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    Kreis Bad KreuznachKreisbauamtschef Hans Bergs: Architektur ist kein demokratischer Prozess

    Er hat ein Faible für Baukunst: Kreisbauamtsleiter Hans Bergs. Sein Urteil beispielweise über die Hamburger Elbphilharmonie: "Atemberaubende Architektur."

    Hat seit seinem Architekturstudium ein Faible für Baukunst: Kreisbauamtschef Hans Bergs (64), hier mit einem Foto der Hamburger Elbphilharmonie. Sein Urteil über dieses Projekt: „Atemberaubende Architektur.“
    Hat seit seinem Architekturstudium ein Faible für Baukunst: Kreisbauamtschef Hans Bergs (64), hier mit einem Foto der Hamburger Elbphilharmonie. Sein Urteil über dieses Projekt: „Atemberaubende Architektur.“

    2007 bis 2016: zehn Jahre. Eine lange, von politischen wie betriebswirtschaftlichen Irrungen und Wirrungen geprägte Zeit. Herausgekommen ist ein „Jahrhundertbauwerk“, wie auch Kreisbauamtsleiter Hans Bergs schwärmt, wenn er an die 750 Millionen Euro teure Hamburger Elbphilharmonie denkt.

    Noch war er nicht da, doch das, was er in Filmen und auf Fotos von diesem kombinierten Musik-, Hotel-, Appartement- und Geschäfte-Objekt im Hamburger Hafen gesehen hat, begeistert den Architekten, der das rund 45 Sachbearbeiter große Kreisbauamt seit 1983 und noch bis 2018 führt; in der Mitarbeiterzahl nicht enthalten sind die 30 Hausmeister in 24 vom Kreis getragenen Schulen und die rund 50 Schulsekretärinnen, die ebenfalls zum Bauamt gehören.

    Wir sprachen mit dem Kreisbaudirektor, der in Hannover Architektur studiert und schon damals ein Faible für Baukunst-Projekte entwickelt hat, über eine moderne und ästhetisch-pragmatische Architektur.

    Im Naheland hat Bergs die Hildegardiskapelle auf dem Disibodenberg zwischen Odernheim und Staudernheim, das Windesheimer OrgelArtMuseum, die heimatwissenschaftliche Zentralbibliothek in St. Wolfgang am Bad Kreuznacher Stadtmauer-Gymnasium und auch den großen Seminarraum in Schloss Dhaun entworfen. Beim 2010 eröffneten Steinskulpturenmuseum BME des japanischen Stararchitekten Tadao Ando stand er Pate.

    Herr Bergs, was begeistert Sie an der Elbphilharmonie?

    Die kühne Idee, auf einem alten Speicher ein solches Bauwerk zu inszenieren. Die im gläsernen Teil nachempfundene Wellenbewegung, das sich in der Fassade widerspiegelnde Wasser – das ist atemberaubende Baukunst, die die Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron und ihre Mitarbeiter realisiert haben.

    Ein Kunstwerk, das seinen Preis hatte – die Baukosten haben sich in den zehn Jahren verzehnfacht.

    Das ist viel Geld, sicher. Doch wenn man bedenkt, dass für dieses weltweit einzigartige Objekt neue Techniken und Werkzeuge erfunden werden mussten, etwa um den schwebend gelagerten Konzertsaal zu integrieren, dann relativiert sich der finanzielle Aufwand schon.

    Die ewige Frage: Was ist uns eine gute, kreative, nachhaltige Architektur wert? Zumal sie sich, wie im Falle der Elbphilharmonie, durch den Gästestrom und die Vermarktung in kurzer Zeit amortisiert haben wird. Heute, nur vier Monate nach ihrer Eröffnung, diskutiert niemand mehr über das Bauwerk, heute identifizieren sich die Hamburger mit ihrer neuen Philharmonie. Vergessen sind all die kräftezehrenden Diskussionen über Sinn und Umfang dieses Projektes.

    Ist die Elbphilharmonie tatsächlich ein Bau von Weltrang?

    Ja, sicher. Sie wertet die sie umgebende Architektur, die gesamte Stadt Hamburg auf. Und sie steht in einer Reihe mit der (in ihrer Bauzeit ebenfalls heiß diskutierten) Oper von Sydney, mit dem Pariser Centre Pompidou – oder dem Guggenheim-Museum im spanischen Bilbao des amerikanischen Architekten und Designers Frank O. Gehry. Gehry hat auch den neuen Pierre-Boulez-Saal der Berliner Barenboim-Said-Akademie gestaltet. Im April habe ich den Schubert-Zyklus dort erlebt. Unglaublich dieser Saal. Eine fantastische Akustik, eine sensationelle Architektur.

