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    Pittsburgh – eine Schönheit mit Rissen

    In der Ostküsten-Metropole Pittsburgh findet der deutsche Gast viel Vertrautes und ein Eck wie in Koblenz. Doch Trump hat auch diese Region verändert.

    Das Deutsche Eck in Pittsburgh: In der 300 000-Einwohnerstadt heißt die Spitze, an der aus Allegheny und Monongahela River der Ohio River wird, das Goldene Dreieck. Standseilbahnen transportieren die Touristen auf die Anhöhen rund um Pittsburgh.
    Das Deutsche Eck in Pittsburgh: In der 300 000-Einwohnerstadt heißt die Spitze, an der aus Allegheny und Monongahela River der Ohio River wird, das Goldene Dreieck. Standseilbahnen transportieren die Touristen auf die Anhöhen rund um Pittsburgh.

    Es gibt seltsame Momente in den Häusern des wohl bekanntesten amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright. Momente der Vertrautheit an einem eigentlich fremden Ort. Der Gang durch einen Flur, entlang an einem Hochschrank aus hellem Holz, darüber eine Fensterfront, der Blick ins Grün, auf den Fels. Das Wohnzimmer: Ein Sekretär steht vor einer breiten Fensterfront auf einem Felsfußboden. Der Blick geht in den Wald. Auf der einen Seite des Zimmers schaut man durch ein großes Fenster direkt ins Grün, ein Baum scheint im Haus zu stehen. Wright, heißt es, hat mit seiner Architektur zwei Ziele verfolgt: Er will die Menschen aus seinen Häusern in die Natur ziehen und die Natur in seine Häuser bringen.

    Und so atmen seine berühmten Bauwerke in den Bergen rund um Pittsburgh ein und aus. Der Mensch ist mittendrin. Das berühmte Fallingwater oder Kentuck Knob sind bis ins kleinste Detail ausgetüftelte Kunstwerke, die ihre Bewohner mit Schrägen, verwinkelten Fenstern, niedrigen Decken oder schmalen Durchgängen dirigieren, um ihnen zugleich eine große Entfaltungsfreiheit zu geben.

    Gelenkt werden und doch frei sein – vielleicht sind dies menschliche Bedürfnisse, die Wright nutzte, damit sich Menschen besonders vertraut in seinen Häusern fühlen. Vielleicht entsteht die Vertrautheit des Besuchers aber auch schlicht daraus, dass Wrights Ideen in der modernen Wohnkultur viele Nachahmer gefunden haben. Architektur als Erinnerungskultur also.

    Vertrautheit, aber auch ihr Gegenstück: die Entfremdung, manchmal sogar der Raub des Vertrauten – das ist ein sehr typisches Motiv, das einem europäischen Reisenden an der US-Ostküste begegnet. Amerika ist hier noch sehr stark ein Gebräu des alten Kontinents – eine Exportmischung europäischer Ideen, Werte, Architektur, Traditionen, Sprache und natürlich Menschen. Und Jahrhunderte später ist aus Irischem, Britischem, Französischen, Italienischem, Deutschem – später angereichert durch afroamerikanische und lateinamerikanische Fruchtnoten – ein Gebräu entstanden, das Europäer vergöttern, lieben, manchmal aber auch verabscheuen und sogar hassen können.

    n Pittsburgh schmeckt diese Mischung oft sehr vertraut deutsch, sogar mittelrheinisch – wie ein guter Riesling. Wer mit dem Duquesne Incline, einer Standseilbahn, steil zum Mount Washington hochfährt, fühlt sich für einen Moment wie im Mittelrheintal – beim Blick von der Ehrenbreitstein aufs Deutsche Eck. In Pittsburgh nennen sie den Ort, an dem aus Allegheny River und Monongahela River der Ohio River wird, das Goldene Dreieck. Wo in Koblenz am Zusammenfluss von Rhein und Mosel das Kaiser-Wilhelm-Denkmal steht, sprudelt in der US-Metropole eine gewaltige Wasserfontäne im Point State Park. Und wo in Koblenz die Altstadt beginnt, thronen in Pittsburgh die Wolkenkratzer in Downtown. Doch der Tourist aus dem Mittelrheintal blickt auch verwundert und neidisch in das Flusstal der US-Großstadt: An Brücken mangelt es der einstigen Hochburg der US-Stahlindustrie nicht. 446 hat der frühere Geophysik-Professor Bob Regan aus Pittsburgh in der 300.000-Einwohnerstadt gezählt – angeblich mehr als in Venedig. In der Region um Pittsburgh soll es sogar fast 2000 Brücken geben.

