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  • Die Deutschen verlieren die Lust an der Türkei als Reiseland

    Die Türkei wirbt mit Freiheit. Auf der großen Leinwand wechseln sich Bilder von Wasserfällen, Bergen und über Wellen fliegenden Kitesurfern ab. Eine Stimme spricht von der Möglichkeit, den eigenen Weg zu gehen, zu fliegen, frei zu sein. Auf den ersten Blick scheint es sich am großen Türkei-Stand auf der Berliner Tourismusmesse ITB, der eine halbe Halle einnimmt, tatsächlich um Tourismus zu drehen.

    Das Personal, das die Küche der Stadt Gaziantep vorstellt, ist gut gelaunt und macht ein Gruppen-Selfie.
    Das Personal, das die Küche der Stadt Gaziantep vorstellt, ist gut gelaunt und macht ein Gruppen-Selfie.
    Foto: Laura Engels

    Die üblichen Werbegeschenke wie Stifte, Taschen und Bonbons stehen bereit, an einigen Ständen wird türkische Handwerkskunst präsentiert und Eis an die Messebesucher verteilt. Das Personal, das die Küche der Stadt Gaziantep vorstellt, ist gut gelaunt und macht ein Gruppen-Selfie. Es wirkt fast wie ein Klassentreffen – fast wie immer.

    Doch in die Gespräche der Touristiker über die besten Strände des Landes und die beunruhigenden Urlauberzahlen mischt sich immer mehr Politik. Während die Türkei im vergangenen Jahr schon mit Sicherheitsängsten kurz nach dem gescheiterten Militärputsch zu kämpfen hatte, stehen in diesem Jahr die politischen Spannungen im Fokus. Die jüngsten Nazi-Vergleiche des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und die Inhaftierung des deutschen Journalisten Deniz Yücel wirken nach.

    Bereits im vergangenen Jahr sank die Anzahl deutscher Touristen

    „Im Moment steht die Politik im Mittelpunkt. Das ist für Tourismus immer schlecht“, sagt Cengiz Donmez von der Alanya Tourism & Promotion Foundation. Im vergangenen Jahr hätten bereits 30 Prozent weniger Deutsche in der Türkei Urlaub gemacht. Ein herber Verlust, da Deutschland der wichtigste Markt für den türkischen Tourismus ist. „Wir haben uns erhofft, dass es dieses Jahr besser wird, aber als Hoteliers können wir das nicht beeinflussen“, sagt Donmez. Er deutet an, dass der türkische Präsident darüber informiert wird, dass er dem Land mit seiner Politik schadet. Die langjährigen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei könnten nicht einfach beiseitegeschoben werden, ist sein Kollege Mehmet Dahaoglu, stellvertretender Vorsitzender der Alanya Tourism & Promotion Foundation, überzeugt. „Unsere deutschen Freunde werden nicht wegbleiben.“ Ob daraus Gewissheit oder Hoffnung spricht, bleibt offen.

    Gerald Borgdorf, Vorstandsvorsitzender des Club Paradiso in Alanya, sieht die Zukunft etwas düsterer. „Normalerweise haben wir zu dieser Zeit schon 40.000 gebuchte Übernachtungen, jetzt sind es 15.000“, berichtet er. Während das Hotel mit 1100 Betten in den Vorjahren durchschnittlich etwa 163.000 Übernachtungen verzeichnen konnte, waren es im vergangenen Jahr lediglich 90.000. „Und dieses Jahr wird es noch schlechter.“ Die Lage sei dramatisch. 2016 hätten an der Südküste 170 Hotels gar nicht erst aufgemacht, insbesondere die kleinen Anlagen. „Wir beschäftigen im Sommer normalerweise 230 Leute, dieses Jahr vielleicht 130“, prognostiziert Borgdorf. „Wir erwarten, dass im Tourismus nach diesem Jahr noch mehrere Tausend Leute zusätzlich arbeitslos werden“, sagt Borgdorf. Der Deutsche ist mit einer Türkin verheiratet, einer Universitätsmitarbeiterin, die gerade sechs Monate bei ihren Eltern in der Heimat verbracht hat. Die Situation für emanzipierte Frauen in der Türkei sei schwierig, gesteht er ein. Der Hotelier bemängelt jedoch, dass die deutschen Medien sich auf jede negative Geschichte der Türkei stürzen würden.