    Entwurf, Planung, Realisierung – welche Disziplinen muss der Architekt eines Großprojektes wie der Elbphilharmonie beherrschen?

    So viele. Fast könnte man von einem Zehnkampf der Wahrnehmung und Kommunikation sprechen. Nicht allein der Stift und das Blatt Papier oder der PC sind seine Arbeitsmittel. Er muss den Standort erkunden, den Lebensraum rund um das Projekt erfahren, ihn kennenlernen, ihn deuten. Und er muss erspüren, was passt und was nicht, was gebraucht wird und tatsächlich gewünscht ist. Der Architekt übersetzt die gedanklichen Skizzen des Bauherrn, des Auftraggebers. Er muss die Mentalität einbeziehen, das Vorhaben steuern – und vor allem: Er muss überzeugen. Denn Projekte wie in Hamburg lassen sich nicht auf den Punkt kalkulieren. Ein Geldgeber setzt schon mal den Rotstift an, muss an die Rentabilität seines Objektes denken. Ein Architekt führt kaufmännisches Kalkül und kostenintensive Kreativität zusammen. Einen Bau alleine auf seine Kosten reduzieren zu wollen, ist sicher möglich, aber dann nur unter der Preisgabe einer Gestaltung, die ihn heraushebt.

    Welche Fehler können bei einer Planung passieren?

    Zum einen der Maßstabsfehler, wenn ein Gebäude in seinem Umfeld versinkt, untergeht oder es, das andere Extrem, erschlägt durch einen zu wuchtig-klotzigen Baukörper. Ich denke da etwa an die siebenstöckige Geriatrische Klinik an der Berliner Straße in Bad Münster. Und dann gibt es noch den Standortfehler, wenn Gestaltungen nicht in ihr Umfeld passen, oft geschehen in den 70er-Jahren. Häufig sind es der Zeitgeschmack und der wirtschaftliche Druck, die solche Maßstabsbrüche zulassen, legalisiert durch rechtskräftige Bebauungspläne. Solche gestalterischen Fehltritte lassen sich wohl wirklich nur aus dem jeweiligen Geschmack und aus dem ästhetischen Empfinden des Planers heraus erklären. Unabhängig von Trends und Zeitgeschmäckern: Gute Architektur kann man nicht demokratisch entscheiden. Wenn jeder mitreden darf, kommt nix bei rum, dann wird es Mist. Die Krux ist aber grade, dass jeder meint, bei Planungen mitreden zu können.

    Beschreiben Sie uns Ihr Empfinden, wenn sie die neue LVA-Klinik („Drei-Burgen-Klinik“) zwischen BME und Altenbamberg sehen.

    Diese Klinik ist architektonisch gelungen, eine Bereicherung im medizinischen und rehabilitativen Angebot der Region. Und liegt mitten in einem ruhigen und natürlichen Umfeld, was ihren Herz-Kreislauf-Patienten sicher zugutekommt. Die andere Seite: Muss man einen solchen Bau in diesem unberührten Tal realisieren?

    Die kreiseigenen Häuser an der Baumgartenstraße direkt neben der Kreisverwaltung: Stört Sie deren momentaner Zustand nicht?

    Natürlich. Zwar handelt es sich nicht um herausragende Einzeldenkmäler, aber als Ensemble sind sie ein wichtiger Teil der Bad Kreuznacher Stadtgeschichte. Auf mich wirken sie in ihrem heutigen Zustand wie eine bauliche Wunde. Eine Kommune muss bedacht sein, ihren historischen Bestand zu erhalten und zu einem Mix aus alter und neuer Architektur finden.

    Welche architektonischen Leistungen haben Sie erstaunt?

    Da ist etwa das jüdische Museum in Berlin von Daniel Libeskind oder die kleine, aber beeindruckende Bruder-Klaus-Feldkapelle des Schweizer Architekten Peter Zumthor bei Mechernich in der Nordeifel. Faszinierend der Lichteffekt, wenn man den Innenraum betritt.

    Ein Effekt, den Sie auch bei Ihrer Hildegardiskapelle auf dem Disibodenberg erreicht haben.

    Ja, ich habe mit einem Modell die Proportionen und parallel dazu den genauen Standort festgelegt. Die Entscheidung für das Weiß ist bewusst gefallen. Ich wollte mit den Flügeln links und rechts eine sich öffnende und, dazu kontrastierend, eine hohe, geschlossene Form zusammenführen. Das Risiko eines solchen Bauvorhabens: Einen durch starke Emotionen charakterisierten Ort wie den Disibodenberg kann man durch eine unpassende, misslungene Architektur entweihen.

    Die Fragen stellte Stefan Munzlinger

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