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    Leser fühlen Herausforderin Julia Klöckner auf den Zahn

    Julia Klöckner erscheint lächelnd zur Diskussion mit Lesern unserer Zeitung wenige Tage vor der Landtagswahl. Erster Eindruck: Nichts ist mit Frauenquote – die CDU-Spitzenkandidatin trifft auf sechs Männer. Eine Situation, die sie mit Charme beherrscht. Zweiter Eindruck: Hey, die kann ja auch zuhören – ganz anders als beim TV-Duell mit Amtsinhaber Kurt Beck. Beste Voraussetzungen also, dass Fragen und Argumente der Bürger ankommen, ernst genommen werden. Immerhin vertreten die Sechs mehr als 600 000 Leser unserer Zeitung.

    Julia Klöckner erscheint lächelnd zur Diskussion mit Lesern unserer Zeitung wenige Tage vor der Landtagswahl. Erster Eindruck: Nichts ist mit Frauenquote – die CDU-Spitzenkandidatin trifft auf sechs Männer. Eine Situation, die sie mit Charme beherrscht. Zweiter Eindruck: Hey, die kann ja auch zuhören – ganz anders als beim TV-Duell mit Amtsinhaber Kurt Beck. Beste Voraussetzungen also, dass Fragen und Argumente der Bürger ankommen, ernst genommen werden. Immerhin vertreten die Sechs mehr als 600.000 Leser unserer Zeitung.

    Ganztagsschule, aber richtig

    Zum Auftakt drängt es Malermeister Achim Pfeiffer (45) aus Puderbach nach vorn. Er hat kürzlich erfahren, dass der Kindergartenbesuch zwar frei ist, manch eine Familie sich aber die Buntstifte fürs Kind nicht leisten kann. Ist Bildungsfreiheit in Rheinland-Pfalz also Augenwischerei? „Wenn wir nicht schon im Kindergarten für gleiche Chancen sorgen, dann werden wir hinten raus viel Geld in die Hand nehmen müssen“, entgegnet Julia Klöckner. Hinten raus, das meint soziale Konflikte. Es gehe nicht darum, alle Kinder gleich zu machen, sondern um Sprachförderung und Förderung individueller Möglichkeiten. „Ich liebäugele ja damit, dass das letzte Kindergartenjahr verpflichtend wird“ – damit die Lehrer von den Problemen nicht erschlagen werden.

    Bei der freiwilligen Ganztagsschule gehen aber oft genau die am Nachmittag nicht hin, die es gerade nötig haben. Helmut Kirchwehm (59), selbst Lehrer, erzählt aus der Praxis. Ein Thema, bei dem Klöckner die leicht überschminkte Müdigkeit der Wahlkämpferin abfällt: Wo Ganztagsschule drauf steht, muss auch Ganztagsschule drin sein, lautet ihr Credo. Die dürfe keine Verwahranstalt sein. Der Bedarf werde noch steigen, und dort, wo Bedarf ist, werde die CDU das Angebot an „richtigen“ Ganztagsschulen ausweiten.

    Als Vater von zwei Kindern fragt sich der Koblenzer Rechtsanwalt Dirk Wachendorf (47): „Geht das überhaupt mit dem Einheitsabitur?“ Sie wundere sich schon sehr, dass Rheinland-Pfalz sich weigere, bundeseinheitliche Standards einzuführen, nimmt Julia Klöckner den Faden auf. Den Grund dafür sieht sie darin, dass das Abitur im Land selbst nicht verlässlich sei. Inhalte beim Schulabschluss differierten schon zwischen Prüm, Bingen und Koblenz. Es gehe um einheitliche Rahmenbedingungen, rheinland-pfälzische Schüler sollen gleiche Voraussetzungen und Qualitäten wie die aus anderen Bundesländern haben. Blacky Schwarz (56) aus Pracht, Moderator, Hausmann und Vater von vier Kindern, assistiert: „Ich denke, in Baden-Württemberg arbeiten die Schulen gescheiter.“ Klöckner nickt und setzt noch einen drauf: „Was angehende Lehrlinge können, kommt einer Lotterie gleich.“ Dies erfahre sie immer wieder in Gesprächen mit Handwerkern.

    „Zeitenwende“ in Sachen Atom

    „Wir haben in Rheinland-Pfalz das sicherste Akw“, flachst Helmut Kirchwehm und meint das stillgelegte Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich. Nein, entgegnet Klöckner energiegeladen wie ein Blockkraftwerk, „wir sind umgeben von Pannenreaktoren wie etwa Cattenom“. Nach den Geschehnissen in den Reaktoren des japanischen Kraftwerks Fukushima spricht sie von einer „Zeitenwende“, die Ängste der Bürger müssten ernst genommen werden.

