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    RemagenWie Polizisten Gewalt ertragen

    "Er steht vor der Tür, helfen Sie uns! Oh Gott, ich glaube, er schlägt mit einer Axt auf die Tür ein", tönt es aus dem Funkgerät, das in einer Halterung des Streifenwagens steckt. Polizist Frank Heider gibt Vollgas, er weiß, dass er rechtzeitig kommen muss.

    In Hauffes Buchsalon in Remagen haben Polizisten aus ihrem harten und immer gefährlicher werdenden Berufsalltag berichtet.
    In Hauffes Buchsalon in Remagen haben Polizisten aus ihrem harten und immer gefährlicher werdenden Berufsalltag berichtet.
    Foto: de Cuveland Celi

    Seine Beifahrerin Jasmine lotst ihn kühl und sachlich zum Einsatzort. Gerade noch rechtzeitig können sie die Frau, die den Notruf gewählt hatte, davor bewahren, dass ihr Ex-Mann sie in der Badewanne ertränkt. Zuvor hatte er die Haustür eingeschlagen, die Badezimmertür zertrümmert und den Pyjama der Frau zerrissen.

    Ein Aufatmen geht durch das Publikum, das sich in Hauffes Buchsalon in Remagen versammelt hat. Dirk Breitenbach, der rund 30 Jahre lang als Polizist tätig war, liest dort aus einem seiner Bücher, die auf Tatsachen beruhen. In dieser Geschichte kommen die Hauptfiguren Frank Heider und seine Kollegin Jasmine noch einmal heil davon. In der Realität sieht das oft anders aus. Polizisten müssen in ihrem Beruf jederzeit damit rechnen, angespuckt, beschimpft und angegriffen zu werden. Davon berichten auch Polizeihauptkommissar Michael Birkhan und Gerke Minrath, die dem Verein "Keine Gewalt gegen Polizisten" vorsitzt.

    Beide schreiben Geschichten von Polizeibeamten auf, die auf realen Geschehnissen beruhen. Eine handelt davon, das zwei Polizisten eine junge Frau vor einer Vergewaltigung bewahren und sich anschließend gegen den Täter zur Wehr setzen müssen. Die beiden Polizisten, die intensiv Kampfsport betreiben, haben alle Mühe, den Mann unter Kontrolle zu bringen. Letztlich lässt dieser sich nur mit Hilfe von vier Kollegen bändigen, bricht einem Beamten den Mittelfußknochen und mehrere Rippen. Von Prellungen und Schürfwunden gar nicht erst zu sprechen. Immer wieder zischt der Mann: "Ich finde dich. Ich werde dich töten. Dich, deine Frau, deine Kinder - ich werde euch alle töten." Dem Beamten wird mulmig zumute.

    Michael Birkhan und Dirk Breitenbach kennen solche Situationen. Auch sie wurden schon beschimpft, bedroht und angegriffen. Die Menschen, die den Polizisten als freundlichen Helfer wahrnehmen, werden immer weniger. Zudem sehen sich die Beamten zunehmender Kritik ausgesetzt. "Der Wind hat sich gedreht", sagt Breitenbach. "Früher hat die Bevölkerung hinter den Polizisten gestanden. Heute werden Videos gemacht, und es heißt: Musste das so sein? Hätte man das nicht anders regeln können?" Für ihn steht fest: Gewalt gehört eigentlich nicht zum Handlungsfeld der Beamten. Doch was tun, wenn man angegriffen wird und sein eigenes Leben plötzlich in Gefahr sieht?

    Die Zahl der Übergriffe auf Polizisten nimmt statistisch betrachtet zu, auch die Massivität dieser Attacken steigt. "Aus Situationen wie Handgemengen, die eskalieren, geht heute niemand mehr unverletzt hervor", sagt Breitenbach. "Früher haben sich die Täter, die wir festgenommen haben, höchstens gewehrt. Heute gehen sie aktiv auf die Beamten los. Da steckt eine enorme Aggression und Brutalität hinter." Viele Polizisten leiden nicht nur körperlich, sondern auch seelisch unter den Angriffen. Traumata sind keine Seltenheit, Scheidungen und Alkoholprobleme nehmen zu.

    "Als Polizist hat man selten mit netten Einsätzen zu tun", berichtet Birkhan. Zwar gebe es auch die tollen, dankbaren, freudigen Momente. Aber sie sind rar geworden. "Die Massivität der Straftaten hat aber nicht nur gegen die Beamten zugenommen, sondern auch gegen die normalen Bürger." Manche Polizisten kapitulieren, werden depressiv, ihnen macht der Job keinen Spaß mehr. "Drecksau", "Bulle", "Nazi", "Faschistenfreund", all das wurde ihnen ein Mal zu oft an den Kopf geworfen.

    Gerke Minrath hat in dem Remagener Buchsalon einen Text vorgelesen, der "Der Drachentöter" heißt. Beschrieben wird, wie eine Frau ihren Mann, der als Polizist arbeitet, immer als Drachentöter sieht. Sie versorgt seine Wunden, wenn er von Großveranstaltungen wie Demonstrationen kommt, hält ihm im Privatleben den Rücken frei. Bis zu dem Zeitpunkt, als er von einem kleinen Jungen in der Fußgängerzone als "Bullenschwein" beschimpft wird. Die umstehenden Passanten lachen, der Beschimpfte weiß nicht recht, wie er reagieren soll. "Scheiß Bulle", ruft der Pimpf wieder. Als der Polizist sich Hilfe suchend umblickt, murmelt jemand: "Der Junge hat ja recht."

    Und der Polizist gibt auf. Kampflos verlässt er den Schauplatz, zieht sich wie ein geprügelter Hund zurück. Da bemerkt er zum ersten Mal, dass die Jungfrauen heutzutage ganz einfach nicht mehr von einem Drachentöter gerettet werden wollen. Zwei Wochen später lässt er sich versetzen - an den Schreibtisch. Dorthin, wo es ruhiger ist.

    Von unserer Reporterin Celina de Cuveland

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