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    MünchenNeo Rauch geht nicht auf Nummer Sicher

    Neo Rauch kann schlecht zwei Dinge auf einmal tun. Ein Interview führen und nebenbei Plakate unterschreiben - das geht nicht. Denn der Maler-Star, der an diesem Sonntag 50 Jahre alt wird, macht keine halben Sachen.

    Neo Rauch
    Neo Rauch in München.

    Wenn er mit jemandem spricht, dann konzentriert er sich, lässt sich voll auf den Gesprächspartner ein. Er überlegt lange - und gibt druckreife Antworten.

    Anlässlich seines Geburtstages zeigen die Pinakothek der Moderne in München und das Museum der bildenden Künste in Leipzig die Doppelschau «Begleiter», eine Retrospektive mit jeweils mehr als 60 Gemälden. Die Deutsche Presse-Agentur hat mit Neo Rauch in München gesprochen - über die neue Ausstellung, die Unabhängigkeit seiner Werke, den Wert der Kreativität und die Gefahr des Erfolges.

    Herr Rauch, Sie haben sich die Ausstellung in München angesehen. In dieser Anordnung sind Ihre Bilder noch nie ausgestellt worden. Wie schwer fällt es Ihnen, dass Sie diese Arbeit aus der Hand geben müssen?

    Neo Rauch: «Das fällt mir außerordentlich leicht, weil Bernhart Schwenk ja der Kurator meines Vertrauens ist. Wir haben beste Erfahrungen miteinander machen können - das kann ich zumindest von meiner Seite her so vollmundig verkünden. Damals im Haus der Kunst kuratierte er meine Ausstellung in München, 2001. Und von daher gab es für mich da überhaupt keine Frage, dass er der Richtige ist, um eine solche Setzung vorzunehmen. Und ich finde mein Vertrauen auf schönste Weise bestätigt.»

    Immer dann, wenn Ihre Bilder ausgestellt werden und jemand anders die Oberhoheit über die Anordnung hat, eröffnet Ihnen das neue Blicke? Und lernen Sie dabei auch noch etwas über sich?

    Rauch: «Viel, ja. Das eröffnet mir tatsächlich neue Blicke. Die Bilder sind hier nicht chronologisch gehängt, sondern es gibt einen ganz charmanten Mix der Jahrgänge. Und wenn man das aus der Hand gibt, dann besteht eben die Möglichkeit, dass der Autor der Ausstellung Verbindungen herstellt, die die Bilder völlig neu aufschließen können.»

    Der Kurator Schwenk hat von kleineren Konflikten mit Künstlern erzählt, weil sie sich lieber von aktuellen Bildern repräsentiert sehen als von alten. Geht Ihnen das auch so?

    Rauch: «Es ist alles gut gegangen. Ich hatte aber dennoch meine Bedenken. Das will ich nicht verschweigen. Ich bin ja seltsamerweise schon mit einer solchen Fülle von Retrospektiven ausgestattet worden, dass ich mich manchmal fragen muss, wie alt ich eigentlich tatsächlich bin. Darauf kann ja manch 80-Jähriger nicht zurückblicken. Und auch ich stehe natürlich viel lieber in der maiengrünen Präsenz der jugendfrischen Arbeiten da, die in den zurückliegenden Monaten erst das Licht der Welt erblickt haben. Ich möchte eigentlich auch viel lieber diese Art von Coolness an den Tag legen.»

    Woran liegt es denn, dass sie schon mit so vielen Retrospektiven bedacht worden sind?

    Rauch: «Warum das so ist, weiß ich beim besten Willen nicht, dass ich so ein Retrospektiven-Hirsch bin.»

    Vielleicht liegt es daran, dass Ihre künstlerische Entwicklung interessant und besonders ausstellungswürdig ist?

    Rauch: «Ich sehe das, was in den zurückliegenden 20 Jahren aufgelaufen ist, und stelle fest, dass der Hergang meiner Entwicklung weitestgehend ohne revolutionäre Vorfälle auskam, und dass es sich stattdessen um einen sich träge dahinwälzenden Fluss handelt, der natürlich evolutionäre Züge aufweist. Es ist, als würde das Ganze einem Magnetberg zuströmen, den ich, der ich mich selbst im Dickicht meiner Verfänglichkeiten aufhalte, nicht sehen aber eher spüren kann. Also, es scheint, als liefe das alles auf etwas Bestimmtes hinaus, und ich kann nur hoffen, dass mir noch ein paar Jahrzehnte vergönnt sein werden, bis ich vollends Klarheit darüber erlange.»

    Haben Sie eine Idee, was dieser Magnetberg sein könnte?

    Rauch: «Nein, nein. Am Ende bin ich es selbst und begegne mir in Gestalt des großen Kindes vielleicht. Aber das sind Mutmaßungen. Wichtiger ist es stattdessen, dass ich diese Sogwirkung an mir spüre und dass sie mein Schaffen prägt und auch mit einer zähen Dynamik ausstattet - zäh im Sinne von nicht rasant, ein zäher Fluss eben. Es bleibt im Fluss, und das ist wichtig. Das heißt ja nicht, dass es nicht auch Zonen der Stagnation gibt. Aber auch in denen merke ich ja diese Zugkraft an mir, an den Wänden meiner Werkstatt.»

    Ihre Bilder scheinen mit den Jahren komplexer geworden zu sein, haben immer mehr Schichten, die sich immer mehr überlappen. Kommt Ihnen die Realität komplexer vor? 

