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  • Gute Vorsätze fürs neue Jahr - Klaus Kocks zum Religiösen in der Politik

    Mein alter und geschätzter Freund Michel Friedman regt sich auf, wenn er Politiker von der jüdisch-christlichen Tradition des Abendlandes reden hört. Er ist Jude und als Publizist ein ganz besonders wacher Zeitgenosse. Sein Argument: Seit 2000 Jahren verfolgen Christen Juden, zwischendurch auch mal mit mörderischer Absicht. 

    Wieso wird plötzlich eine gemeinsame Identität heraufbeschworen? Ich finde, Friedman hat recht. Man ist Jude oder Christ, aber nicht beides. Aber stört solche Schärfe nicht den Weihnachtsfrieden?

    Nun, das Abendland war immer ein politisches Konzept, das sich gegen das Morgenland gerichtet hat. Der Okzident, das sind wir, grenzte sich gegen den Orient ab, das sollten die anderen sein, insbesondere die Muslime. Das Bedürfnis der Unterscheidung besteht zwischen drei verschiedenen Religionen, die einen ähnlichen Charakter haben. Weil sie alle drei nur an einen Gott glauben und nicht an mehrere Götter, nennt man sie monotheistisch. Das sind das Judentum, der Islam und das Christentum. Was diese Religionen auszeichnet, ist, dass sie jeweils an einen sehr eifersüchtigen Gott glauben.

    Die Vorgabe des Glaubens ist, dass man keine andere Götter neben dem einen haben soll. Das hat sich früher gegen den Götzendienst gerichtet, den viele der alten Völker aus noch älteren Urzeiten gepflegt haben. Das Alte Testament erzählt davon. Moses war nur mal eben weg, um mit Gott auf dem Berg Sinai darüber zu verhandeln, wie die Zehn Gebote aussehen sollten, und schon tanzte das Volk Israel um ein Goldenes Kalb. Das fand weder er noch der Herrgott in Ordnung. Deshalb sagt er: „Ich bin der Herr, Dein Gott, und Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ Und im Koran soll Ähnliches stehen, höre ich.

    Der Islam ist dafür bekannt, dass er in Teilen seiner Anhängerschaft besonders aggressive Töne gegen die sogenannten Ungläubigen pflegt. Aber das ist natürlich eine Radikalisierung durch die Menschen, die nicht sehen wollen, dass es sich bei ihren Mitmenschen entweder um Glaubensbrüder oder um Andersgläubige oder Nichtgläubige handelt. Alles drei ist erlaubt. Es gibt keine Ungläubigen, denen man den Schädel einschlagen darf. Religionsfreiheit heißt nämlich nicht, dass die Religionen alle Freiheiten haben, sondern dass der Staat frei vom Einfluss der Religionen ist. Religion ist Privatsache.

    Also haben wir im Abendland mindestens vier Möglichkeiten: Man kann Muslim sein, Jude oder Christ. Das ist auch sehr lange gut gegangen. Wussten Sie, dass Spanien mit einer großen jüdischen Gemeinde lange unter islamischer Herrschaft stand oder Griechenland türkisch war und die Römer erst sehr spät zum Christentum fanden? Und die vierte Möglichkeit? Man kann ganz auf eine Religion verzichten, ohne dadurch ein Mensch zweiter Klasse zu sein. Seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert ist das eine wachsende Einstellung: Die Bereitschaft, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, ohne die Anleitung durch andere. Das können auch religiöse Menschen, nur die Fanatiker auf allen Seiten haben es verlernt. Was wir für eine christliche Tugend halten, die Nächstenliebe, ist in Wahrheit ein Gebot aller drei Religionen. Und aller aufgeklärten Menschen.

    Weil man das nicht immer so ganz konsequent einhält mit der Caritas, hat das schlechte Gewissen einen Brauch geschaffen, der zu Silvester Raum greift: Die guten Vorsätze für das neue Jahr. Was wünscht sich das politische Berlin? Angela Merkel soll sich endlich vornehmen, ihrer Flüchtlingspolitik einen Plan zu geben statt nur eine Geste. Das Staatsversagen muss ein Ende haben. Ich wohne in Berlin-Moabit neben dem berüchtigten Lageso, wo jeden Morgen 900 Flüchtlinge einen Termin haben, obwohl tagsüber nur 500 Anträge bearbeitet werden können. Die anderen 400 kommen halt am nächsten Tag noch mal. Neues Spiel, neues Unglück. Das ist Staatsversagen.

    Schön wäre es, wenn zu den großen Plänen auch viele kleine kämen. Ruhig ziemlich kleine, die dafür aber umgesetzt werden können. Ich habe mich entschlossen, in Berlin eine Notfallpraxis zu unterstützen, in der Menschen medizinische Hilfe erhalten, die keine Versicherung haben. Mit einer Summe, die man spielend verkraften kann, unterstütze ich ehrenamtliche Ärzte, die helfen, ohne zu fragen, ob der Mensch Papiere hat oder eine Gesundheitskarte der AOK. Ja, das sind auch Obdachlose und Illegale, jedenfalls Menschen, die Hilfe benötigen. Zum Staatsversagen muss nicht auch noch Bürgerversagen kommen.

    Warum ich das erzähle? Weil ich finde, Sie könnten sich auch so was suchen. Nichts Großes, aber irgendetwas Verlässliches. Egal, welcher von den drei Göttern Ihnen das dankt.

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