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    BerlinRZ-INTERVIEW Pädagoge: Eine Wut, die nicht mehr kontrollierbar ist

    Der Anti-Gewalt-Trainer Thomas Mücke hält höhere Strafen für jugendliche Gewalttäter für sinnlos. Der Pädagoge ist Mitbegründer des Bildungsnetzwerks „Violence Prevention Network“ in Berlin.

    Thomas Mücke
    Thomas Mücke

    Berlin. Der Anti-Gewalt-Trainer Thomas Mücke hält höhere Strafen für jugendliche Gewalttäter für sinnlos. Der Pädagoge ist Mitbegründer des Bildungsnetzwerks „Violence Prevention Network“ in Berlin.

    Das Interview:

     

    Fahren Sie noch U-Bahn?

     

    Ja, das tue ich.

     

    Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch?

     

    Nein, dazu arbeite ich schon zu lange in der Anti-Gewalt-Arbeit. Die Gewaltausbrüche sind nichts Neues, die gab es schon immer. Es kann natürlich sein, dass die Veröffentlichungen der vergangenen Monate die Enthemmung noch vorangetrieben haben. Ich bezweifle aber, dass es tatsächlich einen Anstieg der Gewalt gibt. Die Öffentlichkeit reagiert sensibler darauf.

     

    Allein in Berlin gab es in diesem Jahr viele Fälle von sehr brutalen Übergriffen. Aus Ihrer Sicht hat die Gewalt keine neue Qualität?

     

    Nein, diese Diskussion kenne ich schon seit über 20 Jahren in der öffentlichen Auseinandersetzung. Immer dann, wenn es extreme Vorfälle gibt, wird von einer neuen Qualität gesprochen. Aber der Ablauf von brutaler Gewaltausübung war schon immer gleich.

     

    Woher kommt diese Enthemmung, auf ein wehrloses Opfer weiter einzuschlagen?

     

    Ich habe mit etwa 450 Jugendlichen gearbeitet, die in dieser Weise gewalttätig geworden sind. Man muss sich immer den Einzelfall anschauen. Was man häufig erlebt: Es sind Jugendliche, die im Vorfeld mit vielen Situationen in ihrem Leben nicht zurechtkamen. Wenn dann Alkohol dazukommt, bricht eine Wut aus, die nicht mehr kontrollierbar ist. Sie erleben dann ein Machtgefühl, einen Triumph gegenüber dem Opfer. Und sie verdrängen damit, was in ihrem Leben schiefgelaufen ist.

     

    Empfinden die Täter im Nachhinein Reue?

     

    Nur bedingt. Die Jugendlichen sind sehr gut im Verdrängen. Sie haben einen gefühlskalten Panzer um sich aufgebaut. Würden sie sich wirklich mit der Tat auseinandersetzen, hätten sie enorme Schuld- und Schamgefühle. Wir beobachten sehr oft, dass erklärt wird: Ich konnte nichts dafür, weil ich betrunken war. Oder: Ich hab den Streit ja nicht angefangen. Meistens versuchen die Jugendlichen ja, mit ihrem Opfer in eine kurze verbale Auseinandersetzung zu kommen. Nachher sagen sie dann: Ich wurde provoziert und konnte nicht anders. Damit schieben sie ihre Verantwortung weg. Das ist ein Grundmuster bei den Tätern. Man muss sich mit diesen Jugendlichen und ihren Taten auseinandersetzen. Die schnelle Selbsterkenntnis, einen Fehler gemacht zu haben, ist meistens nicht sehr glaubwürdig.

     

    Wie suchen Täter ihre Opfer aus?

     

    Die Opfer waren immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Die Taten waren nicht vorhersehbar. Das heißt: Jeder kann Opfer werden. Es ist wichtig, den Geschädigten nicht das Gefühl zu geben, sie würden irgendeine Art von Mitverantwortung tragen. Sonst fügt man ihnen noch einmal Unrecht zu.

     

    Kann man sich schützen?

     

    Wenn man solchen Menschen begegnet, die alkoholisiert in Gruppen unterwegs sind und wo man schon eine aggressive Grundstimmung spürt, sollte man möglichst einen Bogen um sie machen und sich nicht auf ein Gespräch einlassen. Die Täter haben sich schon vorher entschieden, dass sie Gewalt ausüben wollen. Man sollte möglichst schnell Distanz schaffen und Hilfe holen. Menschen, die Angst haben, laufen oft instinktiv in dunkle einsame Ecken, weil sie sich verstecken wollen. Das ist aber genau falsch.

     

    Wie kann man als Zeuge helfen?

     

    Man wird schnell selbst zum Opfer, wenn man allein eingreift. „Die Polizei ist schon auf dem Weg“, sollte man in jedem Fall rufen. Und sich dann Verbündete suchen, andere Passanten ansprechen. Mit mehreren kann man aus der Distanz auf die Situation einwirken.

     

    Könnten höhere Strafen abschreckend wirken?

     

    Die Jugendlichen denken in der Situation nicht an die Konsequenzen ihrer Tat. Mit härteren Strafen wird man deshalb nicht eine einzige Straftat abwehren können. Außerdem: Je länger die Jugendlichen im Gefängnis sitzen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie danach rückfällig werden. So schiebt man das Problem nur auf.

     

    Das klingt, als könnte die Gesellschaft eigentlich gar nichts tun.

     

    Sinnvoll wäre zu schauen, wo sich diese Szene aufhält, und dann mit mehr Personal auf Bahnhöfen darauf zu reagieren. Damit meine ich auch Sozialarbeiter und Streetworker, die auf die potenziellen Täter einwirken können.

     

    Das Gespräch führte Rena Lehmann

     

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