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    LahnsteinEhemaliges Rathaus ist an Investor verkauft

    Aus dem ehemaligen Niederlahnsteiner Rathaus wird ein Hotel: Am Donnerstag stimmten 15 Ratsmitglieder in öffentlicher Sitzung grundsätzlich für den Verkauf des Gebäudes in der Johannesstraße, zwölf Räte enthielten sich. Im anschließenden, nicht öffentlichen Teil, wurden Nägel mit Köpfen gemacht: Der Rat stimmte dem konkreten Kaufangebot eines Lahnsteiner Gastronomen-Ehepaares zu. Der Kaufpreis liegt laut Oberbürgermeister (OB) über dem in einem Gutachten ermittelten Wert für das denkmalgeschützte Gebäude. Die Käufer sind bereits seit Sommer 2016 Besitzer des „Historischen Wirtshauses an der Lahn“ und möchten das ehemalige Rathaus zu einem Hotel mit hochwertigen Gästezimmern ausbauen. Die Fassade soll dabei unberührt bleiben und verschönert werden.

    Foto: tl

    Gleichwohl sich alle Fraktionen mit der Verwaltungsspitze einig waren, dass das Angebot, das baufällige Rathaus zu kaufen, zu sanieren und einer touristischen Nutzung zuzuführen, ein Glücksfall für Lahnstein ist, entwickelte sich eine emotionale Diskussion. Zunächst ging OB Peter Labonte auf die Geschichte des 183 Jahre alten Gebäudes ein, in dem sich bis 1969 der Sitz der Stadtverwaltung Niederlahnstein befand. Nachdem bis 2012 die Bauverwaltung hier residierte, werden seither nur noch einzelne Räume von Vereinen und der Flüchtlingshilfe genutzt. „Sie können heute dafür sorgen, dass die Lichter wieder angehen und die Geschichte weitergeschrieben wird“, sagte Labonte und nannte die Hotelpläne „einen Glücksfall“. Das Gebäude verfalle zusehends, allein im vergangenen Jahr kostete der Unterhalt 13.100 Euro. Zudem gebe es gerade im Bereich hochwertiger Gästezimmer ein großes Defizit in Lahnstein, dies habe jüngst erst die Vorstudie zur Buga 2031 bestätigt. „Städtebaulich trägt die Herrichtung des Gesamtanwesens erheblich zur Aufwertung des Stadtbildes bei“, ergänzte das Stadtoberhaupt. „Mit der Investition wird zudem ein Beitrag zur Standortsicherung des historischen Wirtshauses geleistet.“ Christian Müller schlug für die CDU-Fraktion in die gleiche Kerbe – und hob den Mehrwert für beide Seiten hervor. „Wir haben keine Verwendung für ein denkmalgeschütztes Gebäude; und eine Lahnsteiner Familie möchte eine Millioneninvestition vornehmen: Das ist ein Hauptgewinn.“ Den Vorwurf, die CDU sei flatterhaft in ihren Meinungen, wies der stellvertretende Fraktionsvorsitzende von sich: „Wir setzen nur das um, was wir schon 2011 im Einzelhandelskonzept beschlossen haben.“ Wenn man den Investor hinhalte, auf Konzepte und Gutachten warte, stehe man irgendwann ohne Angebot da.

    SPD-Chefin Gabi Laschet-Einig machte deutlich, dass es ihrer Fraktion nicht darum gehe, ein „sehr erfreuliches Angebot“ einfach abzubügeln. „Wir wehren uns nur dagegen, die Entwicklung von Niederlahnstein per Salamitaktik zu betreiben“, erläuterte sie. Mit dem Rathaus, dem Bauhofsgelände und dem Marktplatz gebe es drei zentrale Flächen in unmittelbarer Nähe. „Bisher wurde immer wieder von allen Fraktionen betont, dass diese Flächen im Zusammenspiel zu sehen sind.“ Zunächst müsse man gemeinsam Entwicklungsziele für das Quartier formulieren – nur deshalb komme der Verkauf „zum gegenwärtigen Zeitpunkt“ nicht infrage. Man fühle sich auch an die Arbeit im Ausschuss gebunden – dieser hatte Mitte Februar einen Verkauf mit dem Hinweis auf die fehlende Gesamtplanung abgelehnt. „Wir sollten erarbeiten, welches Zusammenspiel zwischen den Flächen möglich ist – erst dann hätten wir eine nachhaltige, umfassende Win-win-Situation für Investor und Stadt“, so Laschet-Einig, die vorschlug, vor Ostern eine Sondersitzung einzuschieben. So bestünde die Gelegenheit, in Gesprächen zu ergründen, ob der Investor nicht auch die Bauhofsfläche entwickeln wolle. Lennart Siefert, der Fraktionsvorsitzende der Unabhängigen Liste Lahnstein (ULL), plädierte ebenfalls für diesen Weg. „Ich kann den Zeitdruck, der gemacht wird, nicht nachvollziehen“, so Siefert. „Der Ablauf ist mir besonders sauer aufgestoßen.“ Seine Kritik: Nach einer einstimmigen Ausschussentscheidung, erst mal nicht verkaufen zu wollen, werde 48 Stunden vor einer Ratssitzung in einem „dunklen Hinterzimmer durch ein Beratungsgremium Knall auf Fall eine Entscheidung pro Investor getroffen“. Dem ULL-Chef missfiel auch eine aktuelle E-Mail des Investors, in der dieser ankündigte, sein Angebot zurückzuziehen, sollte der Rat den Verkauf ablehnen oder aufschieben. „Das ist nicht in Ordnung, bei aller Sympathie für das Projekt.“ Grundsätzlich sei das Vorhaben „absolut positiv, aber so, wie die Sache die letzten Tage lief, das ist ein Unding!“.