    Rauch: «Das mag sein, ja. Die Mannigfaltigkeit des zuströmenden Materials, die setzt mir offenbar zu und ich lasse mich aber eben auch darauf ein. Ich habe mich ja auch in Entwicklungsstadien aufgehalten, in denen ich mir eine striktere Ordnung auferlegt habe, eine straffere Bündelung und eine rigorosere Auslichtung der Materialströme. Und das kann man natürlich auch an einen bestimmten Endpunkt treiben, an dem wir es nur noch mit dem schwarzen Quadrat zu tun haben. Ich habe festgestellt, dass ich mich in diese Sortiermechanismen in einem hinlänglichen Maße eingeübt hatte und dass, wenn ich so weiter gemacht hätte, eine Routineproduktion stattgefunden hätte, die einfach nur noch langweilig gewesen wäre.

    Dieses "Auf-Nummer-Sicher-Gehen" ist etwas, was dann - Gott sei Dank - bei mir früher oder später zu Ekelzuständen führt, und das ist auch eine Triebkraft des Sich-Fortentwickelns, fort von diesen sicheren Gründen. Und jetzt bin ich natürlich auch in eine Zone eingetreten, in der vielleicht schon gefährliche Sicherheiten heraufgezogen sind um mich herum. Ich merke das ja selbst auch. Es bleibt abzuwarten, welche Schlüsse ich daraus in meiner täglichen Arbeit ziehen werde, aber abrupte Wendungen sind da nicht zu erwarten als Konsequenz aus dieser Wahrnehmung, sondern es wird sich weiterhin um evolutionäre Vorgänge handeln.»

    Sicherheit kann für Sie also wirklich gefährlich sein?

    Rauch: «Natürlich, ja. Man kann sich selber zu einer Marke herunterstutzen, wenn man einfach Stanzformen dann produziert. Das ist ja auch das zentrale Motiv meines Bildes "Die Wahl". Der Kern dieses Bildes ist dieses Künstlerschicksal, das sich in der ewigen Reproduktion einer einmal für richtig befundenen Formfindung erschöpft.»

    Ist es dann im Umkehrschluss so, dass man sich mehr einfallen lässt und kreativer wird, wenn man nicht erfolgreich ist?

    Rauch: «Ich glaube, ein Mindestmaß an positiver Resonanz ist vonnöten, um den Karren am Laufen zu halten. Sonst kann man in Selbst- und Welthass verrecken, wenn da gar nichts zurückgespiegelt wird, gar nichts Positives. Und insofern geht es wohl nicht ohne positiven Widerhall. Das ist durchaus ein Motor, aber zugleich eben auch eine Gefahr, wenn eine bestimmte Gangart einschränkungslose Zustimmung erfährt, dann sollte man sich da herausbewegen. Es gibt ja eben auch einen Wechsel des Publikums. Es bleiben durchaus Freunde meines Schaffens an bestimmten Wegstationen mir nachwinkend zurück und sagen "Bis hier hin und nicht weiter. Wir sind große Anhänger deines Schaffens der frühen 90er Jahre und weiter wollen wir dich nicht begleiten". Das gibt es und das ist auch ganz natürlich.»

    Wann ist denn ein Bild für Sie fertig?

    Rauch: «Fertig sind sie ja nie. Es ist einfach der Zustand irgendwann erreicht, in dem ich es verantworten kann und das Bild lebensfähig ist ohne meine weitere Beatmung. Wenn das Bild in die Welt eintreten kann, heißt es nicht, dass alles bis in die äußerste Perfektion hineingetrieben wurde, denn das wäre der sichere Tod für das Bild. Es muss weiterhin atmen können.»

    Sie haben nicht nur Wegbegleiter auf Ihrem Weg zurückgelassen, sondern auch Ihre Lehrer. Arno Rink beispielsweise hat niemals die weltweite Anerkennung erfahren wie Sie. Sprechen Sie mit ihm über so etwas?

    Rauch: «Wir sind befreundet, aber gerade darüber sprechen wir eigentlich nicht. Es ist natürlich klar, dass gerade diese Jahrgänge in einer tragischen Lage sind. Für sie kam natürlich die Wende mindestens zehn Jahre zu spät - für mich kam sie gerade noch zur rechten Zeit. Und dann brachte natürlich dieses massive Eingeflochten-Sein in die Lehrämter unter Umständen auch eine mangelnde Präsenz auf dem internationalen Tablett mit sich. Das ist sehr komplex. Aber das heißt ja nicht, dass Arno Rinks Bilder nicht in fünf, in zehn oder 20 Jahren plötzlich wie Phoenix aus der Asche aufsteigen und von einem breiten Publikum gefeiert werden. Das ist ja - Gott sei Dank - in diesem Metier alles möglich.»

    Im Zuge der Diskussion um Ihre Professur in Leipzig haben Sie relativ deutliche Kritik geäußert an der Art und Weise, wie Kunst und Kreativität in Deutschland gefördert oder eben gerade nicht gefördert werden. Sehen Sie eine Möglichkeit, an Hochschulen kreativ zu sein oder Kreativität zu lernen?

    Rauch: «Na ja, das gibt es natürlich immer. Ich glaube, die Zauberformel, die utopisches Wunschdenken ist, wäre, dass man für eine Professur nicht bezahlt wird, dass dort nur diejenigen installiert werden, die einfach aus den Folgerichtigkeiten ihres Schaffens heraus und aus einem Sendungsbewusstsein heraus in diese Ämter einsteigen. Und dass man sie vor allen Dingen freihält von den akademischen Selbstverwaltungszwängen.»

    Interview: Britta Schultejans, dpa

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