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    MainzArtikel zur Unterdrückung? Sprachforscher gehen "es Hilde" und "das Sabine" nach

    "Es Hilde" aus dem Saarland ist der wahrscheinlich bekannteste Fall. In manchen Teilen Deutschlands werden Frauen häufig im Neutrum angesprochen - „das“ Anna statt „die“ Anna. Verbreitet ist das auch im Hunsrück und in der Eifel. Forscher wollen nun herausfinden, warum. Im Verdacht stehen die Männer.

    Familie Heinz Becker: "Es Hilde" (Alice Hoffmann) muss viele Eskapaden ihrer Männer ertragen - und dass sie im Neutrum genannt wird. Foto: WDR
    Familie Heinz Becker: "Es Hilde" (Alice Hoffmann) muss viele Eskapaden ihrer Männer ertragen - und dass sie im Neutrum genannt wird.
    Foto: WDR

    Von Jonas-Erik Schmidtz, dpa

    Deutschland ist geteilt. Die Trennlinie verläuft irgendwo im Westen und teilt die Bundesrepublik in ein „das“- und ein „die“-Deutschland. Während auf der einen Seite Mädchen namens Anne in der Regel mit „die Anne“ angesprochen werden, ist auf der anderen Seite „das“, „dat“ oder „es“ Anne gang und gäbe. Im Dialekt bekommen Frauen hier noch oft das Neutrum mit auf den Weg gegeben.

    Während Zugereiste die im Grunde seltsame Sprach-Blüte oft hören, sich wundern, meist aber nicht weiter hinterfragen, will die Mainzer Namensforscherin Damaris Nübling dem ominösen Neutrum nun endlich auf die Schliche kommen. Ihr Kern-Forschungsgebiet erstreckt sich von Nordrhein-Westfalen hinunter über Rheinland-Pfalz, Saarland und Baden-Württemberg bis in die Schweiz hinein. Überall gibt es Neutrum-Gegenden. Aber wer nutzt es genau und vor allem warum? Werden alle Frauen dort damit angesprochen oder nur bestimmte?

    Nübling und ihr Team wollen zig Interviews in Deutschland, der Schweiz und Luxemburg mit Menschen aus drei Generationen führen, um solche Fragen zu klären - bevor „das“ und „es“ womöglich für immer verschwinden. „Dass ein Abbau stattfindet, ist bereits zu sehen“, sagt Nübling. Weit verbreitet sei die Sprach-Kombi dennoch - etwa in der Pfalz, in der Eifel oder im Hunsrück.

    Die ersten Erkenntnisse lassen auf ein gewisses gesellschaftspolitisches Konfliktpotenzial schließen. „Wir haben mehrere Dialekte bereits untersucht“, sagt Nübling. Sie vermutet die historische Quelle in der „domestizierten“ Frau, die bei Haus und Hof unter der Kontrolle ihres Mannes lebte. „Das Neutrum ist das Genus, das am wenigsten Handlungsfähigkeit ausdrückt.“

    Eher kleiner Gag als ernsthafte Literatur sind die Miniaturausgaben des Wörterbuchs mit verschiedenen Dialekten (Hessisch, Plattdeutsch, Sächsisch, Schwäbisch, Berlinerisch und Bairisch) der deutschen Sprache. "Das" ist nicht gleich "Das". Foto: dpa 
    Eher kleiner Gag als ernsthafte Literatur sind die Miniaturausgaben des Wörterbuchs mit verschiedenen Dialekten (Hessisch, Plattdeutsch, Sächsisch, Schwäbisch, Berlinerisch und Bairisch) der deutschen Sprache. "Das" ist nicht gleich "Das".
    Foto: dpa 

    Damit ist ausdrücklich nicht gesagt, dass Männer, die heutzutage ihre Frau „es Sabine“ und die Tochter „dat Jacqueline“ nennen, einem angestaubten Geschlechterbild nachlaufen. Nur hat eventuell einst mal jemand unterbewusst damit angefangen. Im Dialekt lebt es nur fort. Warum vor allem im Westen, wissen die Forscher noch nicht.

    Heute drücken „das“ und „es“ womöglich auch etwas ganz anderes aus: familiäre Wärme. Viele Frauen würden sich wohl sogar wundern, spräche der Opa plötzlich im „die“ über sie - weil es Distanz ausdrückt. „Es ist eine Art Verniedlichung, die heute selbstverständlich gebraucht wird“, sagt Klaus-Michael Köpcke, Germanistik-Professor an der Uni Münster. „Dahinter liegen aber Schichten, die sich entwickelt und möglicherweise einen anderen Ursprung haben. Bei Männern kommt diese Bezeichnung nämlich interessanterweise nicht vor.“

    Eine Vorzeige-„Es“-Frau ist in gewisser Weise Alice Hoffmann. Die Schauspielerin mimte einst die etwas einfältige Hilde Becker in der Saarland-Comedy „Familie Heinz Becker“. Genauer gesagt „es Hilde“. „Im Saarländischen hat das „es“ einen herzlichen Beigeschmack würde ich sagen. So ähnlich wie „Schätzchen““, sagt Hoffmann. Wenn sie darüber nachdenke, werde ihr aber schon bewusst, dass es etwas mit Diskriminierung zu tun haben könnte.

    Im Grunde geht es daher bei der einfachen Frage, warum Anna mancherorts „das Anna“ heißt, um mehr als Dialekte. Es ist ein Netz aus Sprache, Traditionen, Familie und Emanzipation, in dem die Forscher nach Antworten suchen. Was man aus diesen schlussfolgern wird können, ist offen. Zumindest für Deutschland.

    Im einst „festen Neutrumgebiet“ Schweiz ist nämlich bereits etwas ins Rutschen geraten. Zumindest hat das Namensforscherin Nübling beobachtet. „In der Schweiz gibt es ein anderes Sprachbewusstsein. Da wehren sich die Frauen dagegen“, sagt sie. In Deutschland sind „es“ Anne und „das“ Sabine hingegen noch recht zufrieden mit ihren Namen.

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