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    Rheinland-PfalzViele Männer verschweigen Depressionen

    Nicht nur Zeit für Beruf und Karriere, sondern auch für die Familie: Immer mehr Männer wünschen sich das. Doch dies birgt auch Risiken, an einer Depression zu erkranken, sagt der Chef der Landespsychotherapeutenkammer, Alfred Kappauf.

    Krankheit mit vielen Gesichtern: Depressionen sind äußerlich schwer zu erkennen und leicht zu verstecken. Gerade Männer verleugnen sie. Aber man kann aus dieser seelischen Abwärtsspirale entkommen.
    Krankheit mit vielen Gesichtern: Depressionen sind äußerlich schwer zu erkennen und leicht zu verstecken. Gerade Männer verleugnen sie. Aber man kann aus dieser seelischen Abwärtsspirale entkommen.

    Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt er, warum Männer Depressionen immer noch verleugnen und wie sie sich davor schützen können, in eine seelische Abwärtsspirale zu geraten:

    Die Diagnose Depression ist im Land 2011 im Vergleich zu 2006 um 62 Prozent häufiger gestellt worden. Woran liegt das?

    Aus meiner Sicht ist der Gesundheitszustand der Bevölkerung besser als früher. Die Lebenserwartung ist höher, die Zahl körperlicher Erkrankungen ist gesunken.

    Ist die Gesellschaft also eher seelisch krank?

    Einerseits stimmt es, dass bestimmte Belastungen in der modernen Arbeitswelt zugenommen haben. Andererseits werden Depressionen heute auch einfach häufiger beim Namen genannt. Der Umgang mit seelischen Belastungen hat sich verändert. Sie werden nicht mehr so stark stigmatisiert wie früher. Allerdings sind wir dabei noch immer nicht auf einem befriedigenden Stand. Doch deutlich mehr Patienten akzeptieren beim Arzt, dass eine psychische Störung diagnostiziert wird, und dass sie die Hilfe eines Psychotherapeuten in Anspruch nehmen sollten. Früher wäre das als katastrophal wahrgenommen worden.

    Hilft dabei die unter Psychologen nicht sehr beliebte, aber gesellschaftlich zunehmend anerkannte Diagnose Burn-out?

    Auf jeden Fall. Zwar ist Burn-out bislang keine anerkannte Diagnose. Aber der Begriff hat sehr viel dazu beigetragen, dass Patienten sich mit dem Krankheitsbild, das damit charakterisiert wird, besser identifizieren können. Burn-out ist in der Gesellschaft positiv besetzt. Denn Burn-out setzt voraus, dass jemand ein sehr engagierter Leistungsträger war. Früher wurden psychische Erkrankungen als Antriebslosigkeit, als Schwäche eingeordnet. Man war ein Weichei.

    Was fassen Sie unter den Begriff Burn-out? Sind das überwiegend Depressionen?

    Ja. Sehr häufig ist eine Depression die präzisere Diagnose. Aber Burn-out ist eher eine populäre Kategorie, in die sich Menschen einordnen können, wenn beispielsweise soziale Probleme am Arbeitsplatz auftreten. Das können demotivierende Prozesse und hohe Belastungen sein, also unbefriedigende Bedingungen am Arbeitsplatz.

    Macht es der Begriff Burn-out auch Männern leichter, sich dem Thema Depressionen zu öffnen?

    Ja. Burn-out ist so etwas wie das Verwundetenabzeichen beim Militär. Man beweist damit indirekt, dass man leistungsfähig war. Burn-out ist dadurch fast identitätsbildend. Die Offenheit der Männer ist deutlich größer als bei der Diagnose Depression. Darauf reagieren immer noch viele mit den Worten: „Ich bin doch nicht verrückt.“

    Die Selbstmordrate unter rheinland-pfälzischen Männern ist viermal so hoch wie bei Frauen. Verschweigen Männer Depressionen?

    Frauen gehen anders mit psychischen Belastungen um. Sie gestehen sich das eher ein und handeln, um die Beschwerden therapieren zu lassen. Bei den Psychotherapeuten im Land sind vor allem weibliche Patienten. Und deutlich mehr Frauen bekommen Antidepressiva.

    Warum verstecken Männer diese seelischen Nöte?

    Wenn das Männlichkeitskonzept sehr stark gekennzeichnet ist durch Vitalität, Energie und Kraft, dann ist Depression natürlich genau das Gegenteil – Antriebslosigkeit, man fühlt sich alt. Männer halten das Ohnmachtsgefühl, das typisch für Depressionen ist, viel schlechter aus als Frauen. Diese haben darin mehr Übung.