    Der Einfluss deutscher Einwanderer ist in Pittsburgh wie in vielen Städten der Ostküste deutlich spürbar. Doch man muss das Deutsche aufspüren, weil es meist unsichtbar geworden ist – Folge einer Assimilierungswelle der Deutschen in den USA nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Was damals untertauchte, wird heute wiederentdeckt. Wie in Pittsburghs einstiger Schmuddelecke, der North Side. Dort hat sich am Rand des Highway I-279 Deutschtown versteckt. In den 1850er-Jahren ließen sich hier deutsche, österreichische und Schweizer Immigranten nieder. Schließt man für einen Moment die Augen, versucht zu vergessen, dass man in den USA ist, öffnet dann die Augen wieder und geht durch die Alleen mit prachtvollen Backsteinhäusern, dann könnte man für einen Moment glauben, durch eine Straße in einem Szeneviertel von Bonn oder Berlin zu gehen. Laternen an den Häusern, Efeu umspielt die Eingangstüren, Blumen stehen vor den Treppeneingängen und Holztüren.

    Doch das Deutsche ist hier mehr Vergangenheit denn Gegenwart. „Deutsche leben hier kaum noch“, erzählt John Graf, Eigentümer des Priory Hotel. Seine Eltern haben das von deutschen Benediktinermönchen im 19. Jahrhundert gebaute Kloster in den 1980er-Jahren gekauft und zu einem schicken Familienhotel ausgebaut. Wer die gediegene Herberge das erste Mal aufsucht, erschrickt zunächst ein wenig. Die Nachbarschaft ist geprägt von Highway, Supermarkt, Krankenhäusern und eher ärmeren afroamerikanischen Familien. Graf, dessen Urgroßvater aus der Schweiz kam, ist sich dessen bewusst, doch er weiß auch um den Charakter der North Side: die vielen schönen Straßenzüge, immer mehr kleine Bierbrauereien, Künstler, die durch den morbid-herben Charme des Viertels angezogen werden. Die Immobilienpreise steigen jedenfalls. Es gibt sogar Initiativen, wieder mehr Deutsche in das Viertel zu locken. Überhaupt deutschtümelt so einiges in der North Side: Es gibt einen Teutonia Männerchor, und ein deutsches Auto gehört offenbar für viele Einwohner des Viertels zum Statussymbol. In Pittsburgh gibt es sogar noch eine deutsche Teilung: Der Highway trennt Deutschtown in einen eher edlen Westteil und einen heruntergekommenen Ostteil.

    Die Baseball- und Footballfans, berichtet Graf, lieben Deutschtown jedenfalls – aber vor allem für die Nähe zum PNC-Park der Pittsburgh Pirates und zum Heinz Field der Pittsburgh Steelers. Wer Pittsburgh, die USA kennenlernen will, der muss dessen Sport erleben. Denn Baseball, Football und in Pittsburgh ganz besonders Eishockey sind hier mehr als Sport in den Topligen der USA. Es ist ein gesellschaftliches Ereignis, Geschichte, ein Ort für Legenden, für Tragödien, Komödien, oft aber einfach auch Familienausflug, Vergnügen, ein Treffen der Generationen. Und gerade in Pittsburgh sollte es fester Bestandteil des touristischen Programms sein.

    PNC Park etwa. Auch wenn man keine Ahnung von Pitchern, Catchern und Innings hat, ist ein Besuch in dem Ballpark am Alle-gheny River ein Muss. Das 38.000 Besucher fassende Stadion ist eines der wenigen in der Major League Baseball, in dem man die Spieler dank einer sehr offenen Bauweise auch dann nicht aus dem Blick verliert, wenn man sich etwas zur Erfrischung holt – was beim Baseball angesichts einer mehrstündigen Spielzeit üblich ist. Atemberaubend ist der Blick auf die gelbe Roberto-Clemente-Brücke und die Skyline von Pittsburgh, die sich vor den Augen der Fans hinter den Tribünen aufbaut. Und Baseball ist für viele Europäer etwas so Unvertrautes, dass es sich lohnt, dem Treiben auf und jenseits des Spielfelds als neugieriger Tourist einmal für einige Stunden zuzuschauen.

