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    "AAACHTUNG!!!" Rekrutin für eine Woche - Teil 2

    Als Nächstes stand der Bezug der Stube an. Eigentlich wollte ich mir mit anderen Rekruten eine Stube teilen, aber dann bekam ich eine Sechs-Mann-Stube für mich allein. Sechs Stockbetten, sechs Spinde, ein Tisch, Stühle und ein Schrank mit Putzzeug. Nicht mal ein Waschbecken gibt’s. Dafür schicke blaue Vorhänge, die ich wahrscheinlich eh nicht brauchen werde.

    „Bitte nicht direkt ins Licht schauen!“ Im Rahmen der nächtlichen Geländeübung wird den Rekruten auch verschiedenes Leuchtmittel vorgeführt.
    „Bitte nicht direkt ins Licht schauen!“ Im Rahmen der nächtlichen Geländeübung wird den Rekruten auch verschiedenes Leuchtmittel vorgeführt.
    Foto: Marc Schilpp/Bun

    Soweit ich weiß, ist 5.30 Uhr zu dieser Jahreszeit selbst der Sonne zu früh zum Aufstehen. Jetzt, wo ich so mit halberfrorener Nase im Zelt liege und den Geräuschen des Lagers lausche, wäre ich froh, wenn die Nacht schon rum wäre. Vom Boden her macht mir die Kälte nun doch zu schaffen, und ich denke mit Wehmut an das Feldbett des Zugführers, das mir am Anfang des Abends angeboten wurde.

    Rennen, robben, rumballern – das macht durstig. Zum Glück ist die Feldflasche mit Wasser immer am Gürtel befestigt.
    Rennen, robben, rumballern – das macht durstig. Zum Glück ist die Feldflasche mit Wasser immer am Gürtel befestigt.

    Denke an den Ofen, der daneben steht, und frage mich, warum ich es unbedingt authentisch haben wollte. Irgendwann muss ich dann doch eingeschlafen sein – zumindest mein Arm ist es. Als ich die Position wechseln will, merke ich, dass etwas anders ist. Das Feuer ist aus. Und die Jungs, die beim Hinlegen noch Sicherheitsabstand zu mir gehalten haben, sind rangerückt. Ich ziehe mir den Schlafsack über den Kopf, atme hinein, bis ich mein Gesicht wieder spüre, und warte. Ganz in der Nähe höre ich etwas scharren und werde nervös. Ich weiß, dass es hier Wildschweine gibt, und ich frage mich, ob sie vielleicht die restlichen Kekse in meinem Rucksack gerochen haben. Es ist 5 Uhr, als uns der Gruppenführer weckt.

    Gegenseitig rütteln wir uns wach und schälen uns aus den feuchten Schlafsäcken. Zitternd grabe ich mich durch die Stofflagen und versuche, mit klammen Händen die richtigen Kleidungsstücke zu greifen. Erst die Hose und die Feldbluse an, dann der Kälteschutz. Jacke über und schließlich noch der Nässeschutz, Hose und Jacke – mehr geht nicht. Ich bin als eine der ersten auf den Beinen und helfe dabei, das Feuer wieder in Gang zu bringen, während das erste Team den Alarmposten besetzt. Nebel und Anspannung liegen in der Luft.

    Dunkle Gestalten huschen über das Feld. Wolkenschleier ziehen am vollen Mond vorbei, der das Feld in ein diffuses Licht taucht. Plötzlich sind Schüsse zu hören. Angriff. „Los, los, los! Mehr Ballett, Männer!“, ruft Dinkel, und wir führen wieder unsere Choreografie auf, bis jeder in seiner Stellung liegt, die Waffe geladen und voller Erwartung, was als Nächstes kommt. Ein grüner Leuchtkörper bringt Licht ins Dunkel – ein simulierter Granatenangriff, den wir mit Feuer quittieren. Der Kamerad neben mir hat Schwierigkeiten beim Nachladen und versucht hektisch, das Problem zu beheben. „Feuer auf mein Kommando“, ruft Dinkel und schießt einen Fallschirm mit Leuchtkörpern in den Wald. Langsam segelt er hinunter, verfängt sich in den Ästen eines Baums und jagt eine Lichtwelle den Hang hinab.

