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    Rebecca Pates im Interview: Wenn Gewalt in der Öffentlichkeit zum Ansporn wird

    Die fremdenfeindlichen Vorfälle in Freital, Heidenau, Clausnitz und Bautzen erinnerten viele Menschen an die Ausschreitungen Anfang der 90er-Jahre. Die Leipziger Rechtsextremismusexpertin und Politologin Rebecca Pates erklärt im Interview, warum Gewalt im öffentlichen Raum zu einer Spirale werden kann und weshalb die Situation in den neuen Bundesländern heute eine andere ist als vor 25 Jahren.

    Prof. Dr. Rebecca Pates lehrt am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Pates beschäftigte sich unter anderem mit Rechtsextremismus in ländlichen Gebieten. Bevor sie nach Leipzig kam, studierte sie an der Universität von Oxford (England), in Hong Kong und an der McGill University in Kanada.
    Prof. Dr. Rebecca Pates lehrt am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Leipzig. Pates beschäftigte sich unter anderem mit Rechtsextremismus in ländlichen Gebieten. Bevor sie nach Leipzig kam, studierte sie an der Universität von Oxford (England), in Hong Kong und an der McGill University in Kanada.

    Anfang der 1990er-Jahre gab es eine ähnliche Asyldebatte wie heute. Braut sich nun ein Klima zusammen wie damals in Hoyerswerda?

    Viele Menschen in den neuen Bundesländern dachten damals, dass es zu einer Vereinigung zweier Länder kommt, die ganz ähnlich sind - dabei war Westdeutschland weit von der DDR entfernt, weil sich dort eine kosmopolitische Gesellschaft entwickelt hatte. Das war für die Ostdeutschen ein Kulturschock. Auf die neue Liberalität - etwa bei der Aufnahme von Flüchtlingen - war man nicht vorbereitet. Das führte zu Abwehrreaktionen.

    Heute hat sich auch in den neuen Bundesländern ein Kosmopolitismus breitgemacht. Aber in ländlichen Regionen gibt es eine Abwanderung junger, liberal denkender Menschen, und die übrig gebliebene Bevölkerung fühlt sich abgehängt. Außerdem zieht sich der Staat zunehmend aus diesen Regionen zurück. Die Menschen dort denken, dass der Staat für sie mehr Geld hätte, wenn er weniger für Flüchtlinge ausgeben würde. Es ist sicherlich kein flächendeckendes Phänomen, aber es gibt noch Orte, wo es ganz ähnliche Probleme wie 1991 gibt. Wir beobachten sogar eine Verschärfung, weil sich dort Rechtsextreme ganze Dörfer kaufen. Das Phänomen kennen wir aus den Südstaaten der USA: Wenn Extremisten unter sich sind, verfestigen sich Sichtweisen, weil es überhaupt keine Gespräche mehr mit Menschen gibt, die liberalere Einstellungen haben.

    Motivierten die Ereignisse von Hoyerswerda womöglich andere Täter für weitere Anschläge?

    Für gewaltbereite Menschen sind solche Ereignisse im öffentlichen Raum eine Art Legitimierung, sich ebenfalls mit Gewalt zu äußern. Nicht alle Menschen, die in ihrer Kindheit Gewalt als Möglichkeit zur Konfliktlösung erlernt haben, üben diese öffentlich aus. Gewalterfahrungen werden aber dort häufiger ausgelebt, wo sie auf eine öffentliche Kultur der Gewalt stoßen. Als die Rechten Hoyerswerda für "ausländerfrei" erklärten, erweckten sie den Eindruck, dass Gewalt als Konfliktlösungsstrategie fruchtbar ist und fühlten sich legitimiert. Das kann zu einer Spirale der Gewalt führen. Diese Gefahr besteht auch heute noch in einigen abgehängten ländlichen Regionen.

    In Hoyerswerda stoppte der Staat nicht die Angreifer, sondern brachte die Ausländer aus der Stadt. Ein fatales Signal?

    Der Staat muss die Angegriffenen schützen. Wenn die Ressourcen dafür nicht ausreichen, müssen die Angegriffenen zu ihrer Sicherheit weggebracht werden. Wir können die Flüchtlinge ja nicht dazu benutzen, um Sozialstrukturen in Deutschland zu zivilisieren. Aber man hätte dieses Ereignis zum Anlass nehmen müssen, die Brennpunkte zu entschärfen - zum Beispiel mithilfe politischer Bildung.

    Nach so einem Ereignis wie in Hoyerswerda, braucht es da eine Erinnerungskultur?

    Es braucht eine öffentliche Debatte über Werte. Oft werden solche Debatten von Abiturienten angestoßen, die dann abwandern oder an die Hochschulen gehen.

    Hoyerswerda stellte erst 23 Jahre nach den Übergriffen ein Mahnmal auf - nach heftigen Diskussionen.

    Man denkt, dass der Ruf des Ortes geschädigt und die Ansiedlung von Industrie erschwert wird. Das ist auch nicht falsch. In kanadischen, britischen und us-amerikanischen Zeitungen gab es 1991 Warnungen davor, nach Ostdeutschland zu gehen, weil es dort gefährlich sei, wenn man einer Minderheit angehört. Allerdings löst sich das Problem auch nicht dadurch, indem man es verschweigt.

    Das Gespräch führte Stefan Hantzschmann

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