    Reiseveranstalter haben Hoffnung noch nicht verloren

    „Die Leute reisen durch die Welt, um etwas Neues zu sehen, sie brauchen dafür Ruhe und Fröhlichkeit“, glaubt Timur Bayindir, Präsident der Hotel Association of Turkey. „Ich hoffe, dass alles wieder gut wird, aber wann, weiß ich nicht.“ Nach dem Sommer könne sich die Lage ändern, aber das sei nur seine Hoffnung, sagt er. Die hat man auch beim Reiseveranstalter FTI noch nicht verloren. Der Türkei-Spezialist sicherte sich kürzlich Flugkapazitäten für die Türkische Ägais: Das Unternehmen kaufte für die Sommersaison 2017 mehr als 30.000 Flugplätze nach Bodrum und Dalaman ein. „Wir sind fest davon überzeugt, dass die Türkei im Sommer 2017 wieder ein starkes Urlaubsziel sein und gerade kurzfristig einen Nachfrageboom erleben wird“, heißt es in einem Statement von Hicabi Ayan, der bei FTI für die Türkei zuständig ist.

    Leere Liegen am Strand von Antalya: Die Folgen der politischen Krise sind gravierend.  Foto: Laura Engels/dpa
    Leere Liegen am Strand von Antalya: Die Folgen der politischen Krise sind gravierend.
    Foto: Laura Engels/dpa

    Viele Touristiker auf der Messe sehen das gemeinsame Frühstück von Außenminister Sigmar Gabriel und seinem türkischen Amtskollegen Mevlüt Cavusoglu am Mittwochmorgen als erstes positives Zeichen. Cavusoglu besuchte anschließend die Messe und schaute auch persönlich beim Stand seiner Heimatstadt Alanya vorbei. Wenn man Cengiz Donmez eine Weile erzählen lässt, kommt er langsam wieder ins Schwärmen und macht das, wofür er zur ITB gereist ist: Werbung für sein Land. „Bei uns gibt es das beste Essen, das beste Preis-Leistungs-Verhältnis und tolle Strände. Als ich vor einigen Tagen ins Flugzeug gestiegen bin, hatten wir 23 Grad“, sagt er. „Wie viel hatten Sie?“

    Selbst Gerald Borgdorf glaubt nur an eine kurze schwierige Phase. Der türkische Tourismus werde sich schnell wieder erholen, ist er überzeugt. „Der Tourist vergisst schnell. Der will in den Urlaub, der will an den Strand – und das möglichst billig.“

    Laura Engels

    Die wichtigsten Fragen zum Reiseziel

    Türkei Wie entwickelt sich aktuell das Geschäft mit der Türkei?

    Bis Ende Januar gingen bei Reisebüros für die wichtige Sommersaison nach Angaben der GfK-Konsumforscher 58 Prozent weniger Buchungen ein als im bereits schwachen Vorjahreszeitraum. Damals gab es schon ein Minus von 40 Prozent. Rund vier Millionen Deutsche reisten im vergangenen Jahr in die Türkei – vor zwei Jahren waren es noch 5,6 Millionen. Veranstalter hoffen jetzt auf Kurzentschlossene.

    Was können Veranstalter machen?

    Sie haben inzwischen viel Erfahrung damit, flexibel auf Nachfrageänderungen zu reagieren und Kapazitäten in andere Urlaubsregionen zu verschieben. Konzerne wie der Branchenprimus TUI vereinen Hotel- und Kreuzfahrtgesellschaften, Flugzeuge und Veranstalter unter einem Dach. Andere Veranstalter müssen gegebenenfalls Kapazitäten zukaufen.

    Was machen die Fluglinien?

    Generell haben Ferienflieger nach Angaben des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt ihr Angebot für den Sommer 2017 ausgebaut. Angebot und Nachfrage in die Türkei ließen dagegen weiter nach. Schwierig könnte es werden, wenn es wie erhofft zu einem Ansturm Kurzentschlossener kommt. „Wenn die Airlines umrouten, dann werden für die Türkei Flüge fehlen. Dafür werden wir in anderen Destinationen weit mehr Sitzplätze haben, als es Betten gibt“, warnte Deniz Ugur, Chef des Türkeispezialisten Bentour, jüngst in der Branchenzeitschrift „fvw“.

    Wie austauschbar ist die Türkei als Reiseziel?

    Das ist kurzfristig schwierig. Das vor allem bei Familien beliebte Land am Bosporus punktet aus Sicht der Branche mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Dort sei der Badeurlaub auch noch für Familien mit schmalem Geldbeutel finanzierbar, argumentiert Tourismusforscher Torsten Kirstges. „Derzeit gibt es aber einfach nicht mehr so viele Ziele mit entsprechenden Kapazitäten zum guten Preis“, sagt Kirstges.

    Was könnten die langfristigen Folgen sein?

    Experte Martin Lohmann schließt nicht aus, dass Touristikkonzerne ihre Investitionen in das Land herunterfahren könnten. „Erdogan ist sicher besser darin, Investoren zu verschrecken als Touristen.“

    Deshalb brauchen sich die beiden Länder
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