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  • Prägende Erinnerungen: Abschied vom alten Betzdorfer Bahnrangierberg

    Betzdorf. Auf die Spuren seiner Kindheit begibt sich Konrad Theis aus Bruche: Am alten Betzdorfer Bahnrangierberg hat er als Kind das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt.

    Auf die Spuren seiner Kindheit begab sich Konrad Theis: Am alten Betzdorfer Bahnrangierberg hat er als Kind das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt.
    Auf die Spuren seiner Kindheit begab sich Konrad Theis: Am alten Betzdorfer Bahnrangierberg hat er als Kind das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt.
    Foto: Peter Seel

    Von unserem Redakteur Peter Seel

    Der frühere Bahnrangierberg in Betzdorf zwischen den Firmen Schäfer und Elco ist längst von Gestrüpp und allem Bewuchs befreit. In diesen Tagen sollen die Bagger anrücken, um ein neues Gewerbegebiet für Betzdorf zu erschließen. Konrad Theis aus Bruche hat auf der riesigen freien Fläche ein Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg wiedergefunden, von denen es hier damals mehr als ein halbes Dutzend gab: Mannshohe Betonkübel mit 40 Zentimeter dicken Wänden, auf denen damals Fliegerabwehrkanonen – „Vierlings-Flaks“ – gegen die Angriffe der Alliierten postiert waren, die den Bahnhof attackierten. Bei einem Besuch auf dem Gelände fallen Theis düstere Geschehnisse ein, die er hier erleben musste – aber auch Erinnerungen an schöne Kindheitstage.

    Der 79-Jährige hat immer wieder Tränen in den Augen, wenn er von den letzten Wochen des Weltkriegs erzählt. Denn er musste in diesem Teil Betzdorfs als Achtjähriger furchtbare Dinge mit ansehen. „Da träume ich heute noch von“, sagt er – und schaut weg, über die karge Fläche in Richtung Industriebrücke. Da, wo die Firmen Rexnord und Elco aneinanderstoßen, habe damals ein Gefangenenlager der Nazis gestanden, erzählt er dann weiter. Dort hätten vor allem Russen und Polen leben müssen, unter anderem Frauen. „Das müssen so 200 Leute gewesen sein, immer umgeben von bewaffneten Wachleuten“, sagt Theis. „Die halb verhungerten Menschen mussten als Zwangsarbeiter die Bahnlinie instand halten, mit Hacke und Schaufel.“

    Einmal sei beim Entladen eines Güterwaggons über dem Lager eine Fuhre Kohlköpfe den Hang hinuntergerollt, um im Keller gelagert zu werden. „Ich spielte als Kind hier an den Gleisen und sah, dass einer der Gefangenen sich ein paar Blätter der Kappesköppe einsteckte. Da kam einer der Wachleute und knallte ihm den Gewehrkolben gegen den Kopf, dass er umfiel. Dann haute der Soldat weiter auf ihn ein. Er hat ihn totgeschlagen...“ Eine andere Geschichte war aber noch viel schlimmer. „Da gab's etwa in Höhe der heutigen Industriebrücke eine Stahlbrücke. Da stand ich als Junge drauf und sah zu, wie unter mir an den Bahngleisen die Russen arbeiteten, auch Frauen. Etwas abseits sah ich so einen Haufen alte Kleidung und Lumpen liegen. Da drin bewegte sich auf einmal was. Plötzlich kreischte eine der Frauen und rannte hin. Es war ein Säugling, der weinte.“ Doch bevor die Frau da war, kamen die Wachen. „Einer von denen schlug mit seinem Gewehrkolben so lange auf die Lumpen, bis sich nichts mehr da drin bewegte. Die zwei anderen schauten zu. Die Mutter bekam auch einen Schlag, blieb aber am Leben.“ Der Junge verstand das alles nicht und rief spontan hinunter: „Onkel, was machst Du denn da?“ Da hob einer das Gewehr und feuerte knapp über den Kopf  des kleinen Konrad hinweg. „Ich rannte weg, Richtung Bruche. Da kam mir mein Vater entgegen. Ganz aufgeregt, wollte ich ihm alles erzählen – aber er hat mir schnell den Mund ganz fest zugehalten. Später auf dem Heimweg hat er sich auf einen Baumstamm gesetzt und geweint wie ein Kind. 'Wo sind wir hingekommen?', hat er immer wieder gesagt...“

    Nicht nur der Vater von Theis war mit dem Terrorregime und seinem Vernichtungskrieg nicht einverstanden. Seine Mutter Anna versteckte in den letzten Kriegsmonaten einen Polen, der aus dem Zwangsarbeiterlager am Rangierberg geflüchtet war. „Der lebte bei uns, bis die Amis kamen“, entsinnt sich Theis. „Sie versteckte ihn auf dem Scheunenspeicher, sogar wir Kinder haben nichts gemerkt. Heimlich brachte sie ihm abends was zu essen...“

    Und dann berichtet Theis von den Flak-Kübeln, die am Rangierberg auf die angreifenden Tiefflieger feuerten. Drei der Rohre der Vierlings-Flak waren scharf geladen, das vierte mit Leuchtmunition, sodass man auch nachts schießen konnte. „Dauernd hörte man die Schüsse. Es waren ja nur zehn Minuten zu Fuß von unserem Haus.“

    Nach dem Krieg sei das ganze Areal zum Paradies für die Kinder geworden. „Wir haben hier überall gespielt“, sagt Theis, „vor allem die zerschossenen Loks hatten es uns angetan.“ Hier stellte nämlich damals die Lokomotivfabrik Jung-Jungenthal die im Krieg demolierten Lokomotiven ab und holte sie nach und nach zur Reparatur nach Kirchen. „Die standen hier auf zehn Gleisen und man sah ihnen an, dass Bomben sie getroffen hatten. Bis die abgeholt wurden, spielten wir da drin Lokomotivführer und so was.“ Einmal seien er und ein paar Freunde so sehr beschäftigt gewesen, dass sie gar nicht gemerkt hätten, dass ihr Gefährt von einer intakten Lok abgeschleppt wurde: „Wir saßen im Feuerkasten – und plötzlich fuhr das Ding“, lacht Theis. „Die im Jung-Werk haben sich ganz schön gewundert, als da auf einmal drei Knirpse aus der Lok purzelten.“ Zu Fuß mussten die Kinder wieder nach Bruche gehen. Was gar nicht so schlimm war – aber die Eltern hatten sich schon Sorgen gemacht: „Da kriegten wir erst mal den Arsch verhauen...“

    Überall auf dem Gelände lagen nach dem Ende des Hitler-Krieges leere Geschützhülsen der Vierlingsflak herum. „Die sammelten wir und brachten sie zum Schrotthandel, zum Lotz' Wilhelm in Betzdorf. Es gab, glaub ich, 50 Pfennige pro Kilo.“ Und in den verwaisten Betonkübeln, in denen längst keine Geschütze mehr montiert waren, spielten die Jungen, hatten ihre Verstecke darin. „Wir hatten die schlimmen Zeiten geschafft“, sagt Konrad Theis.

    Nach der goldenen Ära der Betzdorfer Bahn wuchs der alte Rangierberg langsam zu. Heute ist er wieder frei – für ein neues Kapitel Betzdorfer Geschichte.

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