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    AllendorfVersöhnung: Beim Shooting wird der eigene Körper zum Freund

    Eine Frau sitzt sehr fröhlich auf einem Bootssteg, hinter ihr türmen sich mächtige graublaue Wolkenberge, einige Boote schaukeln im Wasser. Ein knallbunter Regenschirm heitert die farblich etwas trübe Szenerie auf. und: die Frau ist nackt.

    Nackt? Kein Problem! Auch Ela Jäger-Müller steht zu ihrem schönen Körper, genau wie die vielen Models.
    Nackt? Kein Problem! Auch Ela Jäger-Müller steht zu ihrem schönen Körper, genau wie die vielen Models.

    Nicht ganz, denn ihre Füße stecken in modern gemusterten Gummistiefeln. Aber ansonsten fehlt jegliche Kleidung. Petra ist eine von 50 Frauen, die den Mut hatten, sich in den vergangenen Monaten von der Allendorfer Fotografin Ela Jäger-Müller für das Projekt „Schöne Körper“ in Szene setzen zu lassen.

    Der Ammersee ist einer von vielen besonderen Plätzen, die Jäger-Müller für ihr Projekt auf dem Schirm hatte. Berühmt wurde das Bild von einem ihrer ersten Shootings: Eine Frau sitzt im Einricher Wald auf einem goldenen Stuhl, der mit rotem Samt bezogen ist. Einige Blätter verdecken das, was niemand sehen soll, ansonsten aber zeigt sich die Frau, wie sie ist: richtig schön unperfekt.

    Wenige Meter davon entfernt steht Ela Jäger-Müller mit der Kamera im Anschlag. Wie bei all ihren anderen Models hat sie es schon damals bei der eigentlich unsicheren und mit sich unzufriedenen Frau geschafft, ihr in wenigen Augenblicken Stolz und Selbstsicherheit zu vermitteln.

    Und genau das ist das Ziel der Einricher Fotografin: „Wir müssen uns gemeinsam stärken, um zu sehen, wie schön wir sind.“ Dieses Leitthema steht auf der Internetseite ihrer Initiative „Schöne Körper“, die sie vor einigen Monaten ins Leben gerufen hat (die RLZ berichtete). Anlass für ihre Aktion war das Video der Australierin Taryn Brumfitt, das sie sehr berührte: Brumfitt schilderte sehr emotional, wie sehr sie ihren Körper hasste, wie sie sich zwang, durchtrainierter zu werden. und ihren Körper immer noch hasste. Sie rief ein Projekt ins Leben und bat in dem Video 100 Frauen, ihren eigenen Körper mit einem Wort zu beschreiben. Das Ergebnis: „Schwabbelig, eklig, unsexy.“ Sie wollte mit einer Dokumentation dafür kämpfen, dass Frauen zu sich und ihrer unperfekten Schönheit stehen.

    Ela Jäger-Müller war damals sofort klar: „Das muss ich aufgreifen.“ Über Facebook rief sie auf, sie mit Bildern zu unterstützen. Ihre Idee: Sie fotografiert Frauen, die das Schöne-Körper-Projekt unterstützen, in unterschiedlichen Lebenssituationen. Die Frauen. Männer sind auch erlaubt. müssen nackt sein, werden aber ästhetisch fotografiert. Was verhüllt werden soll, wird durch Posen oder Requisiten vor dem Auge des Betrachters verborgen.

    Was dann geschah, ist für die kleine, quirlige Frau aus Allendorf mit den immer strahlenden Augen bis heute unfassbar. „Ich hätte nie gedacht, dass ich damit so eine Welle der Begeisterung lostrete“, erzählt sie. Sie kann sich kaum retten vor Anfragen. Die Frauen vertrauen ihr, wollen sie unterstützen. und gleichzeitig all die Frauen da draußen, die (noch) mit ihrem Körper hadern.

    Die Medien wurden auf sie aufmerksam. Zunächst die Rhein-Lahn-Zeitung, dann der SWR, RTL und viele bekannte Internetzeitungen wie die „huffington post“. 50 Shootings hat sie bisher gemacht. Auf einem Hochsitz, vor einer Graffiti-Mauer, im Herthasee, am Ammersee. Ihre Aufträge führten sie nach München, in den Frankfurter Raum und sogar nach Dänemark.

    Die Konditionen sind ähnlich wie ganz am Anfang: Mindestens 50 Euro Spende sollten die Frauen kalkulieren, vertraglich wird festgelegt, dass die Bilder im Internet und in einem geplanten Bildband veröffentlicht werden dürfen.

    Bisher hatte sie fast nie Probleme mit späteren Zweifeln der Frauen. „Einmal hat eine durchaus erwachsene Frau am Tag drauf gebeten, die Fotos nicht zu veröffentlichen. weil ihr Vater dagegen war.“ Die meisten Frauen aber werden gerade durch die Konfrontation mit ihrer Nacktheit stärker. Das zeigen viele Erfahrungsberichte der Frauen, die Ela Jäger-Müller auf ihrer Seite veröffentlicht. Dort schildern die Amateurmodels sehr bewegend ihr Leben, ihre Demütigungen, Ängste und das, was „Schöne Körper“ mit ihnen macht.

    Ela Jäger-Müller freut sich täglich aufs Neue unbändig, dass sie mit ihrer Idee so viele Frauen und auch einige Männer glücklich gemacht hat. Weil sie aus ganz Deutschland Anfragen hat, plant sie eine Deutschlandtournee. Die kostet Geld: Reise, Unterkunft Verpflegung, Werbung, Studiomiete und ein kleines Team aus Visagisten und Assistenten sind nötig, um die Shootings in den Städten wahr werden zu lassen. „Ich bin froh, wenn ich das Projekt kostendeckend hinkriege. Geld verdiene ich mit den normalen Aufträgen zwischen den ,Schöne Körper'-Shootings.“

    Um die Tournee zu ermöglichen, will Ela Jäger-Müller in Kürze ein Crowdfunding-Projekt starten. Dabei sammelt sie über eine Internetplattform für eine begrenzte Zeit Spenden speziell für die Tournee. „Im Moment entsteht dafür ein Video von einem Marburger Produzenten. Wenn der Film fertig ist, kann das Projekt an den Start gehen“, erklärt sie.

    Zeit zum Däumchendrehen bleibt ihr bis dahin nicht: Zurzeit holt sie sich auf der Photokina in Köln neueste Anregungen, und dann geht es auch schon weiter: in einem Steinbruch, auf einem Feld, mit Hund, Pferd oder Kamel (!), im Auto, Rosenblütenbad oder im Tätowierstudio. Ela Jäger-Müller zeigt fast jeden Tag erneut, wie wunderschön die Körper von immer mehr mutigen, bewundernswerten Frauen und Männer in ganz Deutschland sind.

    Weitere Informationen gibt es im Internet unter der Adresse www.schoenekoerper.com

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