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  • Kernschmelze des Vertrauens: Tschernobyl beendete blinden Glauben an technischen Fortschritt

    Das Unglück von Tschernobyl leitete eine Zeitenwende ein. Der Glaube an eine sichere und kontrollierbare Energieerzeugung wurde nach dem 26. April 1986 erschüttert. Unser Autor Andreas Pecht zeigt in einem Essay den Paradigmenwechsel auf, der schließlich zu dem Atomausstieg geführt hat.

    Die Zerstörung in Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl: Das Unglück führte zu einem Bewusstseinswandel in der Gesellschaft.  Foto: dpa
    Die Zerstörung in Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl: Das Unglück führte zu einem Bewusstseinswandel in der Gesellschaft.
    Foto: dpa

    Eine der bemerkenswertesten Eigentümlichkeiten während der Tage nach dem 26. April vor 30 Jahren war nicht die Angst. Sie ist als kreatürliche Reaktion auf eine reale oder als real empfundene Bedrohung seit Menschengedenken etwas Normales. Bedeutsamer war das Ausmaß grundstürzender Verunsicherung, die sich infolge des atomaren Reaktor-GAUs von Tschernobyl im Hintergrund bild- und wortreicher Katastrophenberichterstattung durch die deutsche Gesellschaft fraß. Verunsicherung nicht nur resultierend aus der bald als Hilfslosigkeit durchschauten amtlichen Desinformations- und Abwiegelungspolitik beiderseits des Eisernen Vorhangs, sondern herrührend vom Zusammenbruch seit Generationen gepflegter Gewissheiten.

    Blankes Entsetzen herrschte bei jenem Bevölkerungsteil, der damals schon eine kräftige Minderheit ausmachte und Atomkraftwerke kategorisch ablehnte. Denn es war nun tatsächlich eingetreten, wovor diese Leute immer gewarnt und was sie als Menetekel an den Horizont des Atomzeitalters gemalt hatten. Recht zu behalten, ist manchmal arg, wenn man dem Eintreten der eigenen Vorhersage dann Auge in Auge gegenüberstehen muss. Noch größer aber waren die Wirkungen der Kernschmelze von Tschernobyl wohl für jene Mehrheit der Menschen im Land, die bis dahin entweder Atomstrom für eine vertretbare, weil notwendige Technikentwicklung gehalten hatten, oder denen die Art der Energieversorgung einfach egal war, solange nur Strom aus der Steckdose kommt.

    Von wegen sichere Kernkraftwerke

    Schließlich gab es noch einen Meinungsstrang, der allerdings infolge der Ereignisse des 26. April 1986 hierzulande bald an galoppierender Schwindsucht litt: die seinerzeit offizielle Position der bundesdeutschen Regierung und der Atomwirtschaft "Unsere Kernkraftwerke sind sicher" sowie die Überzeugung jener Zeitgenossen, die die "friedliche Nutzung der Atomenergie" für das Nonplusultra technischen Fortschritts hielten. Das Weitere ist bekannt: Die Zustimmungswerte zur Atomenergie verfielen, bis es im Laufe der 1990er hieß: "Die Kernkraft ist in Deutschland politisch nicht durchsetzbar." Es folgte der rot-grüne Atomausstieg, der schwarz-gelbe Ausstieg aus dem Ausstieg - dann die Katastrophe von Fukushima und Angela Merkels Ausstieg aus dem Ausstieg vom Ausstieg, also der Wiedereinstieg in die Energiewende.

    Die politische Zwangsläufigkeit dieses letzten Kurswechsels ist untrennbar verknüpft mit den Ereignissen vor 30 Jahren und dem davon ausgegangenen Bewusstseinswandel in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft. Die Kanzlerin hatte dann bei den ersten Nachrichten von der Fukushima-Katastrophe im März 2011 wohl sofort begriffen: Allein schon die medialen Bilder würden in den Köpfen der Bevölkerungsmehrheit - die ohnehin dem Energiekurs ihrer seinerzeit schwarz-gelben Regierung skeptisch bis ablehnend gegenüberstand - eine Brücke zwischen Tschernobyl und Fukushima schlagen. Und der weithin sowieso misstrauisch beäugte Spruch von der Sicherheit "unserer Kraftwerke" im Unterschied zum "sowjetischen Chaos-Meiler" in Tschernobyl würde gar nicht mehr verfangen.

    Denn nun waren es gleich mehrere moderne Kraftwerksblöcke in einer der führenden westlichen Industrienationen, die wider alle Sicherheitsstandards zum atomaren Katastrophenfall geworden sind. Damit reaktivierte und bestätigte sich die Annahme von 1986: Der Tschernobyl-GAU war zwar eine Ausnahme, die aber bewiesen hatte, dass das Eintreten des "Restrisiko"-Falls unter realen Betriebsbedingungen de facto niemals völlig ausgeschlossen werden kann.