    Was tun Männer stattdessen?

    Sie versuchen zunächst, das Problem mit sich zu lösen. Das bedeutet, dass sie sich zurückziehen, weil andere nicht davon erfahren sollen. Das steigert die Belastung aber nur weiter und reduziert Möglichkeiten, emotional und sozial wieder aufzutanken. Eine weitere Reaktion ist oft, dass man das, was vorher man bereits getan hat, noch intensiver tut. Diese Männer wollen sich dann noch mehr beweisen. Sie stürzen sich in den Sport, um sich erneut mit anderen vergleichen zu können, um Bestätigung zu erhalten. Einige geben sich auch dem Alkohol und anderen Suchtmitteln hin. All dies verstärkt das Problem eher noch. Die Erschöpfungszustände nehmen noch weiter zu.

    Also eine Abwärtsspirale?

    Ja. Meist ist es so, dass die Betroffenen erst dann ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, wenn zusätzlich körperliche Beschwerden auftreten. Das sind nächtliche Schweißausbrüche, Herzrasen und Angststörungen – typische Paniksymptome. Sie sorgen sich eher darum, einen Herzinfarkt zu bekommen, denn um ihr psychisches Wohlbefinden. Eine Therapie beginnen diese Männer meist erst auf Drängen von Familienangehörigen. Denn oft werden Männer trotz sich wandelnder Rollenmuster immer noch von Frauen emotional betreut. Das gilt besonders für Karrieremänner, die in einem rigiden Rollensystem leben.

    Sind Depressionen unter Männern abhängig von der Generation?

    Überraschenderweise zeigen Statistiken, dass Depressionen besonders oft in der Altersgruppe zwischen 45 und 55 auftreten. Das ist genau der Zeitraum, in dem beruflich und familiär sehr hohe Anforderungen auf die Männer warten. Dann werden oft noch Weichen in der Karriere gestellt. Ältere Personen ab 60 Jahre sind indes deutlich seltener betroffen. Depressionen sind kein Generationenproblem, keine Frage einer bestimmten Sozialisation, sondern eine Folge des Verhältnisses zwischen einem Menschen und seiner Umwelt.

    Das Rollenverständnis zwischen Mann und Frau hat sich zuletzt deutlich verändert. Wie wirkt sich das auf Depressionen bei den Männern aus?

    In vielen Fällen verschärft sich dadurch die seelische Not der Männer. Das alte Rollenverständnis ist noch nicht ganz abgelegt, der neue Anspruch, dass sich der Mann auch mehr um die Familie kümmern soll und oft auch will, kommt aber noch hinzu. Diese Zusatzbelastung führt dazu, dass sich Männer als unzulänglich empfinden und dann in ein altes Rollenverhalten zurückfallen können. Es gibt aber auch etliche Männer, die durch das flexiblere Rollenverständnis achtsamer mit sich umgehen und sich mehr um ihre Gesundheit kümmern.

    Wodurch entscheidet sich, wie Männer reagieren?

    Das hängt von den Erwartungen ab, die man an sich selbst stellt und die von außen herangetragen werden. Wer sehr stark karriereorientiert ist, gleichzeitig aber mit der Familie zusammen sein will, bei dem ist der innere Konflikt groß. Wer stark zwischen beiden Feldern trennen kann, der empfindet diese Situation als weniger belastend.

    Statistiken zeigen allerdings, dass Männer in Teilzeitjobs häufiger psychisch krank sind. Wie erklären Sie das?

    Ob ein Teilzeitjob belastend wirkt, hängt sehr stark davon ab, ob dies eine Notlösung ist, die innerlich nicht mitgetragen wird, oder eine selbst gewählte Option. Die Frage ist: Erlebe ich mich als fremdbestimmt oder als autonom?

    Wie bekommt man mehr Zugang zu depressiven Männern?

    Helfen kann etwa, wenn sich Schauspieler oder Fußballspieler öffentlich zu Depressionen bekennen. Auch im Kollegenkreis ist das möglich. Dann ergeben sich schnell Gespräche. Doch einer muss den Anfang machen. Außerdem hat der Hausarzt eine wichtige Funktion.

    Sind die Hausärzte dafür geschult?

    Wenn ein Hausarzt für einen Patienten im Schnitt sechs Minuten Zeit hat, dann hilft auch eine psychologische Schulung wenig. Einen depressiven Patienten zu beraten, kostet Zeit. Doch Gesprächsleistungen werden einfach extrem schlecht bezahlt.

    Das Gespräch führte Christian Kunst

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