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    HamburgJuliette Gréco erinnert sich

    «Man darf sich nicht langweilen. Das ist Sünde», sagt Juliette Gréco mit Vehemenz und grinst schelmisch unter ihrer markanten Pony-Frisur, «ich langweile mich nie - ich reise viel beruflich, singe, nehme Platten auf und arbeitete mit jungen Leuten zusammen. Das tue ich, weil ich neugierig bin.»

    Juliette Gréco
    Juliette Gréco stellt auf Kampnagel ihre Autobiografie vor.
    Foto: Daniel Reinhardt - DPA

    Außerdem schreibt sie: Gerade hat die 85-jährige französische Chanson-Ikone und legendäre «Muse der Existenzialisten» ihre Autobiografie «So bin ich eben. Erinnerungen einer Unbezähmbaren» vorgelegt - ihre zweite nach 1982. «Ich möchte einige Dinge auf den Punkt bringen», erklärt die etwas zarter gewordene, aber stolze Gréco im dekolletierten schwarzen Strick-Ensemble am Donnerstagabend im Hamburger Hotel «Vier Jahreszeiten» der Nachrichtenagentur dpa.

    Später am Abend wird sie ihr Buch vor 300 meist reiferen Besuchern in der ausverkauften Kampnagel-Fabrik im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals präsentieren - und Beifall im Stehen erhalten. Extreme Höhen und Tiefen prägten ihr Leben. «Ich war ein schreckliches Kind», heißt es in den Memoiren. Gréco skizziert in knappen, oft eindringlichen Sätzen ihre wilde Eigenwilligkeit, ihre abweisende, in der Résistance aktive Mutter, ihre Gestapo-Haft und die KZ-Haft von Mutter und Schwester Charlotte, den Freiheitstaumel nach dem Krieg, Begegnungen mit Jean-Paul Sartre, Jacques Brel, Francoise Sagan, Miles Davis, ihre drei Ehemänner und ihre Tochter. Ihre Lieder wie «Déshabillez-moi» und «Parlez-moi d'amour».

    Es war der Philosoph Sartre, der die so arme und einsame wie aparte blutjunge Tänzerin und Schauspielschülerin zum Singen gebracht hat, sogar erste Chansons für sie textete und komponierte. Wie fühlte es sich an, das sagenumwobene Leben in den Bars und Cafés am linken Seine-Ufer unter all den weltberühmten Dichtern und Denkern? «Sie haben mich die Großzügigkeit gelehrt», sagt Gréco lächelnd mit warmer Stimme und wirkt auch auf ihrem Kaminsofa in Hamburg nicht müde, davon zu schwärmen. «Sie haben mich geliebt und beschützt. Und wenn ich versuchte, ihre Bücher zu lesen und etwas nicht verstand, konnte ich sie ja einfach fragen.» Der Dichter Boris Vian habe sie, die Verstummte, nach den Schrecken ihrer Jugend zum Sprechen gebracht.

    Der Drang nach Freiheit, der Anspruch, selbst auch wider alle Konventionen zu wählen, zieht sich wie ein roter Faden durch die Existenz der bekennenden Linken. Immer wieder erregte sie Skandale. Ist sie mit der größeren gesellschaftlichen Freiheit unserer Tage zufrieden? «Ganz und gar nicht», kommt es wie aus der Pistole geschossen, «die Frauen zum Beispiel sind müde geworden, lassen die Arme hängen. Ihr Kampf ist hart, doch sie haben noch nicht alles erreicht», sagt die Künstlerin und fügt mit keckem Blinzeln an, «ich schreite weiter». Und die Jugend - sie mache oft falschen Gebrauch von ihren Möglichkeiten. «Alle kleiden sich gleich, tragen die gleichen Kappen und reden die gleichen Ideen nach. Man müsste viel mehr mit ihnen sprechen», meint die begeisterte Großmutter.

    Kampf um Freiheit und Lust an Mode haben sich für die Französin nie ausgeschlossen, wie sie schreibt. Auch in Hamburg blüht sie bei dem Thema noch mehr auf. «Es ist wichtig, einen eigenen Stil zu finden, denn Kleider sind unsere zweite Haut», sagt la Gréco und zupft an ihrer Jacke in charakteristischem Schwarz, «die Frage dabei lautet immer, worin finde ich mich wieder?» Wahlfreiheit hat sich die Französin nicht zuletzt in der Liebe genommen, viele Beziehungen zu Männern und Frauen genossen. Zwei Ehen, etwa mit dem Schauspieler Michel Piccoli, sind geschieden, die dritte mit ihrem Pianisten Gérard Jouannest hält seit mehr als 20 Jahren. Ist es vielleicht eine gute Idee, spät zu heiraten? «Er ist Musiker, er ist witzig, er langweilt mich nie», bilanziert Madame, «aber zu heiraten - das ist nie eine gute Idee.»

    Harbour Front Literaturfestival Hamburg

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