    Fukushima bestätigte diesen Befund. Und beide Fälle belegen: Die Auswirkungen eines großen Atomkraftwerk-Unfalls machen das angeblich vernachlässigbare "Restrisiko" zur realen Katastrophengefahr einer Größenordnung, die niemand verantworten kann und die in keinem Verhältnis zu welchem ökonomischen Nutzen auch immer steht.

    Es kann fast nie passieren, aber wenn es passiert, ist es der größte Unfall, den die Menschheit in Friedenszeiten überhaupt kennt - nun war es 1986 passiert, und es würde irgendwann irgendwo wieder passieren. Dies war die ganz schlichte, aber fundamentale und bald weit verbreitete Erkenntnis aus der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Und die Frage aufseiten der verbleibenden AKW-Befürworter war nicht, wie sie widerlegt werden könne, sondern wann sie vergessen oder durch Gewöhnung verdrängt sein würde. Doch das Irgendwann kam früher als gedacht, schon 25 Jahre später atomisierte Fukushima dieses Kalkül buchstäblich.

    Ein Paradigmenwechsel?

    Was aber war damals an Tschernobyl so besonders, dass es das Denken der Zeitgenossen derart tief greifend erschüttern konnte? Mancher Gelehrte sprach gar von der Kernschmelze des Industriezeitalters oder vom Paradigmenwechsel der Moderne.

    Da kommen mehrere Faktoren zusammen, die gemeinsam die größenwahnsinnige Annahme unterminierten, der Mensch könne alles erreichen und alles beherrschen. Eine der simpelsten und zugleich am meisten verunsichernden Erkenntnisse 1986 war: Die neueste, ursprünglich mit den größten Hoffnungen auf saubere, sichere, unerschöpfliche Energie verbundene Technologie birgt zugleich das Potenzial, sich auf verheerende Weise gegen ihre Schöpfer zu wenden. Plötzlich sah man Goethes Zauberlehrling durch die Schaltkreise, Kühlsysteme, Sicherheitsmechanismen rumoren und die Geister nicht mehr loswerden, die er gerufen hatte.

    Diese Geister mochten sich auch nicht in der fernen Abgeschiedenheit der ukrainischen Provinz austoben. Sie blieben nicht, wo sie waren, sondern fielen über die Menschen der Nachbarländer her, suchten die Rentierherden des Hohen Nordens heim und sogar die Wälder, Äcker, Gärten, Spielplätze Deutschlands. Hier ließen sie sich als nicht sichtbare, nicht riechbare, nicht schmeckbare, nicht greifbare, aber messbare Bedrohung auf lange Jahre nieder.

    Eine derartige und sich in allen Ritzen der Umwelt und des Lebens festsetzende Gefahr hatte bis dato noch nie jemand erlebt. Seither begleiten uns obendrein nicht nur die Bilder der anhaltend von Menschen verlassenen Tschernobyl-Region, von krebskranken Tschernobyl-Veteranen und verstrahlten Tschernobyl-Kindern noch in der zweiten und dritten Generation. Seither waren und sind wir immer wieder konfrontiert auch mit Nachrichten über erhöhte Strahlenwerte etwa in heimischen Böden, bei hiesigen Pilzen und Waldtieren.

    Nachhaltig erschüttert

    Der GAU eines Kernkraftwerks ist niemals nur eine örtlich und zeitlich begrenzte Katastrophe. Es liegt vielmehr im Wesen der Atomtechnologie, dass im Falle ihres Versagens ganze Länder und Kontinente auf sehr lange Zeit in Mitleidenschaft gezogen werden können. Auch dieses Faktum ist 1986 aus realem Erfahren erwachsenes Allgemeinwissen geworden, das sich als Albtraum tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Die notdürftige Sicherung des havarierten Tschernobyl-Meilers verschlingt bis heute und noch auf Jahrzehnte, wahrscheinlich Jahrhunderte, Abermilliarden Dollar.

    Der Herausforderung, die durchgeschmolzenen Fukushima-Blöcke wenigstens zur Ruhe zu bringen und die anhaltende Verseuchung der japanischen See zu stoppen, stehen Betreiber und Fachleute bis heute hilf- und ratlos gegenüber. Die Rückkehr zu den natürlichen Strahlenwerten vor den beiden GAUs wird kein heutiger Ukrainer oder Japaner mehr erleben, nicht einmal jene, die am 26. April 2016 zur Welt kamen.

    Nachhaltig erschüttert wurde vor 30 Jahren die Gewissheit, dass jedwede Weiterentwicklung friedlich genutzter Technik per se und automatisch ein zivilisatorischer Fortschritt sei. Skepsis hat Einzug in die Köpfe gehalten und das Bewusstsein, dass nicht alles Machbare beherrschbar und sinnvoll ist - mag es auch noch so profitabel sein.

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