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  • Zum 200. Geburtstag: Die Welt feiert Charles Dickens

    London. Es ist schwer, Jean Haynes zu übersehen. Die ältere Dame trägt ein grünes Wollkleid mit einer weißen Schürze und einem rotkarierten Umhang über den Schultern. Bis auf den grauen Pony sind ihre Haare von einer antiken weißen Haube verdeckt, die Jean wie eine viktorianische Zeitreisende erscheinen lässt. Einfach perfekt.

    London - Es ist schwer, Jean Haynes zu übersehen. Die ältere Dame trägt ein grünes Wollkleid mit einer weißen Schürze und einem rotkarierten Umhang über den Schultern. Bis auf den grauen Pony sind ihre Haare von einer antiken weißen Haube verdeckt, die Jean wie eine viktorianische Zeitreisende erscheinen lässt. Einfach perfekt. Mit 30 Begleitern im Schlepptau eilt die Fremdenführerin durch die Straßen der Metropole ins Justizviertel Temple, um dort von ihrem Idol zu schwärmen. Charles Dickens.

    Seit die Fremdenführerin als Siebenjährige das „Weihnachtsmärchen“ las, fühlt sich Jean im Bann des genialen „Jekyll und Hyde“ mit dem Rauschebart, der für sie den „weihnachtlichen Glanz“ und zugleich das „hoffnungslose Elend“ verkörpert.

    „Charles kam täglich aus Camden hierher, um nach zwölf Stunden Arbeit in der Schuhcreme-Fabrik wieder in die Straßen voller Huren, Diebe und Dreck zurückzukehren. Sie waren seine ,Schule des Lebens‘, und der Junge nahm all diese Stimmen in sich auf, um damit später seine berühmten Romane zu füllen“, sagt feierlich Jean. Eine Touristin nickt. „Bei uns in Japan ist Dickens ein Superstar“.

    Nicht nur in Japan. Die ganze Welt will den 200. Geburtstag des Klassikers feiern. Von Buenos Aires bis Sydney – vielerorts finden am 7. Februar Lesungen und Konzerte statt.

    In England hat der Dickens-Rausch die Royals angesteckt: Im Trubel des Thronjubiläums nehmen sich Prinz Charles und Camilla Zeit, um gemeinsam mit dem Erzbischof von Canterbury einen Gottesdienst am Grab des Schriftstellers in der Westminster-Abtei abzuhalten.

    Eine Woche später will sich die Queen im Theater ein Jubiläumsstück über Dickens anschauen. Die BBC strahlt jede Woche Dickens-Filme aus. Es gibt 2012 neue Dickens-Bücher, -Ausstellungen und natürlich viele Führungen. So wie diese.

    „Der kleine Charles musste sich zum Mittagessen Pudding für einen Penny kaufen, 150 Jahre später wurde jedoch sein Porträt auf den Zehnpfund-Schein gedruckt“, sagt stolz Jean Haynes. „Diese Lebensgeschichte ist der aufregendste Roman, den ich kenne“.

    Sein Leben ist gründlich erforscht. Eine heile Familie, die Schuldenfalle, die Eltern im Gefängnis, mit zwölf Jahren die Knochenarbeit am stinkenden Fluss. Sein Leid war so groß, dass Dickens sie bis zum Ende seiner Tage vor der Öffentlichkeit versteckt hielt.

    Diese Zeit prägte seinen Sinn für Gerechtigkeit und das Mitgefühl für die Mißbrauchten und Mittellosen – vor allem für die Kinder im Elend – die solche Romane wie „Oliver Twist“ (1839) und „David Copperfield“ (1850) auszeichnen.

    Der kritische Journalist und Schriftsteller war einer der ersten im viktorianischen England, der die Brutalität und Gleichgültigkeit gegenüber den Schwachen bloßgestellt hat. Das gefiel später Karl Marx und den sowjetischen Kommunisten, die das Werk des Briten gerne zu Propagandazwecken benutzt haben.

    Dickens war jedoch nicht nur eine Stimme der Armen, sondern auch ein Chronist der ersten modernen Großstadt der Welt, die er seine „magische Laterne“ nannte. Als „Londons Sonderkorrespondent für die Ewigkeit“ (Walter Bagehot) lief der nachtaktive Beobachter oft durch die schlafende Metropole, deren Straßen er als „fotografische Karte“ in seinem Gedächtnis behielt.

    Auf diesen Wanderungen soll Dickens die Geschichten seiner 989 Romanhelden gesponnen haben, darunter die des liebenswerten Mr. Pickwick, die ihn mit 24 Jahren berühmt gemacht hat. Die „Pickwickier“ erschienen 1836-37 als 20-teiliger Fortsetzungsroman. „Es war revolutionär“, sagt Dr. Cathy Waters von der University of Kent. Dickens habe seine Leser in Erwartung des nächsten Teils je einen Monat lang darben lassen.

    „So erreichte er die größte Bekanntheit“. Das spätere Meisterwerk „Große Erwartungen“ (1860-61) habe sich jede Woche sogar 200000-fach verkauft, erzählt Alex Werner, Chefhistoriker beim Museum of London. „Es war phänomenal für eine Publikation ohne jegliche Bilder“.

    Das Londoner Museum zeigt derzeit in einer Ausstellung die Stadt so wie sie Dickens erlebt hat. Man sieht hier eine Gefängnistür, Fotos, Theaterplakate und den Sessel, in dem die „Geschichte zweier Städte“ (1859) entstanden ist. Werners Favorit ist jedoch die Weihnachtserzählung „A Christmas Carol“ (1843), die er das „erste Großstadtmärchen“ nennt: „Es geht um Geldverdienen, Karriere und Lebensperspektiven in einer Metropole“.

    Dickens sei zeitlos, weil die von ihm beschriebenen Probleme weiter existieren, sagt der Historiker. „Deswegen sind seine Werke bei den Indern und Chinesen so populär, deren Großstädte an Armut und sozialer Ungerechtigkeit leiden“.

    Die Briten schätzen heute Dickens nicht nur als „soziales Gewissen“ des Königreichs, sondern auch als einen Kulturmagneten, der viele Millionen Pfund an touristischen Einnahmen sichert. Dickens hatte seine letzten Jahre in Rochester in Kent verbracht, wo er als 58-Jähriger an einem Schlaganfall starb.

    Die Kleinstadt ehrt ihren berühmten Bewohner jährlich mit zwei populären Festivals und einem Weihnachtsmarkt, auf dem verkleidete „Viktorianer“ flanieren. „Dickens ist unser Rock’n’Roll des 21. Jahrhunderts, er lässt es krachen“, freut sich eine Sprecherin der örtlichen Tourismusbehörde.

    Der Rundgang mit Jean Haynes endet vor einer bescheidenen Büste. Ein bronzener Dickens-Kopf hinter Glas, in einem Hinterhof versteckt. Keine Blumen. „Er wollte das alles nicht“, sagt Jean.

    „Er wollte nur durch sein literarisches Erbe in Erinnerung der Menschen bleiben“. Im Jubiläumsjahr setzen sich die Briten über den Wunsch ihres geliebten Genies hinweg: Sie wollen je ein Denkmal in London und in Dickens‘ Geburtsstadt Portsmouth errichten.

    Von Alexei Makartsev

    Die Briten feiern Charles Dickens
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