Speiseröhrenkrebs: Die Generation Fast Food leidet
Every generation got its own disease - jede Generation hat ihre eigene Krankheit, hat die Gruppe Fury in the slaughterhouse in den 80er-Jahren gesungen. Auch wenn es den Hannoveraner Rockmusikern mehr um eine gesellschaftskritische Diagnose ging, so lassen sich ihre Worte doch sehr leicht auf die Volkskrankheit Krebs übertragen.
Verkürzt könnte man sagen: Der Lebenswandel und die Ernährungsweise einer Generation sagen viel darüber aus, an welchem Krebs sie leidet. Nirgendwo sonst gilt dies so sehr wie bei Tumoren im oberen Verdauungstrakt. Hier gibt es einen klaren Trend: Die Zahl der Magenkrebsfälle ist weiterhin höher als die der Erkrankungen in der Speiseröhre. Doch die magennahen Karzinome in der 42 bis 43 Zentimeter langen Röhre nehmen deutlich zu, berichtet der Koblenzer Gastroenterologe Dr. Albin Lütke.
Der Kühlschrank änderte vieles
Dies liegt aus Sicht des Spezialisten in der veränderten Ernährung der Deutschen begründet: "Dass die Zahl der Magenkrebsfälle so stark rückläufig ist, haben wir der Erfindung des Kühlschranks zu verdanken", sagt Lütke. Noch bis in die 60er-Jahre hinein hätten die Menschen in Zeiten des Wirtschaftswunders viel gepökeltes und geräuchertes Fleisch gegessen, weil sie die Lebensmittel nur auf diese Weise frisch halten konnten. Dieses Fleisch ist mit Nitrosaminen gespickt, also mit Stickstoffverbindungen, die erwiesenermaßen Krebs erregen können.
Der Speiseröhrenkrebs, der sich in den vergangenen Jahren rasant ausgebreitet hat, ist so etwas wie der Krebs der Fast-Food-Generation. Die Zahl der Erkrankungen hat sich in den vergangenen 30 Jahren laut Lütke praktisch verdoppelt. Besonders stark dehnt sich eine spezielle Variante des Speiseröhrenkrebses aus, der sogenannte Barrett-Ösophagus. Damit ist das erstmals von dem britischen Chirurgen Norman Rupert Barrett im Jahr 1957 beschriebene Krankheitsbild gemeint, bei dem Magensäure die Schleimhaut im untersten Bereich der Speiseröhre (Ösophagus) angreift.
Ursache dafür ist meist die Refluxkrankheit - jeder zehnte Deutsche leidet darunter, sagt Lütke. Dabei fließt Magensaft zum Beispiel während des Schlafens in die Speiseröhre zurück. Die Symptome: Sodbrennen und Magendrücken. Wiederholt sich diese Magenübersäuerung, dann kann sich die Schleimhaut der Speiseröhre krankhaft verändern. Diese minderwertige Ersatzschleimhaut wird quasi zu einer Fortsetzung des Magens in der Speiseröhre. Das Tückische: Sie kann der Nährboden für Krebs sein.
Wie rasant sich das Sodbrennen auch unter den Menschen in Rheinland-Pfalz ausbreitet, das hat eine Studie der Techniker Krankenkasse (TK) aus dem Jahr 2008 bewiesen. Demnach hat die Zahl der von Magenübersäuerung betroffenen TK-Versicherten im Land seit 2000 um mehr als 40 Prozent zugenommen. Und jeder fünfte der insgesamt fast 28 000 Versicherten, die Medikamente gegen die Refluxkrankheit bekommen, ist jünger als 40 Jahre. Zwischen 2000 und 2007 wurden demnach 50 Prozent mehr Medikamentenpackungen zur Neutralisierung der Magensäure verschrieben, heißt es in der Studie der Techniker Krankenkasse weiter.









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