    Danach kann man mit den Fans durch die North Side oder Downtown pilgern. Pittsburgh ist eine sogenannte Walking City – eine Stadt, in der man als Fußgänger neben den Tausenden Autos nicht untergeht. Man kann die Stadt zu Fuß erkunden. Vor 50 Jahren wäre das noch verrückt gewesen. Damals war Pittsburgh die Heimat der Stahl-, Kohle und Glasindus-trie. Smokey City, die verrauchte Stadt wurde sie damals geschimpft. Doch in den 1970er- und 1980er-Jahren verloren durch die Krise der Stahlindustrie Hunderttausende ihre Jobs. Die Arbeitslosigkeit stieg auf 17 Prozent.

    Pittsburgh war am Boden – und erfand sich neu. Neue Wirtschaftsmotoren wurden die Gesundheitsbranche, Forschungseinrichtungen und nicht zuletzt viele Technologieunternehmen. Firmen wie Google, Microsoft, Apple oder Intel haben ihre Forschungslabore in Pittsburgh errichtet. Und Uber testet seine selbst fahrenden Autos auf Pittsburghs Straßen.

    Heute gilt die Stadt als eine der lebenswertesten der USA. Aus der verrauchten ist die grüne Stadt geworden, die Arbeitslosenquote auf weniger als 5 Prozent gesunken. Stolz erzählen Stadtführer, dass viele öffentliche Gebäude Niedrig- oder sogar Nullenergiehäuser sind, also nur so viel Energie verbrauchen, wie sie selbst produzieren.

    Da überrascht es wenig, dass Politiker und Wirtschaftsvertreter in Pittsburgh US-Präsident Donald Trump und seine erzkonservative Energiepolitik kritisch sehen. Trump bescherte Pittsburgh jüngst zweifelhaften Ruhm, als er den Austritt der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen mit den Worten begründete: „Ich wurde gewählt, um die Menschen von Pittsburgh zu repräsentieren, nicht von Paris.“ Bürgermeister Bill Peduto konterte prompt per Twitter: „Fakt ist: Hillary Clinton erhielt in Pittsburgh 80 Prozent der Stimmen. Pittsburgh steht zur Welt und wird das Pariser Abkommen befolgen.“

    Der 52-jährige Demokrat war im Jahr 2015 selbst nach Paris gereist, um das Abkommen mitzugestalten. „Wir waren die Stadt, die wie China heute ist, als der Rauch die Luft so stark verschmutzte, dass die Straßenlaternen 24 Stunden lang an blieben.“ Und Peduto twitterte später, dass seine Stadt das Klimaabkommen einhalten werde – „zugunsten unserer Bürger, unserer Wirtschaft und Zukunft“. Zusammen mit anderen Städten will der Demokrat auf diesen Weise Front gegen Donald Trumps Antiklimaschutzpolitik machen.

    Auch Bill Flanagan von der Allegheny Conference on Community Development, so etwas wie eine Entwicklungsagentur für Pittsburgh und Umgebung, hält Trumps Wirtschaftspolitik für rückwärtsgewandt. Eine Renaissance der Stahl- und Kohleindustrie, wie sie der US-Präsident für den einstigen Rostgürtel der USA vorschlägt, zu dem auch Pennsylvania gehört, sei für eine Stadt wie Pittsburgh geradezu eine Provokation. „Wir haben in Pittsburgh längst das 21. Jahrhundert erreicht. Das ist ein Denken aus einer anderen Zeit“, sagt der Wirtschaftsexperte.

    Doch wer sich länger mit Einheimischen wie Flanagan unterhält, der spürt auch die Brüche und die Unsicherheit, die Trumps Wahl offengelegt hat. Denn so sehr der wirtschaftliche und soziale Umbruch in der Metropole zu gelingen scheint, umso schwieriger ist die Lage rund um Pittsburgh. Zwar hat das Allegheny County, also der Landkreis rund um Pittsburgh, auch mehrheitlich für Clinton gestimmt. Doch schon wenige Kilometer weiter ist Trump-Land. Hier hat der Milliardär den Swing State Pennsylvania im November überraschend für sich geholt. Flanagan ist überzeugt, dass Trump die Uhren in der grünen Metropole Pittsburgh nicht mehr zurückdrehen kann – der Widerstand wäre zu groß. Doch die Stadt ist umkreist von wütenden Verlierern des wirtschaftlichen Umbruchs – Trump-Territorium. Das verunsichert auch selbstbewusste Lobbyisten wie Flanagan. Seine Antwort ist nicht nur der ökologisch-innovative Pittsburgh-Weg, sondern auch eine äußerst umstrittene Energiequelle: Erdgas, das aus tiefen Gesteinsschichten mittels Fracking gefördert wird. Hier setzt Flanagan ironischerweise auf Donald Trump, der diesen alles andere als umweltverträglichen Fördermethoden aufgeschlossen gegenübersteht.

