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  • Erfahrungsbericht: Istanbul ist touristenleer

    Annette Fleck stammt aus Neuwied und lebt seit 2012 in Istanbul. Sie ist Fotografin und arbeitet beim Magazin „Brücke“, dem Infobrief für Deutschsprachige in der Türkei. Sie schildert ihre Eindrücke.

    Annette Fleck
    Annette Fleck

    Nach dem Anschlag auf die Touristen in Istanbuls historischer Altstadt ist der Tourismus hier weitgehend zum Stillstand gekommen. Vorletztes Wochenende kam zum ersten Mal wieder ein Kreuzfahrtschiff, vergangenes Wochenende und nur für einen Tag ein zweites. Normalerweise gab es im Frühjahr keinen Tag, an dem kein Schiff am Kreuzfahrt-Kai lag. Auch bei den Flügen, die wir mehrmals in diesem Frühjahr zwischen Istanbul und Köln absolviert haben, mussten wir feststellen, dass in den Fliegern die nicht-türkischstämmigen Gäste an den Fingern einer Hand abzuzählen waren. Viele Plätze blieben leer, was sonst früher nie der Fall war. Unsere Freunde, die Reisen ins Land unternommen haben, sprachen auch dort von leeren Hotels.

    Dementsprechend sind alle, die vom Tourismus leben, arg betroffen. Der große Basar ist leer. Der riesige Platz zwischen der Blauen Moschee und der Hagia Sophia ist so leer wie nie. Gerade einmal zwei armselige Touristengrüppchen habe ich gesehen, als ich vor Ostern dort unterwegs war. Vom Hilton-Hotel wurde schon vor einem Monat berichtet, dass sie 250 Leute entlassen hätten. Also hier in der Stadt ist der Tourismus sehr schwer getroffen.

    Sie fragen nach dem Gefühl, das man jetzt hier hat. Ja, das ist wirklich anders. Als meine Nichte hier war (vor Ostern), habe ich die Orte, die wir besuchen wollten, sehr gezielt ausgesucht. Die historische Altstadt hatte ich leer erwartet. So war es denn auch. Für potenzielle Terroristen also kein sinnvolles Anschlagsziel. Den Taksim-Platz und die Istiklal, die große Einkaufsmeile, haben wir dagegen gemieden, weil das symbolträchtige Orte sind, die täglich von unzähligen Leuten aufgesucht werden (früher im Durchschnitt zwei Millionen pro Tag!). Das hat sich auch nach den Anschlägen nicht wesentlich geändert. Leider hatte ich mit meiner Vorahnung traurigerweise recht.

    Es gibt aber auch andere Orte, an denen ich jetzt lieber vorbeihusche. Bei mir vor der Haustür ist zum Beispiel das Zentrum von Besiktas, wo ich alles Mögliche einkaufe. Dort sind immer Tausende von Menschen, ebenso wie auf den belebten Straßen vor den großen modernen Einkaufs- und Bürozentren. Ich kann diese Orte im Alltag nicht meiden, aber ich richte 
es ein, dort nicht lange zu verweilen. 

    Es gibt aber neben diesen besonderen Orten auch sehr, sehr viele Regionen der Stadt, wo ich mich ohne jegliche Angst und mulmige Gefühle aufhalte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein dezentraler Ort zum Ziel von Anschlägen werden könnte. Da ist die Gefahr in den Zentren Europas (Flughäfen, Bahnhöfe, Hauptsehenswürdigkeiten) sicher viel größer.

    Nun habe ich beschrieben, wie ich selbst die Situation hier empfinde. Da reagiert natürlich jeder unterschiedlich. Kurz vor dem Anschlag auf der Istiklal gab es eine Warnung der Botschaft. Alarmstufe zwei. Das Konsulat und alle anderen deutschen Einrichtungen wurden geschlossen. Die Entscheidung kam um 2 Uhr morgens. Da musste die Direktorin der deutschen Grundschule umgehend das Sicherheitskonzept in Gang setzen und den Eltern die vorübergehende Schließung mitteilen. So etwas schafft natürlich Verängstigung.

    Damit kommen nicht alle Eltern gut klar. Schüler sind in der Folge vom Unterricht abgemeldet worden, und ein eigentlich für den Sommer anstehender Umzug wird jetzt lieber vorgezogen, als bis zum Sommer auszuharren. Mittlerweile sind alle Einrichtungen wieder geöffnet. Wenn man nichts von den tragischen Vorfällen wüsste, würde man – abgesehen von den fehlenden westlichen Touristen – nicht merken, dass sich etwas in der Stadt verändert hat.

     

     

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