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  • Als Menschen Kanonenfutter wurden

    Verdun. Zehn Monate lang rangen Deutsche und Franzosen 1916 um Verdun – ein brutales Blutvergießen, das sich in beiden Ländern ins Gedächtnis gebrannt hat. Am Sonntag jährt sich der Beginn der bekanntesten Schlacht des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal.

    Rückblick: Seit Tagen schon sind die Hügel entlang der Maas von tief hängenden Wolken umhüllt, aus denen Schnee rieselt. Die deutschen Soldaten warten auf den Befehl zum Angriff. Am 21. Februar 1916 klart das Wetter auf. Das „Unternehmen Gericht“ beginnt. Die Deutschen feuern unzählige Granaten auf die Schützengräben der französischen Soldaten um Verdun ab. Es ist ein bislang beispielloses Bombardement aus mehr als 1200 Geschützen. „Zerrissen, in Stücke gehackt, zu Brei zerstampft zu werden, ist eine Angst, die das Fleisch nicht ertragen kann“, schreibt der französische Sergeant Paul Dubrulle. Auf deutscher Seite notiert der Maler und Soldat Franz Marc am 27. Februar: „Die französischen Linien sind durchbrochen. Von der wahnsinnigen Wut und Gewalt des deutschen Vorsturms kann sich kein Mensch einen Begriff machen, der das nicht miterlebt hat.“

    Wenige Tage später ist Franz Marc tot. Mit ihm sterben vor Verdun mindestens 300 000 Franzosen und Deutsche, einige Schätzungen gehen von insgesamt bis zu 700 000 Opfern aus. Die Gegend um Verdun ist stark befestigt, mehr als 20 Forts umgeben die Stadt. Vor allem um die Festungen Douaumont und Vaux kämpfen die Kriegsgegner erbittert, ebenso um einige Höhenzüge. In dieser Schlacht setzt Deutschland im Juni erstmals das Kampfgas Diphosgen ein, das die Lungenschleimhaut anschwellen lässt.

    Nach geringen Geländegewinnen ist die „Wut und Gewalt des deutschen Vorsturms“ vorbei. Die Front bewegt sich kaum mehr, in den Schützengräben ist der Tod allgegenwärtig. Hunger, Durst, Kälte, Ungeziefer und katastrophale hygienische Verhältnisse quälen die Soldaten. Verwundete können nur schwer versorgt werden.

    Der industrialisierte Krieg

    Verdun gilt in Deutschland heute als Symbol für einen industrialisierten Krieg, in dem Soldaten nurKanonenfutter sind. In Frankreich herrscht eine andere Sicht vor: Dort gilt Verdun als der Ort, an dem die Nation sich gemeinsam gegen einen Feind behauptete.

    Dabei war die Frage, wer die Schlacht gewonnen hat, lange umstritten. Das liegt daran, dass die Geschichtsforschung lange davon ausging, das Ziel des deutschen Oberbefehlshabers Erich von Falkenhayn sei gar nicht die Eroberung Verduns gewesen, sondern eine Abnutzungsschlacht, in der Frankreich hohe Verluste erleiden sollte – was ja auch eintrat. Falkenhayn sprach vom „Weißbluten“ des Gegners und betonte, er habe schon um Weihnachten 1915 eine Denkschrift mit seinem Plan an Kaiser Wilhelm II. überreicht. Allerdings findet sich diese „Weihnachtsdenkschrift“ in keinem Archiv, und außer Falkenhayn selbst gibt es keine Quelle, die auf die Existenz eines solchen Papiers hinweist. Die meisten Forscher gehen daher heute davon aus, dass die „Ausblutungsstrategie“ eine Ausrede war, nachdem der deutsche Angriff sich festgelaufen hatte. „Nach Kriegsende gab es für Falkenhayn nur eine Möglichkeit, sich das eigene Scheitern nicht einzugestehen: Er musste glauben, die Schlacht sei ein Erfolg der Ausblutungsstrategie gewesen“, merkt der Historiker Olaf Jessen an.

    Im Juli muss der Generalstabschef das „Unternehmen Gericht“ abbrechen. Anfang Juni hatte die Brussilow-Offensive in Galizien die Ostfront in Not gebracht, drei Wochen später griffen die Westalliierten an der Somme an. Falkenhayn muss von Verdun viele Soldaten an diese beiden Frontabschnitte abziehen, außerdem hat die deutsche Rüstungsindustrie Schwierigkeiten, genug Munition herzustellen.

    Das Sterben um Verdun geht trotzdem weiter, denn nun wird Frankreich offensiv. Die Natur verstärkt die Leiden: Im September setzt strömender Regen ein. Die Granattrichter laufen mit Wasser voll, in dem viele Soldaten ertrinken, wenn sie mit ihrer schweren Ausrüstung hineinfallen.

    50 Millionen Bomben und Granaten

    Am 19. Dezember 1916 endet die Schlacht. Geschätzt 50 Millionen Bomben und Granaten sind auf die etwa 20 Quadratkilometer um Verdun niedergegangen. Bis heute sind dort die ehemaligen Schützengräben sichtbar. Heute dürfen Besucher des Geländes die Wege nicht verlassen, denn in der Erde liegen noch Blindgänger, und immer wieder kommen Leichenteile zum Vorschein.

    In der für 12,5 Millionen Euro erneuerten Gedenkstätte läuft der Besucher auf Glasscheiben über Nachbildungen des schlammigen Untergrunds. Im Dämmerlicht vermitteln Alltagsgegenstände einen Eindruck vom Leben der Frontsoldaten. „Im Gedächtnis der Deutschen ist die Schlacht von Verdun zum Inbegriff der Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Ersten Weltkriegs geworden“, schreibt Deutschlands Botschafter in Paris, Nikolaus Meyer-Landrut. In Frankreich wurde Verdun auch deshalb zu einem allgemeinen Bezugspunkt, weil ein großer Teil der Armee irgendwann einmal dort kämpfte. Über den Resten des Forts Douaumont wehen heute die französische, die deutsche und die europäische Flagge.

    Nils Sandrisser/Sebastian Kunigkeit

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