    Keine 50 Meter von unserer Stellung sehen wir feindliche Kämpfer, die auf uns schießen. Die Mündungsfeuer leuchten wie explodierende Glühwürmchen, und um mich herum knallt es wie an Silvester. Ich bin froh über die Ohrstöpsel und den Helm, der sowieso die Welt viel dumpfer klingen lässt. Irgendwann ist es vorbei. Der Feind, der in Wirklichkeit nur aus fünf eigenen Soldaten besteht, ist weitergezogen, alle Munition wurde verschossen.

    Wir ziehen uns zum Lager zurück und wissen: Die Arbeit ist noch lange nicht getan. Schlafsäcke müssen eingerollt, Zeltplanen verstaut und die mühsam errichteten Stellungen wieder zugeschüttet werden. Doch erst mal gibt es ein paar Brötchen, die von der Suppe am Abend übrig geblieben sind. Ich krame in meinem Rucksack und fördere das E-Pa, die Einmann- Packung zu Tage, in der noch der Brotaufstrich liegt. Die Wurst gebe ich an zwei dankbare Kameraden weiter und tunke selbst das Brötchen in das Päckchen Marmelade.

    Ich habe noch nie so etwas Leckeres gegessen. Die Müdigkeit macht die Glieder schwer, und doch muss die Arbeit gemacht werden. Irgendwann ist von dem Lager nicht mehr übrig als etwas umgewühlte Erde. Hinter Wolkenschleiern ist mittlerweile die Sonne aufgegangen. Ich blicke an mir herunter. Die Hose und die Jacke stehen vor Dreck, und meine Hände sind so schmutzig, dass ich sie eigentlich nicht mehr zu meinem Körper zählen möchte. Wenigstens habe ich daran gedacht, die Fingernägel vorher zu schneiden. Nun ziert sie der Nagellack der Marke „Chanel Dirt“.

    Faktenblock - Frauen beim Bund: Seit 2001 stehen Frauen alle militärischen Laufbahnen in den Streitkräften offen. Inzwischen leisten rund 18 000 Soldatinnen ihren Dienst bei Heer, Luftwaffe, Marine, Sanitätsdienst oder der Streitkräftebasis – Tendenz steigend.

    Mit etwas Schnee reibe ich mir die Hände notdürftig sauber und blicke unglücklich auf das Dixie Klo, das am Rand des Lagers steht. Eigentlich fast schon ein Luxus, und doch ist es mir zuwider, in diesen blauen Kasten zu steigen. Doch ich muss, also muss ich. Später erfahre ich, dass in der Nacht mehrmals Mädels zum Tamponwechsel in die Kaserne gefahren wurden. Etwas unrealistische Kampfbedingungen hier. Vielleicht hätte ich meine Tage vortäuschen sollen, um auch in den Genuss einer ordentlichen Toilette zu kommen.

    Rucksack auf den Rücken und losmarschiert

    Als ich mir später den vollgepackten Rucksack auf den Rücken hieven will, merke ich, wie erschöpft ich eigentlich bin. Ein Kamerad hilft mir, das Ungetüm richtig aufzusetzen, und mir kommen fast die Tränen. Etwa vier Kilometer beträgt der Rückweg zur Kaserne – eigentlich ein Katzensprung, wenn nicht Gepäck und die durchwachte Nacht mitzuschleppen wären. „Bitte nicht joggen, bitte nicht joggen“, fleht ein Kamerad, und ein anderer fragt Dinkel, ob denn der Laufschritt geplant ist.
    Die letzten 400 Meter, heißt es, soll noch mal das Tempo angezogen werden. Ich schlucke, kann ich doch kaum einen Fuß vor den anderen setzen. Als mir eine Mitfahrtgelegenheit zurück zur Kaserne angeboten wird, werde ich schwach. Ich lasse die anderen ohne mich losgehen. „Sie sehen aber müde aus“, sagt einer zu mir, und dabei habe ich immer noch jede Menge Tarnschminke im Gesicht, deren Reste meine Augenringe aber anscheinend nicht abdecken. Ich sehe meine Kameraden laufen und fühle mich wie eine Verräterin. Schließlich werde ich trotzig, packe meinen Helm und das Gewehr und renne los.

