Liebens

    Diez. Glück in der Liebe wünschen wir uns alle. Nur: Wie schafft man das eigentlich, dass es auch so richtig lange bleibt – am besten für immer? Wir haben Paare, die schon seit Jahrzehnten zusammen sind, nach dem Geheimnis ihres Glücks gefragt. Die Antworten und Geschichten erzählen wir in unserer neuen RLZ-Serie.

    Gretelore und Willi Herr verbindet auch die Kunst. Gemeinsam haben sie ihr Leben und auch manche Turbulenz gemeistert. Der Humor hat dabei eine stets eine Rolle gespielt.  Foto: Stefanie Rüggeberg
    Gretelore und Willi Herr verbindet auch die Kunst. Gemeinsam haben sie ihr Leben und auch manche Turbulenz gemeistert. Der Humor hat dabei eine stets eine Rolle gespielt.
    Foto: Stefanie Rüggeberg - srü

    Sprichworte kann man albern finden. Aber an manchen ist tatsächlich etwas dran. Bei Gretelore und Willi Herr steckt eine gute Portion "Was sich liebt, das neckt sich" drin. Oder wie die Frau mit den immer leicht lachenden Augen von ihrem etwas ernst schauenden Mann beschrieben wird: "Sie bringt mich wunderbar zum Lachen. Weil sie mich veräppelt und ich es spontan nicht mal merke."

    Warum Willi Herr bei der ersten Verabredung einen ganzen Tag lang nicht auffiel, dass die junge Gretelore ihn nur foppen wollte und gar nicht zum Date erschien, lässt sich allerdings schnell erklären: Er konnte selbst nicht zum Treffpunkt kommen. Dafür wollte er sich in der Gaststätte von Gretelores Eltern ahnungslos bei dem Mädchen entschuldigen. "Und so fing das ganze Drama an", lacht der 78-Jährige.

    61 Jahre sind seitdem vergangen. Dabei hatte das Glück des Paares von Anfang an auch viel mit der gemeinsamen Liebe zur Kunst zu tun. An dem Tag, als es zwischen den beiden um die unnötige Entschuldigung ging, war die damals 15-jährige Gretelore nämlich gerade am Zeichnen. Er setzte sich dazu und machte einfach mit. "Das fand ich schon sehr toll, dass er das konnte", blickt sie zurück.

    Inzwischen sind die Herrs, die 2007 den Kulturpreis der Stadt Diez erhielten, in der Region schon lange das, was man ein Künstlerpaar nennt. Sie zeichnet in erster Linie Schwarz-Weiß-Porträts und fotografiert mittlerweile viel, sein Steckenpferd sind Natur- und Landschaftsbilder. Und wie es in runden Beziehungen meistens der Fall ist, ergänzen sich beide einfach gut. Auch bei Ausstellungen, wenn sie die Regie über alles, was mit Computer und Fotografie zu tun hat, übernimmt und er organisiert. Obwohl es zwischen dem Paar, das in der Emser Straße bis heute im Haus von Willi Herrs Eltern wohnt, von Anfang an gepasst hat, ist der Mann mit dem Rauschebart weitsichtig und auch nüchtern genug, sein privates Glück nicht ganz losgelöst vom Zeitgeist seiner Entstehung zu sehen. "Früher war man sehr froh, wenn einem ein junges Mädchen begegnet ist, das einem gefiel. Wir hatten damals ja nicht Kontakt zu zig Leuten", sagt er. "Alles war viel reduzierter." Dann erzählen beide laut lachend von den Speed-Dating-Erfahrungen einer ihrer drei Töchter und sind sich sofort einig: "Das wäre nichts für uns!" Nun sind die Herrs keine Menschen, denen es in den Sinn käme, dauernd darauf herumzureiten, dass früher alles besser war. Sie erklären eher sehr plausibel, was das Glück vor ein paar Jahrzehnten etwas tiefer und nachhaltiger machte als heute, wo Onlinedating den Liebessupermarkt der unbegrenzten Möglichkeiten begründet hat und Beziehungsmanagement generell viel mit Hightech zu tun hat. "Damals war Liebe viel spannender", sagt Willi Herr. "Weil man sich nicht ständig treffen konnte und keine Handys hatte. Es war ein Ereignis, sich zu sehen."