    Reiner Burkard teilte diese Kritik nicht – für den Fraktionschef der Freien Bürgerliste (FBL) ist es unverständlich, wie man dieses Angebot ablehnen kann. „Denn es werden viele unserer Defizite behoben“, sagte Burkard, der auch keinen Zusammenhang mit dem Marktplatz sehen wollte, „dafür liegen beide Örtlichkeiten zu weit auseinander“. Man dürfe den Verkauf nicht hinauszögern, „sonst sucht sich der Investor etwas anderes“. Die Grünen um Fraktionschef Gerhard Schmidt wollten „zum jetzigen Zeitpunkt“ nicht zustimmen, „wir stehen da voll hinter der Auffassung des Ausschusses“. Auch er kritisierte die jüngste E-Mail („Habe dies als unter Druck setzen empfunden“), die eilige Ältestenratdebatte („Warum schicken alle Fraktionen fähige Leute in den Ausschuss – um dann doch anders zu entscheiden?“) und plädierte für eine Sondersitzung. Dem konnte Sascha Weinbach, einziger FDPler im Rat, nicht folgen. „Einerseits prangern Sie an, dass der Investor sich was Neues suchen will, wenn wir nicht zustimmen. Andererseits verlangen Sie von ihm, den Bauhof zu erwerben, wenn er das Rathaus möchte – wo ist da der Unterschied?“, fragte Weinbach und zeigte sich überzeugt: „Wird der Verkauf abgelehnt, gewinnt keiner.“ Im Anschluss wurde zunächst über die mögliche Sondersitzung entschieden – 12 Jastimmen von SPD, ULL und Grünen standen 15 Neinstimmen (CDU, FBL, FDP, Oberbürgermeister) entgegen. Ein weiterer Antrag, der Verwaltung aufzutragen, „zielführende Gespräche mit dem Investor über eine Entwicklung angrenzender Flächen“ zu führen, wurde ebenso abgelehnt. Also kam der ursprüngliche Antrag der Verwaltung zum Tragen. Der ging gar einstimmig durch – allerdings enthielten sich zwölf Ratsmitglieder.

    Der Käufer zeigte sich auf Nachfrage unserer Zeitung „sehr zufrieden“. Er möchte nun zeitnah mit der Realisierung beginnen, bis zum Beginn der nächsten Tourismussaison im Frühjahr 2018 will er fertig sein.

    Von unserem Redakteur
    Tobias Lui

    Drücken wir dem Investor die Daumen

    Kommentar von Tobias Lui

    Etwas kurios mutete die Diskussion schon an. Die Befürworter eines sofortigen Verkaufs überschlugen sich förmlich in ihrer Lobhudelei für das Projekt. Ein „Glücksfall“, eine „einmalige Chance“, eine „Win-win-Situation“, die so schnell nicht wiederkehren werde – und jeder, der dies verhindere, stehe damit auch der Entwicklung Niederlahnsteins im Wege. Dabei hatten die Kritiker doch vor allem den Werdegang dieser Entscheidung bemängelt: Weshalb wurde eine einstimmige Entscheidung eines Ausschusses, in dem Vertreter aller Fraktionen sitzen, innerhalb von zwei Tagen nach einer Sitzung des Ältestenrats gekippt? Warum drückt die Verwaltung plötzlich so aufs Gaspedal, nachdem wochenlang gar nichts passiert ist? Alles Fragen, die nicht wirklich beantwortet wurden an diesem Nachmittag in der Stadthalle. Sei's drum.

    Das Rathaus ist verkauft. Der neue Eigentümer wirkt seriös, erfahren und scheint – vielleicht das Wichtigste im Hinblick auf die Entwicklung des Stadtteils – ein echtes Herz für Niederlahnstein zu haben. Drücken wir ihm die Daumen, dass die viel strapazierte „Win-win-Situation“ eintritt und in zwei Jahren keiner mehr nach der etwas kuriosen Willensfindung fragt.

    Bad Ems Lahnstein
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