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    In Rotterdam führt der Weg meist ans Wasser

    Seit eh und je herrscht in der quirligen Hafenstadt ein Kommen und Gehen.

    Von unserer Chefreporterin Nicole Mieding

     

    Geschichte? Ist was für dicke, staubige Bücher. Darin lässt sie sich gut verwahren. Aber es gibt Momente, da holt sie einen ein. Dringt durch in die Gegenwart - plötzlich und unerwartet. Nach einem ausgiebigen Frühstück auf dem Weg zum Händewaschen zum Beispiel. Kurz vor der Toilette steht da diese Vitrine. Das Betrachten der Stücke hinter Glas hält auf - weil jedes Stück für ein Schicksal steht und Geschichten aus einem fast vergessenen Leben erzählt. Das sorgsam mitgeführte Nähzeug etwa, weil der Passagier die neue Welt in alten Kleidern betritt. Zwei Goldknöpfe von einer Marineuniform. Wurden sie verloren oder gestohlen? Auf der Fahrt ins Ungewisse konnten sie jedenfalls zum Zahlungsmittel taugen. Ganz sicher aber vermisste sie keine jener Herrschaften, die die Sitzordnung der "TSS New Amsterdam" am 27. Juli 1907 mit Namen kennt: Zum Dinner in der ersten Klasse werden die Honoratioren fein säuberlich nach Stand und Rang sortiert. Das Unterhaltungsprogramm kündigt einen karibischen Abend an. Zum Heimischfühlen serviert der Kellner an der Bar kontinentale Drinks.

    Was es heißt, die Heimat hinter sich zu lassen, um in eine ungewisse, aber hoffentlich bessere Zukunft aufzubrechen, können Gäste des Rotterdamer Hotels New York in jedem Winkel spüren. An diesem historischen Ort lässt sich europäische Geschichte nachfühlen, die eine Geschichte von Flucht und Vertreibung ist. Zahllose Aus- und Einwandererschicksale haben auf dem Wilhelminaplein, der Landzunge zwischen dem alten Hafenviertel und Rotterdams moderner Innenstadt, ihren Anfang genommen. Das Viertel ähnelt mit seinen Hotels, Büro- und Wohntürmen, dazwischen Restaurants und alte Lagerhäuser, nicht zufällig an Manhattan. Zeitgenössische Kosmopoliten kommen hier am neuen Kreuzfahrtterminal an, nur wenige Schritte weiter an der äußersten Spitze der Landzunge liegt sein historisches Vorbild: das Hotel New York, bis 1984 Verwaltungsgebäude der traditionsreichen Holland-Amerika-Linie. Deren Ozeandampfer brachten von 1873 an politisch und religiös Verfolgte, Bettelarme und Glücksritter scharenweise ins gelobte Land. Ersehntes Ziel aller Passagiere: New York.

    Seine Geschichte dokumentiert das heutige Hotel nicht bloß in Vi-trinen. Auf den Fluren erinnern mannshohe, gebrauchte Überseekoffer daran. Die Hotelküche ist einer stählernen Schiffsbrücke nachempfunden und wacht über die Gäste im Frühstücksraum. In der Lobby zeigen Uhren die Zeit von New York, Hongkong, Rio, Casablanca, London, Singapur und Paramaribo an, der Hauptstadt von Suriname. Und gleich vor der Tür fängt die Zukunft an.

