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  • Analyse: «Deutsche müssen gegen Taliban vorgehen»

    Neu Delhi (dpa). Die Lage in Kundus vor dem Luftangriff vom 4. September: Zwei bis drei Angriffe und Anschläge pro Woche verzeichnet die Bundeswehr.

    Der Provinzgouverneur, der gerade seinen Bruder bei einem Taliban-Angriff verloren hat, fordert vehement ein härteres Durchgreifen der Deutschen - die bei verbündeten Truppenstellern als «die Weichen» gelten.

    Afghanen spotten, die Bundeswehr schieße mit ihren Tornado-Aufklärungsjets Fotos, statt endlich Bomben auf die immer stärkeren Taliban zu werfen. Oberst Georg Klein sagt Mitte August: «Die Soldaten müssen in dem Moment auf Angriffe eingestellt sein, wo sie das Tor des Lagers hinter sich lassen.»

    Drei Wochen später gibt Klein den Befehl, zwei von den Taliban gekaperte Tanklastzüge zu bombardieren. Bis heute bestimmt das Thema in immer neuen Facetten die Schlagzeilen in Deutschland - während es in Afghanistan längst keines mehr ist. Afghanen in Kundus reagieren überrascht, wenn sie mehr als drei Monate später noch darauf angesprochen werden. Zwar gibt es kritische Stimmen wie die des Landbesitzers Mohammad Hasrat, der das Bombardement wegen der vielen zivilen Opfer «nicht gerechtfertigt» nennt. Doch auch er sagt, die Deutschen «müssen ernsthaft gegen die Taliban vorgehen».

    Andere Afghanen befürworten das Bombardement - etwa die Lehrerin Sediqqa aus Kundus, die den Angriff als «gute Aktion» bezeichnet. Zwar meint sie ebenso wie Hasrat, für die zivilen Opfer sollte Deutschland sich entschuldigen. Sie sagt aber auch: «Obwohl viele Zivilisten getötet wurden, es wurden auch viele Taliban getötet.» In Kundus-Stadt und den umliegenden Distrikten habe sich die Sicherheitslage nach dem Luftangriff verbessert. «In der Vergangenheit haben die Taliban mehrfach Drohbriefe an unserer Schule hinterlassen, und wir blieben aus Angst der Schule fern. Seit dem Angriff auf die Tanker können wir wieder zur Schule gehen, und die Taliban sind nicht mehr so präsent.»

    Die Bundeswehr verzeichnet nach dem Bombardement einen Rückgang der Angriffe und Anschläge auf durchschnittlich einen pro Woche. Mohammadullah Baktasch von der afghanischen Untersuchungskommission, die Präsident Hamid Karsai eingesetzt hat, nennt den Angriff Mitte September einen «schweren Schlag» für die Aufständischen in der Region. Seine Kommission kommt zum Ergebnis, dass 30 Zivilisten und 69 Aufständische getötet wurden. Nimmt man diese Untersuchung zum Maßstab, hat es in der Vergangenheit Angriffe anderer Truppensteller mit weitaus mehr zivilen Opfern in Afghanistan gegeben.

    So starben genau vier Monate vor dem Bombardement von Kundus bei einem US-Luftangriff in der westafghanischen Provinz Farah nach Erkenntnissen einer afghanischen Untersuchungskommission 140 Zivilisten. Weder dieser Angriff noch andere Vorfälle mit zivilen Opfern lösten in den jeweiligen Truppenstellernationen ein solches politisches Erdbeben aus wie nun in Deutschland.

    Manche Aspekte der Diskussion in Berlin müssen den vom Vormarsch der Aufständischen bedrohten Afghanen, aber auch den Soldaten im umkämpften Süden des Landes, absurd erscheinen - etwa die Frage, ob mit dem Bombardement gezielt Taliban getötet werden sollten. Im Krieg, meint ein afghanischer Journalist, könne Töten leider nicht vermieden werden. In einer vergleichbaren Lage, sagt auch Kommissionsmitglied Baktasch zum Bombardement in Kundus, hätten «nicht nur die deutschen Truppen, sondern alle Regierungs- und internationalen Truppen so gehandelt».

    Ein deutscher Offizier sagt nach dem Angriff, Bodentruppen seien jedenfalls kaum eine Alternative gewesen. Die Taliban wären durch ihr «professionelles Spotter-Netzwerk» vor den anrückenden Soldaten gewarnt worden. Im anschließenden Gefecht in der Dunkelheit wären im Kreuzfeuer wahrscheinlich mehr Zivilisten getötet worden als bei dem Luftangriff. Vor dem Bombardement sollen die Taliban laut Bundeswehr zudem versucht haben, Benzin aus den Tankern abzufüllen und auf Pickups zu laden. Hätte man das abgewartet, hätten diese rollenden Kleinlaster-Bomben nicht auf einer Flussinsel, sondern auf einer Straße oder im nächsten Dorf bekämpft werden müssen - mit unabsehbaren Folgen.

    Möglicherweise hätte ein Angriff mit Bodentruppen auf die immer professioneller kämpfenden Taliban an jenem schicksalsträchtigen 4. September auch Opfer unter den deutschen Soldaten gefordert. Nicht auszuschließen ist, dass das in der Bundesrepublik eine Debatte darüber ausgelöst hätte, warum Oberst Klein die Truppen auf eine potenziell tödliche Mission schickte - statt einen Luftangriff auf die gekaperten Tanker anzufordern.

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