1990 begann eine deutsch-deutsche Enttäuschung
Angesichts dieses Zeitdrucks ist es sicherlich nicht vermessen, den Einigungsvertrag als „Meisterwerk"(de Maizière) zu bezeichnen. Es ist auch falsch, die DDR als alleinigen Verlierer der Verhandlungen zu bezeichnen. Denn immerhin bedeutete der Beitritt, dass die Bundesrepublik nicht nur das damals mit 600 Milliarden D-Mark bezifferte DDR-Volksvermögen übernahm, sondern auch die Schulden. Und die waren enorm, wie sich 1995 bei der Gründung des Erblastentilgungsfonds herausstellte. Die Verbindlichkeiten der abgewickelten DDR betrugen demnach insgesamt 336 Milliarden D-Mark (172 Milliarden Euro). Heute ist der Fonds faktisch getilgt. Auch konnten die ostdeutschen Verhandlungsführer die Ergebnisse der DDR-Bodenreform zwischen 1945 und 1949 in den neuen Staat retten, was bis heute zu Verwerfungen mit Alt-Eigentümern führt.
Andererseits hatte der Einigungsvertrag auch viele Schwächen: Erstens blieben viele Fragen zunächst ungeklärt und mussten später nach heftigen Zerreißproben beantwortet werden. Dazu gehört etwa der künftige Regierungssitz oder die Regelung des Abtreibungsparagrafen, bei dem die DDR mit der erweiterten Fristenregelung einen späten Sieg erzielte.
Zweitens, und das wiegt deutlich schwerer, hat die Finanzierung der Einheit vor allem aus Mitteln der Sozialversicherungssysteme statt über Steuern dem Wirtschaftsstandort Deutschland nach Ansicht vieler Experten nachhaltig geschadet. Staatsverschuldung und Lohnnebenkosten stiegen rasant an; und die massenhafte Frühverrentung nach dem Anstieg der Arbeitslosigkeit im Osten leerte die Rentenkassen.
Diese fatale Entwicklung ist ebenso mit dem Namen des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU) verbunden wie die falsche Versprechung von „blühenden Landschaften", die im Osten zu einer massiven Enttäuschung geführt hat. Diese Enttäuschung war allerdings bereits im Einigungsvertrag angelegt. Innenminister Thomas de Maizière, damals Mitglied der DDR-Verhandlungskommission, drückt es so aus: „Im Nachhinein hätte man ein paar Dinge mehr aus der DDR übernehmen müssen als den grünen Pfeil oder das Ampelmännchen. Es wäre wichtig gewesen und bleibt bis heute unsere Aufgabe, dass die Menschen, die in der damaligen DDR gelebt haben, nicht das Gefühl haben, dass ihre Lebensleistung an den Rand gedrückt wird." Die zweite Strophe der DDR-Hymne dürfte nicht reichen.









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