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  • Chancen und Gefahren der Technik: Der Roboter wird zum Pfleger

    Sie holen ihrem menschlichen Gegenüber ein Glas Wasser aus der Küche, stellen ein Videotelefonat mit den Enkeln her und holen Hilfe, wenn sie gebraucht wird. Roboter können inzwischen schon einige Aufgaben erledigen, für die bisher Pflegekräfte zuständig waren. Doch wo sind die Grenzen der Technik? Und wo lauern Gefahren?

    Darüber sprachen wir mit Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler (50) von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar. Er ist Professor für Pflegewissenschaft und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit neuen Technologien in der Pflege. Er sagt: Mit Technik ist schon viel möglich, aber auch die Gesellschaft wird entscheiden, was sich durchsetzt.

     

    Werden wir in ein paar Jahren von Robotern gepflegt? 

    Die Frage kann man so pauschal nicht beantworten. Das hat zwei Gründe: Zum einen ist der Stand der technischen Entwicklung derzeit sicherlich noch nicht so, dass komplexe pflegerische Aufgaben von Robotern übernommen werden können. Es können schon einzelne, ausgesuchte Aufgaben ergänzt und zum Teil übernommen werden. Aber es gibt noch technische Grenzen. Zum anderen ist die Bereitschaft der Menschen bei der Frage, ob man überhaupt von Robotern gepflegt werden möchte, sehr unterschiedlich. Eine Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung besagt, dass sich das immerhin 25 Prozent der Deutschen vorstellen können. Aber es gibt eben auch viele Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen sehr skeptisch sind. Es wird also auch von der Akzeptanz von Robotersystemen in der Pflege abhängen, in welcher Form und Tiefe sich diese durchsetzen werden.

    Welche Aufgaben kann ein Roboter heute schon wahrnehmen?

    Wir haben intensive Entwicklungen in der Rehabilitationsrobotik. Das sind Roboter, die Trainingsprogramme beispielsweise nach einem Schlaganfall unterstützen. Sie erleichtern die Mobilität, zum Beispiel das Laufen und Armbewegungen. Das Möglichkeitsspektrum reicht dann aber bis hin zur Emotionsrobotik. Das sind Roboter, die Emotionen bei ihrem Gegenüber auslösen sollen, zu denen Beziehungen aufgebaut werden sollen. Sie treten quasi in Interaktion mit dem Gegenüber und können darüber, etwa bei älteren, allein lebenden Menschen, kognitiv aktivieren und gegebenenfalls auch dem Gefühl von Einsamkeit entgegenwirken. Relativ bekannt geworden ist die Roboterrobbe Paro. Sie wird derzeit zum Beispiel in der Arbeit mit demenziell erkrankten Menschen dazu genutzt, neue Kommunikationswege bei schweren kognitiven Beeinträchtigungen zu erproben. Außerdem gibt es sogenannte Serviceroboter. Das sind Maschinen, die in der häuslichen Umgebung kleine Dienstleistungen erledigen können, zum Beispiel ein Getränk aus der Küche holen oder ein Telefongespräch herstellen. Diese Systeme sind derzeit in Deutschland in der Erprobungsphase, aber noch nicht im Haushaltsgebrauch.

    Wo braucht man den Menschen in der Pflege auf jeden Fall noch?

    Es gibt eine breite Debatte darüber, was den Menschen von der Maschine unterscheidet. Je weiter die Forschung ist, desto dringlicher ist diese Debatte. Im Kern liegt der Unterschied aus meiner Sicht derzeit in der Tatsache, dass Roboter nicht in der Lage sind, Empathie zu entwickeln, sich also hineinzuversetzen in ein Gegenüber. Und sie sind nicht in der Lage, eine substanzielle Beziehung aufzubauen. An vielen anderen Stellen, wo es um funktionale Dinge geht, ist man hingegen schon recht weit.

    Ist diese fehlende Empathie der Roboter auch der Hauptpunkt für eine ethische Beurteilung?

    Da sind schon auch weitere Aspekte zu benennen. Drehen wir es mal um und fragen uns: Was macht Pflege eigentlich aus? Was ist ihr Kern? Wo kann – auch ethisch legitim – Technik unterstützen? Und wo braucht man den Menschen? Da sind es etliche Aspekte: Inwieweit kann ein Roboter pflegerische Fürsorge ersetzen? Inwieweit wird ein Mensch durch Roboter befähigt oder vielleicht auch eingeschränkt darin, sein Leben selbstbestimmt zu führen? Inwieweit wird die Sicherheit eines pflegebedürftigen Menschen durch Roboter gewährleistet oder gegebenenfalls auch gefährdet? Eine viel diskutierte rechtliche Frage ist dabei, wer haftet, wenn bei einem Unfall mit einem Roboter ein Mensch zu Schaden kommt. Dann muss man weiterhin bedenken, dass jeder Roboter computergestützt arbeitet. Computer erheben Daten und sind in der Lage, diese weiterzugeben. Wenn ein Roboter in eine intime pflegerische Situation hineinwirkt, ist das eventuell auch ein Eingriff in die Privatsphäre. Wer erhält welche Daten aus dem intimen Umfeld der Pflege eines Menschen? Und es gibt den Aspekt der Gerechtigkeit: Ein Roboter ist heute noch sehr teuer. Eine offene Frage ist derzeit, wer die Kosten dafür trägt. Müssen Roboter zukünftig jedem Menschen zur Verfügung stehen, dem keine personelle Hilfe gegeben ist? Das sind nur einige wichtige Aspekte, die intensiv zu diskutieren sind.

    Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler
    Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler
    Was sind aus Ihrer Sicht die größten Chancen von Pflegerobotern?

     

    Wir haben derzeit 2,6 Millionen Menschen mit Pflegebedarf. Und das sind nur diejenigen, die offiziell über die Pflegeversicherung unterstützt werden. Bis zum Jahr 2050 wird die Anzahl an pflegebedürftigen Menschen auf etwa vier Millionen ansteigen. Wir müssen uns klar machen, dass viele dieser Menschen in Einzelhaushalten wohnen. Und diese Menschen benötigen Hilfe im Alltagsleben sowie in Bezug auf ihren Pflegebedarf. Das reicht vom Wäschewaschen bis hin zur konkreten und gegebenenfalls auch sehr komplexen Pflege bei schwer beeinträchtigten Menschen. Auf der anderen Seite geht mit der demografischen Entwicklung ein Fachkräftemangel einher. Und es ist abzusehen, dass sich unter den derzeitigen Bedingungen immer weniger Menschen auf die Pflegeberufe einlassen werden. Da entsteht eine riesige Lücke, die derzeit auf verschiedenen Wegen politisch bearbeitet wird: Der Beruf soll attraktiver gemacht werden, die Bürgerschaft soll in die Pflege eingebunden werden und so weiter. Eine Strategie besteht darin, Teile der Pflege technisch zu unterstützen. Zum Beispiel zum Thema Sicherheit in der häuslichen Umgebung: mit Technologie, die automatisch Hilfe holt, wenn ein allein lebender älterer Mensch stürzt. Mit Technologie, die erkennt, wenn ein Mensch nicht mehr ausreichend für sich einkaufen oder Essen zubereiten kann. Und auch bei der Mobilität im Haus oder außerhalb des Hauses gibt es schon Lösungen. All das ist allerdings bisher noch nicht weit verbreitet.

    Liegt das an den Kosten?

    Das hat verschiedene Gründe. Ein Grund ist die Frage der Finanzierung der Technologien. Wir haben Produkte, die als Konsumgut zu erwerben sind, gegebenenfalls aber nicht für jeden erschwinglich sind. Es gibt erste Versuche, die einen oder anderen Produkte in die Hilfsmittelkataloge der Pflege- und Gesundheitskassen aufnehmen zu lassen, sodass bei anerkanntem Pflegebedarf auch gleichzeitig die entsprechenden Hilfsmittel zur Verfügung gestellt werden. Bislang ist eine Finanzierung über diese Hilfsmittelkataloge aber noch sehr begrenzt. Es gibt weiterhin das Problem, dass viele Menschen schlicht noch nicht wissen, welche Technologien angeboten werden und was mit dieser Technik schon möglich ist. Die Verwendung von neuen Technologien in der häuslichen Umgebung nimmt im Zuge von breiten Informations- und Werbekampagnen zum Thema Smart Home jüngst deutlich zu – entsprechende Informationsarbeit steht zum Thema Pflegetechnologien noch aus. Grundsätzlich gibt es aber eine gewisse Skepsis bei Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen. Pflegearbeit gilt primär als zwischenmenschliche Arbeit, und der Einsatz von Robotern erscheint in diesem Zusammenhang zunächst befremdlich.

    Was sind für Sie die größten Risiken dieser Entwicklung?

    Ich möchte zunächst betonen, dass ich die derzeitige Entwicklung vor allem als Chance wahrnehme, dass sich die Gesellschaft darüber verständigt, wie sie zukünftig zusammenleben möchte und ob sie Herausforderungen des Zusammenlebens – etwa unter Bedingungen der Pflegebedürftigkeit – vorrangig über technische Innovationen beantworten will. Wenn sich unsere Gesellschaft entscheidet, den demografischen Wandel primär über Technik zu lösen, dann besteht ein Risiko sicherlich darin, dass personelle Pflege zunehmend eingespart beziehungsweise durch technische Geräte ersetzt wird. Das ist auch eine Sorge sowohl bei Pflegenden als auch bei Pflegebedürftigen: Wird personelle Pflege durch Technik ersetzt? Niemand wird diese Perspektive heute offensiv begrüßen. Die Frage wird sein, ob sich diese Gefahr zukünftig unter der Hand durch den Fachkräftemangel in der Pflege konkretisiert. Entscheidend wird sein, dass pflegebedürftige Menschen zukünftig die Wahl zwischen personeller und technischer Unterstützung haben und ihnen keine Nachteile dadurch entstehen, wenn sie technische Unterstützungssysteme ablehnen.

    Das Gespräch führte Johannes Bebermeier

    Serie zur Pflege

    In einer Serie widmen wir uns einem Thema, das viele umtreibt: der Pflege. Auf dieser Seite lesen Sie, wie die Zukunft der Pflege aussehen könnte. Roboter sind schon heute in der Lage, menschliche Pfleger bei einfachen Aufgaben zu unterstützen.

    Die Technik könnte auch den Mangel an Pflegekräften abfedern.

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