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    Kommentar: Der Vater muss den Kindern weitere Pein ersparen

    Stefan Nitz zum Missbrauchsfall in Fluterschen

    Stefan Nitz
    Stefan Nitz

    Fluterschen berührt, schockiert, empört, macht fassungslos. Ein Vater zeugt mit seiner Adoptivtochter in zehn Jahren acht Kinder, zwingt seine leibliche Tochter zur Prostitution, schaut zu, macht mit, kassiert Geld, vergeht sich am Sohn.

    Sexueller Missbrauch, Alkoholexzesse und Gewalt in einem Haus mitten in einem Dorf im Westerwald. Gerüchte kursieren, häufiger erscheint die Polizei. Bürger hegen ob der Ähnlichkeit der Kinder zum Stiefopa Verdacht. Das Jugendamt agiert. Dennoch darf all das Grausame, Menschenleben verachtende und vernichtende geschehen. Nicht in der anonymen Großstadt, sondern hinter einer Fassade der Idylle.

    Amstetten, Winnenden, Fluterschen: Es stellen sich einmal mehr die Fragen, die sich immer stellen, nachdem etwas Schreckliches geschehen ist. Wie konnte das passieren? Warum griff niemand ein, obwohl es seit Jahren Verdachtsmomente und Spekulationen gab? Und vor allem: Was ist das für ein Vater, für ein Mensch, für ein Monster, der seinen Kindern derartiges Leid zufügt? Welche Rolle spielte die Mutter? Und wohin schauten die Menschen im Dorf?

    Im Fokus der Vorwürfe steht wie so oft das Jugendamt. Was hat es geahnt, was gewusst, was getan? Hatte es wirklich keine Handhabe? Weil man Familien nicht auseinanderreißen darf, wenn Opfer aus Angst, Scham und Verzweiflung sich auch auf bohrende Nachfragen nicht öffnen? Weil für sie ein unnormales Leben Normalität ist, da sie ein anderes nicht kennen? Weil sie sich mit ihrem Schicksal arrangieren?

    Und welche Lehren ziehen wir? Dass man nachher immer klüger ist. Dass der große Aufschrei hinterher ein kleinerer sein könnte, wenn vorher mehr hin- als weggeschaut worden wäre.

    Erst die Berichterstattung in unserer Zeitung brachte die Mauer des Schweigens im Westerwald zum endgültigen Einsturz. Die Opfer trauen sich an die Öffentlichkeit. Antworten auf die vielen Fragen erwarten wir ab Dienstag vor der Strafkammer am Landgericht Koblenz.

    Der schweigende Vater könnte der mutmaßlich von ihm geschundenen Familie einen letzten Dienst erweisen und den Kindern mit einem umfassenden Geständnis noch mehr Pein ersparen. Unser Mitgefühl gilt den Kindern, denen es unsagbar schwer fallen wird, das Unfassbare zu realisieren, zu verarbeiten und irgendwann ein einigermaßen normales Leben zu führen.

    Uns bleibt zudem die Erkenntnis, dass Fluterschen potenziell nicht im Westerwald, sondern überall liegen kann. Und dass wir hinschauen müssen.

    E-Mail an den Autor: stefan.nitz@rhein-zeitung.net

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