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  • „Erwähne nicht den Krieg“: Nazi-Streit im englischen Dorf

    London. Als Deutscher in England - da kann es passieren, an den Krieg erinnert zu werden. In einem englischen Dorf ist das eskaliert - und ein 54-jähriger Lehrer fand sich vor Gericht wieder, weil er den deutschen Nachbarn jahrelang mit patriotischer Kriegspropaganda und Nazi-Andeutungen gequält hat.

    Die Briten lieben es, in der Weltkriegsgeschichte zu kramen. Ein Brite, der seinen deutschen Nachbarn aber damit ständig traktierte, muss seine Andeutungen und Beschallungsanlage einpacken. Das Foto ist bei der Militärshow“War and Peace” in Kent entstanden. Hunderte Briten verkleiden sich dafür jeden Sommer in Naziuniformen.
    Die Briten lieben es, in der Weltkriegsgeschichte zu kramen. Ein Brite, der seinen deutschen Nachbarn aber damit ständig traktierte, muss seine Andeutungen und Beschallungsanlage einpacken. Das Foto ist bei der Militärshow“War and Peace” in Kent entstanden. Hunderte Briten verkleiden sich dafür jeden Sommer in Naziuniformen.
    Foto: Alexei Makartsev

    London - Als Deutscher in England - da kann es passieren, an den Krieg erinnert zu werden. In einem englischen Dorf ist das eskaliert - und ein 54-jähriger Lehrer fand sich vor Gericht wieder, weil er den deutschen Nachbarn jahrelang mit patriotischer Kriegspropaganda und Nazi-Andeutungen gequält hat.

    Prinz Harry entschuldigte sich 2005 schnell für seine Kostümwahl, die für die "Sun" ein gefundenes Fressen war.
    Prinz Harry entschuldigte sich 2005 schnell für seine Kostümwahl, die für die "Sun" ein gefundenes Fressen war.

    Es wird eine Qual sein für den Briten Geoffrey Butler. In zehn Wochen wird das Fußballteam von Jürgen Löw bei seinem ersten EM-Spiel in der Ukraine auf Portugal treffen. Und Geoffrey Butler kann nicht einmal an den Gartenzaun treten und seinem deutschen Nachbarn Reinhard Wendt höhnisch zurufen: „Ronaldo wird euch fertigmachen, ihr lahmen ,Krauts‘“. Wer weiß, vielleicht würde der 54-jährige Mathelehrer aus Lower Upnor dann verhaftet und ins Gefängnis geworfen werden, weil er gegen die Auflage des Richters verstoßen hat: „Kein Kommentar über die deutsche Rasse“. Es wäre ein passendes Ende für einen bizarren Nachbarstreit mit gepfiffenen Beleidigungen, alten Kriegsmärschen von Band und einem angedeuteten Schnurrbart, der in dieser Woche die Londoner Medien beschäftigt hat.

    Man mag das nicht glauben, aber für viele Briten ist der Zweite Weltkrieg noch nicht zu Ende. Die Rede ist nicht von Prinz Harry, der 2005 als Nazi-General Rommel die Gäste einer Londoner Kostümparty belustigt hat. Harry hat aus dem Skandal gelernt. Dagegen posieren weiter Hunderte seiner Landsleute in den Kampfanzügen der SS für die Fotografen auf der englischen Militärshow „War and Peace“, die jeden Sommer in Kent stattfindet. Vor acht Jahren staunte der damalige Außenminister Joschka Fischer bei einem London-Besuch über die englischen Fernsehkanäle, die ihre Zuschauer den „traditionellen preußischen Stechschritt“ lehrten. „In meinem Land kennt ihn keiner mehr“, sagte Fischer. Seitdem hat sich nicht viel verändert. „Wir schaffen es nicht, die Nazis aus unserem Denken zu verbannen“, bedauerte vor einigen Monaten der „Guardian“. Als Beweis führte die Zeitung diese interessante Statistik an: 80 Prozent der 850 weltweit veröffentlichten Bücher über Hitler in 2010 seien in Großbritannien erschienen.  

    Natürlich wird der Mathelehrer Geoffrey Butler dieses Zitat kennen: „Don’t mention the war“ (Erwähne nicht den Krieg). 1975 sorgte der britische Komiker John Cleese als Basil Fawlty damit für Furore, als er in der TV-Serie „Fawlty Towers“ die entsprechende Warnung seiner Frau ignorierte und seine deutschen Hausgäste mit Hitlerparodien zur Verzweiflung trieb. Fawlty wollte nur freundlich sein. Das kann man wohl nicht von Butler behaupten, der seine ausländischen Nachbarn jahrelang mit patriotischer Kriegspropaganda und Nazi-Scherzen gequält hat.

    Als Reinhard und Kathryn Wendt 2007 aus Deutschland in das südenglische Lower Upnor zogen, wollten sie nach eigenen Worten nur ein „friedliches Leben“ führen. Vergebens: Nach einem Streit mit Butler um den annullierten Kauf eines 1,8 Meter langen Rasenstreifen in dessen Garten brachen im verschlafenen Dorf offene Kriegshandlungen auf. Ein Gericht sah es als erwiesen an, dass der arbeitslose Pädagoge zu „schweren rassistischen Belästigungen“ gegriffen habe, um das Ehepaar zu ärgern, das er „fette Forelle“ und „Bastard“ genannt hat. Geoffrey Butler beschallte die Wendts mit der Militär-Hymne „Rule, Britannia!“, dem 42er Kriegsklassiker „White Cliffs of Dover“ und dem gepfiffenen Leitmotiv aus einem Film über das britische Bombardement der deutschen Staudämme. Es kam noch schlimmer. In den Berichten aus dem Gerichtssaal ist zu lesen, dass der aufwieglerische Lehrer seine Nachbarn durch das offene Fenster im Bett fotografiert, laute „Schein-Telefonate über Nazis“ vor seinem Haus geführt und Churchills Kriegsreden abgespielt hat.

    „Wir hatten keine Ruhe. Es war die Hölle, wie die ,Waterboarding‘-Folter“, klagte vor dem Richter Reinhard Wendt. Als er eines Tages Butler mit einem Hitlergruß und einem angedeuteten Führerbärtchen sah, zeigte er den Nachbarn an. Im kurzen Verfahren verneinte der Brite seine Schuld, er wurde jedoch in dieser Woche zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Bislang wird im Dorf Lower Upnor die Regel „Don’t mention the war“ buchstäblich befolgt. Doch das Ehepaar Wendt traut nach eigenen Worten dem Frieden nicht und bereitet einen baldigen Umzug vor.

    Von unserem Londoner Korrespondenten Alexei Makartsev

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