    Gleichzeitig ist das Paar bei der Frage, wann es seit der Hochzeit im Jahr 1959 am glücklichsten war, sehr schnell woanders. Zuerst noch in der Zeit der ersten winzigen, aber eigenen Wohnung in Bad Vilbel, als sie noch nichts hatten, aber das Leben mit dem ersten Kind und einem Hund trotzdem verdammt schön war. Doch dann sagt Willi Herr klar: "Am glücklichsten sind wir heute, weil wir jetzt zurückblicken können auf eine wunderbare Zeit und alle Turbulenzen, die es natürlich ebenso gab, gemeistert haben."

    Bei Künstlern hat der Gemütszustand zwangsläufig viel damit zu tun, dass sie kreativ sein können. Wenn das dann noch gemeinsam geht, verdoppelt sich das Glück. Oft sind die Herrs gemeinsam, aber auch getrennt zu Mal- und Zeichenkursen gereist. Inzwischen besuchen sie gern und regelmäßig all die Leute, die sie durch die Kunst kennengelernt haben. "Wenn nur einer von uns malen würde, hätten wir ein Problem gehabt", sagt Gretelore Herr. "So konnten wir das wunderbar miteinander teilen." Womit nicht nur die Fortbildungen gemeint sind. Wenn Willi Herr mit viel Respekt erzählt, dass seine Frau eine so gute und sachliche Kritikerin sei und sie dann noch "definitiv meine Muse" nennt, klingt das besser und romantischer als die üblichen drei Worte, die Paare sich so sagen.

    Wer nun aber denkt, die Herrs würden bei all der Liebe zur Kunst bei der kreativen Arbeit immer symbiotisch durchs Leben gehen, irrt. Nähe braucht Freiraum - das beherzigen sie gerade beim Gang ins Atelier. Schon allein, weil der Puls immer schnell hoch ging, als Willi Herr noch zu Hause malte, seine Frau ihm etwas zurief und er es nicht verstanden hatte. Also besorgte er sich einen Raum im Wilhelm-von-Nassau-Park, und seitdem genießen beide es, ganz und gar ihre Ruhe zu haben, wenn sie kreativ sind.

    Bleibt die Frage, wie man eine Beziehung nach mittlerweile sechs Jahrzehnten, drei Kindern und drei Enkelkindern lebendig hält. Mit Standards wie Geschenken in diesem Fall schon mal nicht. "Da lag ich nämlich schon 200 Prozent daneben", sagt Willi Herr lachend. Und Gretelore erzählt mit einem Zwinkern von der schönen Handtasche, die sie sich mal wünschte und von ihrem Mann mit einer "Tasche für alte Tanten", wie sie es nennt, überrascht wurde. Dass die Herrs unverändert gern Händchen halten, wenn sie unterwegs sind, hat wohl mehr damit zu tun, dass sie sich immer noch gegenseitig inspirieren. Nicht nur künstlerisch. "Wir wissen, was der andere wert ist", bringt es Willi Herr auf den Punkt und schwärmt ausgiebig davon, wie jung seine Frau im Kopf sei. So jung gar, dass die Enkel sie cool nennen.

    Und dann ist da natürlich wieder die Sache, mit der alles begann - der Humor. Ohne den geht es nicht. Deshalb lacht sie herzlich darüber, wenn ihm die Rollmöpse aus dem Glas über den ganzen Flur purzeln. Und seine ernste Miene hellt sich auf, wenn er endlich merkt, dass die streichzarte Butter, mit der sie ihn an den Tisch gelockt hat, in Wahrheit steinhart ist. Oder um besagtes Sprichwort auf die Gegebenheiten der Herrs umzutexten: Was sich nach 61 Jahren immer noch neckt, liebt sich fraglos wirklich. Stefanie Rüggeberg

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