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  • «Woyzeck» in Hamburg umjubelt

    Hamburg (dpa). Als umgestürzter Piss-Pott erscheint einem bettelarmen Kind nach langer, einsamer Wanderung diese Erde. Dieses grausige Märchen wird erzählt in «Woyzeck», Georg Büchners berühmtem Sozialdrama von 1836.

    Am Hamburger Thalia-Theater stellt die junge Regisseurin Jette Steckel das Märchen ihrer ungewöhnlichen Neuinszenierung voran und markiert damit sogleich die Stoßrichtung der Geschichte vom Fußsoldaten Franz Woyzeck in gnadenloser Umwelt.

    Das Premierenpublikum am Samstagabend erlebte das vom Autor (1813- 1837) als Fragment hinterlassene Stück auch sonst nicht in der Originalfassung, sondern als Musiktheateradaption der amerikanischen Star-Künstler Robert Wilson (69, Konzept) und Tom Waits (60) sowie Kathleen Brennan (Songs): Für das ausdrucksstarke, atmosphärisch dichte, facettenreiche Projekt erhielten Steckel, ihr Ensemble und eine Band unter Gerd Bessler großen Applaus.

    Optisch dominiert ein riesiges Netz die düstere Szene: In ihm sind alle acht Beteiligten gefangen, an ihm hängen sie, von ihm drohen sie, erschlagen zu werden und am Ende fallen Woyzeck und seine Geliebte durch seine groben Maschen. Der gedemütigte Außenseiter ersticht die Geliebte, die ihn betrogen hat.

    Schlicht, doch schlüssig definiert das Bühnenbild (von Florian Lösche) die unfreie, ungerechte, identitätstötende Gesellschaft, die Büchner anprangert. Wie hyperaktive Insekten im Spinnennetz wirken hier alle: nicht nur die Armen, sondern auch die, die das Sagen haben. Felix Knopp verkörpert mit Bravour die Titelfigur, die in der Liebe zu Marie und dem unehelichen Kind einzigen Lebenssinn findet. Entgegen häufiger Interpretation ist sein Woyzeck nicht dumpf, sondern empfindsam.

    Dabei strahlt er, ein atemlos Suchender mit bloßem Oberkörper, schon zu Anfang Verlorenheit aus. Doch wenn Knopp dann mit sanfter Stimme «Misery Is The River Of The World» (Elend ist der Fluss des Lebens) singt, klingen bereits die raue Poesie und die Erkenntnis, die Sehnsucht und die Hoffnung an, mit der die oft dissonanten Waits-Kompositionen aus Rock, Jazz, Soul und Vaudeville den trostlosen Büchner-Text anreichern.

    So sind es für einen Woyzeck ungewohnte, verheißungsvolle Herztöne, die die Freundschaft zum Standesgenossen Andres (Jörg Pohl) und die Gefühle für Marie (Maja Schöne) umgeben: «When I'm with her, I'm the safest man in the town, she's the rose, she's the pearl» (Wenn ich mit ihr zusammen bin, bin ich der geborgenste Mann in der Stadt, sie ist die Rose, sie ist die Perle), singt der Underdog innig. Stampfend aufmüpfig und optimistisch kommen dazu Gruppenszenen daher, die sozialen Umsturz herbeizuwünschen scheinen.

    Umso drastischer wirken die Dialoge etwa mit dem Hauptmann (Philipp Hochmair), den Woyzeck rasiert und von dem er sich als Vater ohne Trauschein anhören muss: Er hat keine Moral. Beim Doktor (Tilo Werner), dem er gegen ein Zubrot seinen Körper für medizinische Experimente überlässt, hängt er kopfüber mit den Füßen am Netz. Auf Aufforderung versucht er dabei verzweifelt, zu urinieren, was misslingt. Doch auch diese beiden Ausbeuter sind Gefangene einer Ordnung, die sie zu seelenlosen Hampelmännern macht.

    So führt für Woyzeck die äußere Handlung auch bei Waits und Steckel in Verderben und Tod: Nachdem sich Marie für Geld und Gut dem grotesk verfetteten Tambourmajor (Josef Osterndorf) hingegeben hat, ist für Woyzeck alles aus: Jeder Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einen, wenn man hinunter sieht.

    Der Dramatiker und Sozialrevolutionär Büchner («Dantons Tod») war seiner Zeit weit voraus: Im Laufe des 19. Jahrhunderts vergessen, entdeckten ihn erst die Naturalisten wieder. Komponist Alban Berg schuf 1925 die Oper «Wozzeck». Das Adaption von Theater-Abstraktionsmeister Wilson und Rock-Rebell Waits wurde im Jahr 2000 in Kopenhagen uraufgeführt - mit gemischtem Erfolg. Nach Freigabe der Rechte wird es nun international nachgespielt. In Deutschland ist Hamburg nach Oberhausen und Berlin der dritte Ort.

    Am Thalia hatten Wilson und Waits bereits 1990 mit ihrer «Freischütz»-Version «The Black Rider» großen Erfolg, 1992 folgte die Lewis-Carrol-Adaption «Alice». Die «Woyzeck»-Songs von Waits liegen längst auf seiner CD «Blood Money» vor.

    dpaq.de/woyzeck

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