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    BetzdorfBetzdorfer Straßen: Julia Schmidl erzählt vom Verkehrshorror

    Jeder Ort hat verkehrstechnisch so seine Highlights, da ist sich Julia Schmidl sicher. So auch in ihrer Heimatstadt Betzdorf. Ob die 38-Jährige die Höhepunkte dabei positiv oder negativ finden soll, ist sie sich nicht immer sicher. Wer beim Autofahren jedenfalls den echten Nervenkitzel sucht, sollte sich nach Betzdorf wagen. Zur Aktion „RZähl's Sabrina“ wollte sie ihre „kleine, böse Geschichte beisteuern“, denn – so erklärt sie – „da bin ich bestimmt nicht die Einzige hier, die diese Erlebnisse hat“.

    Die Gäulenwaldstraße: Für Julia Schmidl ist das die Betzdorfer Verkehrshölle. Über das Auto fahren in ihrer Heimatstadt schrieb sie eine Geschichte. Foto: Sabrina Rödder
    Die Gäulenwaldstraße: Für Julia Schmidl ist das die Betzdorfer Verkehrshölle. Über das Auto fahren in ihrer Heimatstadt schrieb sie eine Geschichte.
    Foto: Sabrina Rödder

    In ihrer Kurzgeschichte erzählt die junge Frau von ihrer „Lieblingsstelle“, der sie wohl oder übel begegnet, wenn sie mit ihrem roten Flitzer vom Scheuerfelder Rewe-Markt aus nach Hause fährt: „Ich setze den Blinker rechts, hole noch einmal tief Luft und biege ein – in den Vorhof der Betzdorfer Verkehrshölle: die Gäulenwaldstraße.“ Erst wenn sie ihren Twingo bei ihrem Haus in der Oehndorfstraße parkt, weiß sie: „Noch mal Glück gehabt.“

    Weniger Glück hatte mal ihr Freund bei einer Spritztour durch die Stadt an Sieg und Heller. An der abknickenden Vorfahrtsstraße aus Richtung Rainchen kommend wollte er in die Oehndorfstraße abbiegen. Hätte er weniger scharf bremsen sollen? Hätte er schneller abbiegen müssen? Egal, es war zu spät: Eine junge Frau krachte ihm ins Auto. Und was tun, wenn man es mindestens einmal pro Tag mit dieser Ecke aufnehmen muss? Julia Schmidl sagt: „Obwohl wir geradeaus fahren, blinken wir Anwohner der Oehndorfstraße jetzt immer links.“ Manche Verkehrsteilnehmer würden es anders einfach nicht verstehen.

    Mit ihrem roten Twingo ist die 38-Jährige immer unterwegs.
    Mit ihrem roten Twingo ist die 38-Jährige immer unterwegs.
    Foto: Sabrina Rödder

    Geschrieben hat die Deutschlehrerin die Geschichte vor einem Jahr. Wenn sie Zeilen zu Blatt Papier bringt, dann eigentlich nur für ihre Schüler: „Für den Unterricht erfinde ich gern mal Geschichten und Dialoge, wenn ich nichts Geeignetes finde.“ Wenn sie die Geschichten nicht gerade für die Schule schreibt, dann landen die meist in der Schublade oder fressen ihren Speicherplatz am PC. Die Geschichte „Fahrt des Grauens“ mit regionalem Bezug kramte sie jetzt noch mal hervor. Über ihre „Lieblingsstrecke“ schreibt Julia Schmidl: „Ich bin am Höhepunkt der Horrorstrecke angekommen: Die Gäulenwaldstraße macht einen Linksknick. Mutig taste ich mich an den parkenden Autos vorbei – hauptsächlich auf der Gegenfahrbahn. Und da kommt er schon, der Gegenverkehr. Entgegenkommende Fahrzeuge rechtzeitig sehen? Wer braucht denn so etwas? Ich quetsche mich zwischen die rechts parkenden Autos. Ich will gerade meine Deckung verlassen, da ziehen Mercedes und Golf an mir vorbei. Okay, ich habe das in der Fahrschule anders gelernt, aber was soll's.“ Die Fahrweise der Betzdorfer würde sie alles andere als tiefenentspannt bezeichnen.

    Als die gebürtige Wetzlarin vor zwölf Jahren auf beruflichen Gründen nach Betzdorf kommt, will sie sofort ihre Versetzung beantragen. Doch sie bleibt. Und jetzt? „Jetzt fühle ich mich hier wohl. Ich würde sogar heimisch sagen.“ Vielleicht ja wegen der vielen positiv-negativen Höhepunkte im Straßenverkehr ...