    Den Rucksack lasse ich auf dem Laster; ein fairer Kompromiss, wie ich meine. Nach einer Minute habe ich zu den anderen aufgeschlossen und suche mir einen Platz in der Zweierreihe. Dinkel grinst, als er mich sieht, und führt die Gruppe über einen Pfad durch den Wald. Ich setze einen Fuß vor den anderen und hoffe, auf den Schneeplatten nicht auszurutschen. Hinter mir stürzt eine Rekrutin und kann sich allein nicht mehr aufrappeln. Zwei ihrer Kameraden ziehen sie hoch.

    Schließlich erreichen wir nach viel Gerutsche den Fahnenmast, der den Anfang des letzten Wegstücks markiert. Wir warten noch auf die zwei anderen Gruppen unseres Zugs, dann geht es in den Laufschritt. Die Gesichter hochrot, die Tarnschminke verfließt, als der Schweiß die Wagen herunterrinnt. Wie ein rauchender Lindwurm trabt die Truppe den Weg an der Bundesstraße entlang – der heiße, keuchende Atem liegt als Dampf in der Luft. Noch sind wir im Gleichschritt, die Rucksäcke hüpfen im Takt. Koppel und Waffe zerren an meinen Schultern, das zusätzliche Gewicht bringt mich zum Keuchen.

    „Nur noch bis da vorn! Gleich geht’s links rein“, ruft einer immer wieder und versucht seinen Kameraden mitzuschleifen. Doch es bleibt nicht bei den letzten Metern – immer wieder geht es das letzte Stück auf und ab. Rucksäcke werden abgenommen, gemeinsam getragen, erste Läufer brechen zusammen. Die Gruppe soll eine Einheit bilden, das ist die Lektion, die Oberleutnant Kirch den Rekruten beibringen will. Einer taumelt zum Rand, würgt, andere fluchen, jammern, weinen und kämpfen gegen ihre Erschöpfung an.

    Ich kann nicht mehr. Stehe am Weg, helfe einem Gestürzten – aber laufen, nein, das geht nicht mehr. Und ich verstehe es auch nicht. Weiß nicht, was es bringt, den Rekruten das Ziel vor Augen wieder wegzunehmen. Warum? „Der Körper kann viel mehr, als wir denken“, erklärt mir später Feldwebel Schäfer. Die Grenzen erkennen, sie überschreiten und dadurch wissen, zu was wir fähig sind, wenn es mal darauf ankommt.

    Wer im Krieg vor dem Feind wegläuft und liegen bleibt, der ist tot. So einfach ist das. Dazu sollen die Rekruten lernen, sich gegenseitig zu motivieren und zu helfen. Dass diese Lektion nicht alle begriffen haben, lassen die Gespräche auf dem Rückweg erahnen. „Es sind immer dieselben, die sich hängen lassen. Solche Arschlöcher!“, sagt einer, und andere stimmen ein. Eigentlich wäre nach dem Gewaltmarsch sogar noch ein Lauf über die Hindernisbahn eingeplant gewesen, aber der wurde aufgrund der Witterung verschoben. Nur nicht für mich.

    Ich sehe ein: Wer ohne Rucksack läuft, der kann auch noch über Gerüste klettern. Doch schon der Weg zum Hindernisparcours wird selbst zum Hindernis, denn Feldwebel Schäfers gut geschulter Blick sieht natürlich sofort, dass da etwas mit meinen Hosenbeinen nicht korrekt ist. Erwischt. Denn die Hosengummis habe ich einfach irgendwo bei der frühmorgendlichen Aus-dem-Schlafsack-Gewurschtel- Aktion drum gebunden, nur nicht da, wo sie hinsollten. Mein mit einem schelmischen Lächeln bedachter Täuschungsversuch – Rumgezoppel am Hosenrand mit den Worten „Ich richte dann mal meine Hosengummis“ – wird aufgedeckt.

    "AAACHTUNG!!!" Rekrutin für eine Woche - Teil 3"AAACHTUNG!!!" Rekrutin für eine Woche - Teil 1 "AAACHTUNG!!!" Rekrutin für eine Woche - Teil 4Rucksack erzählt vom Schicksal eines SoldatenUnterm Strich: Der Weg zur Bundeswehr
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