    So ganz nimmt die Männerrunde ihr und der CDU den Wandel vom Saulus zum Paulus offenbar aber nicht ab: Was ist mit der Endlagerung und den Kosten dafür, will Dirk Wachendorf wissen: Die konkrete Antwort bleibt Klöckner schuldig. Wenn die Atomkraftwerke nun schnell abgeschaltet werden, erklärt Ruheständler Erich Kuhn (78) aus Koblenz, werde alles chaotischer und teurer, und das Gift bliebe uns trotzdem erhalten. Blacky Schwarz kritisiert das Ausstiegsszenario der Bundesregierung als „Wahltaktik“. Es sind Fragen und Vorwürfe, die Klöckner in diesen Tagen vermutlich öfter zu hören kriegt. Reaktion: Noch einmal das Wort von der „Zeitenwende“, das Moratorium der Kanzlerin sei „klug und richtig“. Und: Nun brauche man auch europäisch abgestimmt eine geeignete Vorgehensweise.

    Achim Pfeiffer spricht aus, was viele im Land denken: „Haben wir genug Strom ohne Kernkraftwerke? Wenn nicht, geht dann unser Wohlstand zurück?“ Klöckner beruhigt: Keine Partei hat gesagt, dass wirklich morgen schon alle Akw abgeschaltet werden; es muss einen Übergang geben. Und Dieter Hoffmann (66), IT-Techniker in Rente, bringt es auf den Punkt: „Wer zahlt am Ende – der Verbraucher.“ Da tritt auch Julia in die Eisen, sagt nachdenklich: Es gehört Transparenz dazu, den Menschen zu sagen, dass sie Einschränkungen in Kauf nehmen müssen. Und Ehrlichkeit: Ja, die Energie werde teurer. Und die Herausforderung werde nun sein, die Akzeptanz zum Beispiel von Windparks sowie Trassen, die den Strom etwa von Nord nach Süd transportieren, zu verbessern. Nach dem St.-Florians-Prinzip läuft jetzt nichts mehr.

    Schulden müssen weg

    Gut präpariert ist Dirk Wachendorf in die Diskussion gegangen: Er rechnet die Milliardenverschuldung des Landes vor, weiß um die Pensionslasten und fragt ohne Hemmungen: „Warum wollen Sie sich das überhaupt antun?“ Da wird selbst die moderne Konservative leicht pathetisch: die Heimat, die CDU und die Zukunft führt sie ins Feld. Etwas mehr Bodenhaftung hatte sie kurz zuvor gezeigt: „Ich bin nicht nur dabei, wenn die Schnittchen verteilt werden, sondern auch beim Brote schmieren.“ Der Frontalangriff folgt auf den Fuß: „Diese Regierung kann Geld ausgeben, aber nicht sparen.“ Sollte sie Ministerpräsidentin werden, dann wird sie eine Haushaltsstrukturkommission einsetzen, alle Mittelbehörden, Ministerien und Ressorts werden auf Einsparmöglichkeiten untersucht. Weg mit Doppelförderungen und Spielwiesen, bessere finanzielle Ausstattung der Kommunen, die dann selbst entscheiden sollen, für was sie das Geld ausgeben.

    Größenwahn am Ring

    „Ich habe das erste Mal eine Vollkaskoversicherung fürs Auto abgeschlossen“, entgegnet Blacky Schwarz auf die Frage nach dem verunglückten Engagement des Landes auf dem Nürburgring. Klöckner fängt den Ball auf: „Ja, mit den 400 Millionen für den Ring hätten wir schon unsere Straßen ausgebessert. Der Landesregierung bescheinigt sie „Größenwahn“ und „Dilettantismus“. Als Regierungschefin will sie alle Verträge überprüfen, den Mythos Ring wiederbeleben.

    Diese angriffslustige Julia Klöckner hat den Herren am Tisch gefallen. „Sympathisch“, „in der Sache klar“, „überzeugend“ – die CDU-Spitzenfrau erntet Lob auch von denen, die offenbar nicht ihre Parteigänger sind. Der frische Klöckner-Stil hat nichts mehr von der Piefigkeit und Bräsigkeit vergangener Unionsstrategen. „Sie können so sprechen, dass man Ihnen zuhören mag. Was Sie sagen, nehme ich Ihnen ab“, erklärt einer der Leser. Und ein anderer empfiehlt: „Man muss ehrlich sein; auch in der CDU kann mal was schief laufen.“

    Von unserem Redakteur Michael Stoll

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