    Von unserer Reporterin Sabrina Rödder

    Fahrt des Grauens: Sie wollen den absoluten Kick? Suchen die Gefahr? Brauchen echten Nervenkitzel? Fahren Sie Auto in Betzdorf!
    Geräuschvoll fällt die Kofferraumklappe zu. Zufrieden mit meinem Einkauf lasse ich mich auf den Fahrersitz meines feuerroten Twingos fallen und drehe den Zündschlüssel. Beim Verlassen des Parkplatzes umfahre ich drei ältere Damen, die ihr Kaffeekränzchen spontan vor der Eingangstür des Supermarktes abhalten, sie fühlen sich jedoch von meinem Manöver überhaupt nicht gestört. Blinker rechts, ich biege ein auf die Scheuerfelder Straße. Gemütlich cruise ich die breite Straße entlang, außer ein paar parkenden Autos gibt es keinerlei Hindernisse.
    Aber das eigentliche Problem steht mir ja noch bevor. Ich merke, wie ich unruhig auf dem Fahrersitz hin und her rutsche und meine Handinnenflächen schweißig nass werden. Meine Freude darüber, dass mir am Ende der Scheuerfelder Straße, wo immer auf der Gegenfahrbahn bergauf ein Auto parkt, mal kein Auto auf meiner Spur entgegenkommt, währt nur kurz. Ich setze den Blinker rechts, hole noch einmal tief Luft und biege ein in den Vorhof der Betzdorfer Verkehrshölle: die Gäulenwaldstraße.
    Mutig taste ich mich vor, an den parkenden Autos vorbei, hauptsächlich auf der Gegenfahrbahn fahrend. Und da kommt er schon, der Gegenverkehr. Ich quetsche mich zwischen die rechts parkenden Autos, die zwar alle artig in ihren eingezeichneten Flächen stehen, aber leider auch alle zuhause sind. Dem Mercedes-Fahrer hinter mir ist das Glück leider nicht hold: Er steht Auge in Auge mit dem entgegenkommenden Audi. Der Fahrer scheint wenig begeistert, er gestikuliert wild. Ich stehe weiter in meiner Lücke. Der Mercedes setzt zurück, der Golf dahinter auch. Ein spannendes Schauspiel im Rückspiegel. Endlich prescht der Audi vorbei. Ich will gerade meine Deckung verlassen, da ziehen der Mercedes und der Golf an mir vorbei. Ok, ich habe das in der Fahrschule anders gelernt, aber was soll´s. Jetzt kommt meine Chance. Ich arbeite mich voran. Zwei Mal muss ich mich noch zwischen parkenden Fahrzeugen verstecken, bis ich am Höhepunkt der Horrorstrecke angekommen bin. Die Gäulenwaldstraße macht einen Linksknick. Rechts ist eine eingezeichnete und- wie sollte es anders sein- genutzte Parkfläche. Entgegenkommende Fahrzeuge rechtzeitig sehen? Wer braucht denn sowas? Ich wappne mich für den großen Moment. Blinker links, Augen zu (man sieht ja eh nichts) und hoffen, dass kein Gegenverkehr kommt und dass wenn doch, dieser wenigstens nicht zu schnell fährt. Mittlerweile schwitze ich trotz Minusgraden und das liegt nicht an der Heizung meines Twingos. Los geht´s! Eine gefühlte Stunde später habe ich die parkenden Autos umfahren- ohne Gegenverkehr. Nochmal Glück gehabt. Mein Puls normalisiert sich, als ich durch die Eberhardystraße nach Hause fahre.
    Zuhause mit den Einkäufen angekommen, finde ich die Benachrichtigung der Post, dass mein Paket in der Packstation abgeholt werden kann. Also nochmal los, Richtung Kirchen. Schon während ich durchs Rainchen fahre, schnellt mein Puls wieder in die Höhe. Schreckensszenarien tauchen vor meinem geistigen Auge auf: LKW, denen die 30kmh in der Steinerother Straße völlig egal sind, die von oben heranpreschen und meinen linksabbiegenden, kleinen, roten Twingo unter sich begraben. Jetzt geht aber die Phantasie mit mir durch. Noch während ich eifrig dabei bin, mir Mut zuzusprechen, entscheide ich mich um, setze den Blinker links und biege anschließend sofort wieder rechts in die Kirchstraße ein, um unter der Eisenbahnbrücke durchzufahren und am Rathaus vorbei durch die Hellerstraße mit Hilfe der Ampel wieder heil auf die Steinerother Straße zu kommen.
    Ach, da ist „Anlieger frei“? Ich habe ein Anliegen: Überleben!
    Julia Schmidl

     

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