    Zwischen Maas und Rheinhafen pulsiert das Leben. Die Kombination aus Wohn-, Geschäfts-, Einkaufs- und Unterhaltungsviertel soll Rotterdams altem Hafendistrikt ein neues Gesicht geben. Eine Fußgängerbrücke schafft die Verbindung über den Rheinhafen ins einstige Rotlichtviertel. Hier herrscht Industrieflair, das Ambiente ist roh und ungeschliffen. Künstler haben ihre Ateliers in alten Lagerhallen eingerichtet, die Cafészene ist alternativ, von den vielen exzellenten Köchen haben sich in dieser Ecke der Stadt die jungen wilden niedergelassen. Alle Zeichen stehen auf Erneuerung, auch in der Fenix Food Factory. Das alte Lagerhaus wurde vor zwei Jahren zur Markthalle umfunktioniert. Draußen machen es sich die Besucher auf Bierbänken und grob zusammengezimmerten Europaletten bequem. Sie sitzen am Wasser, schmökern in der Sonne, genießen den Anblick von Rotterdams Skyline oder das, was sie eingekauft haben. Drinnen bieten regionale Produzenten ihre Lebensmittel an. Vor zwei Jahren haben sich Käsehändler, Kaffeeröster, Bäcker, Bierbrauer, Fleischer und Buchhändler unter einem Dach zusammengefunden. Nun können Kunden von einem Stand zum nächsten bummeln, einkaufen, hier und da ein Schwätzchen halten, sich durch das wechselnde Sortiment der 20 Hausbiersorten probieren oder vor dem allgemeinen Trubel ins Lesecafé zurückziehen. Wem die Beine schwer werden, der sinkt in eines der plüschigen Flohmarktsofas, lässt das Leben an sich vorbeiziehen oder geht mit einem Tablett los und lässt sich von den Händlern reihum Zutaten für ein Frühstück oder Vesper reichen.

    Höchste Zeit für einen Verdauungsspaziergang. Der führt am Wasser entlang vom Rhein- zum Maashafen, wo das Dampfschiff "SS Rotterdam" dauerhaft vor Anker liegt. Früher bot der Transatlantikliner Platz für knapp 1500 Passagiere, heute ist er umgebaut zum Hotel. Man muss aber keins der 256 Zimmer mieten, um hier Kaffee zu trinken, auf dem Sonnendeck in den Pool zu springen und die salzige Brise zu genießen, die der Wind, wenn er richtig steht, vom offenen Meer herüberweht.

    Wer zu bequem ist, von hier aus zu Fuß in die Innenstadt zu gehen, leiht sich ein Fahrrad, setzt sich ins Wassertaxi oder nimmt die Fähre, die zwischen Wilhelmina Pier und dem Zentrum verkehrt. Wir steigen in den Aqualiner und landen schräg gegenüber im Lloydquartier, wo auf einer Industriebrache mit Blick auf den Hafen Piet de Jonge vor einem alten Bauwagen sitzt. Piet ist 60, Kunsthistoriker und lebt in einem modernisierten Warenhaus am Pier. Weil er lieber ein wohnliches Umfeld hat statt Straßenstrich und Drogenhändler vor der Tür, hat er hier vor drei Jahren ein Guerilla Gardening Projekt initiiert. Seither hat eine ehrenamtliche Initiative aus Anwohnern und Innenstädtern, die sich ins Grüne sehnen, 9000 Qua-dratmeter Einöde umgegraben. Nun gibt es hier einen gemeinnützigen Gemüsegarten samt Picknickwiese, Blumenrabatten, Barbecuefeld, Pizzaofen und Hundespielplatz. Das Projekt lebt von Spenden und den 25 Euro Jahresbeitrag der Mitglieder. Das geerntete Gemüse wird gegessen, zur Freude der Angestellten in den umliegenden Büros verschenkt, die hier gern ihre Mittagspause verbringen, oder gleich an Ort und Stelle gemeinsam verfestet. Bei einer "Wheat Pizza Party" zum Beispiel, die genau genommen eine Einladung zum Unkrautjäten ist. Damit den Ehrenämtlern die Arbeit schmeckt, bereitet eine Köchin am Pier Pizzen zu, die sie mit frisch gerupften, essbaren Wildkräutern belegt. Die Mahlzeit ist italienisch, die Köchin stammt aus der Türkei. Gerade erzählt Piet, dass sein Arbeitsplatz London sei, da fällt ihm ein Ozeanriese ins Wort: Er hupt laut, bevor er gen Nordsee abbiegt. Die Menschen am Kai schauen kurz auf und winken zum Abschied. Kommen und Gehen sind Alltag in Rotterdam, diesem Tor zur Welt.

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