    Ganz tief im Trump-Land steht Frank Lloyd Wrights Fallingwater. Der Landkreis Fayette County, eine Autostunde südlich von Pittsburgh, ist einer der ärmsten des Bundesstaates. Daran kann auch der Touristenmagnet Fallingwater nichts ändern. Viele haben hier Trump gewählt, weil sie hoffen, dass mit ihm die Kohleindustrie in ihre Region zurückkehrt. Das war nach seinem Überraschungssieg in Zeitungen zu lesen. Es wäre das genaue Gegenteil des Erfolgsmodells Pittsburgh.

    Wer durch Frank Lloyd Wrights Meisterwerk in den Bergen vor Pittsburgh geht, der fühlt viel Vertrautes, sieht viel Perfektion. Doch längst ist bekannt, dass Wright zu wenig Stahl für den Beton verwendet hat – wider besseres Wissen. Das berühmte Haus mit dem Wasserfall ist deshalb rissig – ein ständiger Sanierungsfall. Wie Pittsburgh, wie die USA. Eine Schönheit mit tiefen Rissen.

    Von unserem Redakteur Christian Kunst

    Wissenswertes für Reisende

    Anreise: Viele Airlines wie United oder KLM fliegen Pittsburgh über mehrere Stationen an. Einen Direktflug bietet ab Frankfurt Condor an.

    Zielgruppe: Für alle, besonders individuell reisende Familien und Singles Beste Reisezeit: Frühjahr und Herbst

    Unsere Ausflugstipps:

    • Andy Warhol Museum: erlebnisreiche Reise in das Leben des berühmtesten Sohns Pittsburghs
    • Heinz History Center: interessante Einblicke in die Geschichte Pennsylvanias und Pittsburghs
    • Children’s Museum of Pittsburgh: ein Muss für Familien, gelegen mitten im vielfältigen und bunten Stadtviertel North Side
    • Wigle Whiskey: Es ist nicht nur schön, einen Whiskey zu genießen. Hier erfährt man, wie ein solch feiner Tropfen entsteht. Lustige und interessante Führung in die Welt der Prohibition und Pittsburgh Revolte dagegen.
    • Pamela's Diner: Hier hat schon Barack Obama seine Pancakes beim Frühstück genossen.

    Unser Autor ist gereist mit United Airlines und hat übernachtet im Priory Hotel und im Seven Springs Resort. Diese Reise wurde unterstützt von Visit Pittsburgh.

    Norddeutscher Grünkohl – made in Pittsburgh

    Von unserem Redakteur Christian Kunst

    Vor drei Jahren gab es in New Orleans einen Grünkohl-Skandal. Auslöser war eine Reisegeschichte in der „New York Times“. Die Autorin zitierte darin eine niederländische Schauspielerin, die in die Südstaaten-Metropole gezogen war: „New Orleans ist nicht kosmopolitisch. Es gibt hier keinen Grünkohl.“ Der Aufschrei war groß – in Zeitungen, sozialen Medien und Restaurants gab es Hinweise, wo man sehr wohl guten Grünkohl, auf Englisch kale, essen könne. „Kale-Gate“ war geboren. Es war ein Protestruf der von New Yorkern belächelten Provinz.

    Knapp drei Jahre bevor die amerikanische Provinz auch an den Wahlurnen ihre Stärke demonstrierte. Doch anders als bei Trump war es ein Aufschrei des vielfältigen Amerika. Und wie schmeckt diese Vielfalt? In einer kleinen Seitenstraße im Strip District von Pittsburgh – 1800 Kilometer nördlich von New Orleans – habe ich sie geschmeckt. Im Café der „Enrico Biscotti Bakery“ traf ich am Herd Roy Godine – aus New Orleans.

    In einem Topf bereitete er Grünkohl zu. Ich probierte ihn und war platt: Er schmeckte wie in Norddeutschland. Godine erzählte, dass sie den Kohl in New Orleans mit einer Grützwurst essen – Pinkel. Und dass sie den Kohl über Nacht ziehen lassen – so macht es auch meine Mutter. Roy Godine und ich lächelten uns an, als wir Tschüss sagten. Ich dachte mir: Wir Provinzeier sind die wahren Kosmopoliten.

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