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  • Landgericht Koblenz: Ex-Neonazi sagt gegen ehemalige "Kameraden" aus

    Rheinland-Pfalz. Ein Ex-Neonazi (22) sitzt derzeit in Koblenz auf einem sehr heißen Stuhl: Einst steckte er tief drin in der rechtsradikalen Szene, spionierte Linke aus, sprühte Hakenkreuze an Wände, wohnte im Braunen Haus in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Dann belastete er bei der Polizei viele „Kameraden“, brachte einige ins Gefängnis.

    Foto: DPA

    Heute gilt er in der rheinland-pfälzischen Neonazi-Szene als verhasster Verräter. Jetzt könnte der 22-Jährige am Landgericht Koblenz im Mammutprozess um das Aktionsbüro Mittelrhein zu einem wichtigen Zeugen werden. Am Donnerstag saß er mit Kapuzenpulli und Dreitagebart in Saal 128 an einem kleinen Tisch. Vor sich eine Kamera, die ihn filmte und zwei Meter groß auf eine Leinwand projizierte. Neben und hinter sich 26 „Ex-Kameraden“ und rund 52 Anwälte. Sie hatten den Einsatz der Kamera gefordert, damit sie nicht nur verfolgen können, was der Zeuge sagt, sondern wie er es sagt.

    Angeklagter soll Aktionsbüro Mittelrhein unterstützt haben

    Die Staatsanwaltschaft wirft den 26 Angeklagten vor, Mitglieder oder Unterstützer des ultrarechten Aktionsbüros Mittelrhein gewesen zu sein – einer mutmaßlich kriminellen Vereinigung. Ihre Zentrale war laut Anklage das Braune Haus. Die Männer sollen Linke terrorisiert und in Dresden das Haus einer Wohngemeinschaft mit Steinen und Knüppeln angegriffen haben.

    Der 22-Jährige wirkt im Prozess verunsichert. Er spricht in ein Mikrofon, aber seine Stimme ist oft kaum zu verstehen. An manches, das er laut Protokoll bei der Polizei sagte, erinnert er sich nicht mehr. Auf die Fragen des Gerichts antwortet er oft nur mit Satzfetzen.

    Er beschreibt das Aktionsbüro als hierarchisch gegliederte Kameradschaft, an deren Spitze der Angeklagte Christian H. (28) stand – der Ex-Chef des Braunen Hauses. Doch die „höchste Person im Rheinland“ sei der Angeklagte Sven Skoda (35). Der überregional bekannte Neonazi sei eine „Respektsperson“, dessen Redetalent er bewunderte. Auch H. habe zu ihm aufgeblickt.

    Der 22-Jährige wohnte 2011 rund sechs Wochen im Braunen Haus – bis er rausflog. Das kam so: Er war 2010 bei einer Skinheadparty im Wald bei Höhr-Grenzhausen. Einige Gäste – darunter der 22-Jährige – lockten einen Szeneaussteiger auf die Party. Ein Mob trat dann so brutal auf ihn ein, dass sein Kiefer und Jochbein brachen. Der 22-Jährige sagte später bei der Polizei gegen die Täter aus. Und: Er glaubte, dass dies nicht publik würde. Ein Irrtum.

    Aktionsbüro rief zur Rache auf 

    Als er im Mai 2011 ins Braune Haus kam, bereitete man ihm einen frostigen Empfang. So beschrieb er die Szene: Christian H. und Sven Skoda saßen an einem Biertisch und forderten ihn auf, das Haus sofort zu verlassen. Sie hatten seine Aussage gelesen, die in der Anklage zum Prozess um den Exzess auf der Skinheadparty skizziert war. Skoda soll ihm sinngemäß gedroht haben: „Wenn du noch mal mit der Polizei zu tun hast, kannst du dir einen Spaten nehmen und dein Grab schaufeln.“ Das Aktionsbüro rief zur Rache auf, veröffentlichte Name, Foto und Adresse des 22-Jährigen.

    Der sagte noch mehrfach bei der Polizei aus, auch über das Aktionsbüro. Er nannte dessen angebliche Mitglieder und schilderte, wen er in Dresden beim Steinewerfen sah. Er ist im Zeugenschutzprogramm, beteuert aber, nie für den Verfassungsschutz gearbeitet zu haben. Der Prozess geht am 9. April weiter.

    Von unserem Redakteur Hartmut Wagner

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