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  • Interview: Wer bekommt die Chance zum Leben?

    Berlin/Trier. Im Bundestag will die Trierer Grünen-Abgeordnete Corinna Rüffer als behindertenpolitische Sprecherin für das gemeinsame Lernen und Arbeiten von Behinderten und Nichtbehinderten werben. Ihre kleine Tochter hat das Down-Syndrom und geht in einen „normalen“ Kindergarten. Rüffer sagt, man müsse manches einfach wagen, damit sich im Zusammenleben von Behinderten und Nichtbehinderten etwas bewegt.

    Corinna Rüffer
    Corinna Rüffer

    Muss man behindert sein, um ein guter Behindertenbeauftragter zu sein?

    Es ist ein längst überfälliges Signal, dass jetzt mit Verena Bentele erstmals jemand mit Behinderung diese wichtige Funktion übernimmt. Es ist ein Problem in unserer Gesellschaft, dass vor allem Nichtbehinderte die Entscheidungen für Behinderte treffen. Jemand wie Frau Bentele hat natürlich im Leben Diskriminierung erfahren. Sie hat erlebt, was es bedeutet, sich trotz einer Behinderung durchsetzen zu müssen. Das macht es für sie sehr viel leichter, die Belange von Behinderten zu vertreten.

    Ihre kleine Tochter hat das Down-Syndrom. Wie beeinflusst das Ihre politische Arbeit?

    Ich glaube, das gibt mir sehr viel Antrieb und Motivation. Ich weiß aus eigener Erfahrung, mit welchen Problemen man es dann als Eltern zu tun hat. Man erkennt viel besser, wie Behinderte wahrgenommen werden.

    Wie werden Behinderte denn wahrgenommen?

    Mehr als 90 Prozent der in der Schwangerschaft diagnostizierten Kinder mit Down-Syndrom werden abgetrieben. Sie bekommen überhaupt nicht die Chance, ins Leben zu treten. Wir reden neuerdings sehr viel über Inklusion, wir reden aber nicht darüber, wer inkludiert werden soll und wer überhaupt die Chance zum Leben bekommt.

    Können Sie nachvollziehen, dass sich Eltern gegen ein Kind mit Down-Syndrom entscheiden?

    Eine Antwort auf diese Frage ist sehr schwer. Frauen sollten in jedem Fall die Möglichkeit haben zu entscheiden, ob sie ein Kind austragen oder nicht. Woran es aber fehlt, ist Information. Wer schwanger ist und nach den entsprechenden Untersuchungen erfährt, dass ein Kind vermutlich mit einer Beeinträchtigung geboren wird, braucht Beratung.

    Dann hilft auch der Kontakt zu anderen Eltern, die die Erfahrung mit einem behinderten Kind über Jahre praktiziert haben. Viele haben Angst, sie könnten kein normales Leben mehr führen.

    Behinderte und Nichtbehinderte begegnen sich in Deutschland kaum in der Schule oder am Arbeitsplatz.
    Behinderte und Nichtbehinderte begegnen sich in Deutschland kaum in der Schule oder am Arbeitsplatz.

    Ist das denn nicht so?

    Wenn Inklusion selbstverständlich wäre, würden viele sicher anders denken. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Zahl der Abtreibungen nach einer Diagnose nicht bei 90 Prozent, sondern sehr weit darunter liegen würde, wenn wir behinderten Menschen schon im vorschulischen Bereich, in Schule und Ausbildung begegnen würden. Denn dann hätten wir einen realistischen Blick auf das Thema.

    Wie gut funktioniert Inklusion?

    Deutschland ist hier leider noch nicht sehr weit. Als wir für unsere Tochter einen Kitaplatz gesucht haben, gab es auch vonseiten der Erzieher große Vorbehalte. Jetzt ist sie in einem „ganz normalen“ Kindergarten, und es klappt prima. Man muss es oft einfach machen. Wenn man vorher immer erst über alle Eventualitäten und Kosten diskutiert, sind wir in zehn Jahren noch keinen Schritt weiter.

    Einerseits will die Politik Inklusion, andererseits wird Behinderung immer weniger akzeptiert. Oder haben Sie andere Erfahrungen gemacht?

    Auf der politischen Ebene ist durch die UN-Behindertenrechtskonvention Konsens, dass Inklusion das Ziel ist. Auf der anderen Seite haben wir in der Gesellschaft die Tendenz, dass wir uns nach Perfektion sehnen, nach geschlossenen Biografien, nach Leistungsfähigkeit und Schönheit. Da passt manches nicht rein. Behinderungen auch nicht.

    Ich glaube, das liegt daran, dass wir in Deutschland viel mehr Sonderwelten haben als in anderen Ländern. Wir neigen dazu, das, was nicht in den Mainstream passt, auszusondern in Sonder- und Förderschulen. Gelebte institutionelle Inklusion würde dazu führen, dass sich das ändert.

    Was würde sich mit Inklusion ändern?

    Es täte uns gut zu lernen, mehr Rücksicht zu nehmen und aufeinander zu achten. Menschen sind zum Beispiel unterschiedlich schnell, und es liegen Vorteile sowohl in der Schnelligkeit als auch in der Langsamkeit. Wenn wir darauf achten, dass alle auf ihre Weise Schritt halten können, wäre das aus meiner Sicht ein Gewinn für uns alle.

    Ärzte können immer mehr über noch ungeborenes Leben sagen. Wie wollen Sie als Politikerin in solchen Fragen entscheiden?

    Das sind sehr schwere Entscheidungen. Vor einer Weile kam ein Test auf den Markt, mit dem durch eine Blutuntersuchung bei der schwangeren Frau festgestellt werden konnte, ob der Fötus eventuell das Down-Syndrom hat. Mit diesem Test sinkt die Schwelle, solche Untersuchungen durchzuführen, da die Untersuchung für den Fötus ungefährlicher wird. Es ändert sich aber nichts am grundlegenden Problem: Ein solcher Test zielt ja darauf zu verhindern, dass Menschen mit Down-Syndrom geboren werden. Natürlich wird Selektion weiter befördert.

    Inwiefern?

    Man entscheidet zwischen wertig und unwertig. Ich höre immer wieder, dass sogar viele Ärzte Frauen in dieser Situation subtil dazu drängen, über eine Abtreibung nachzudenken. Es wird nicht zum Leben hin beraten, sondern dahin, sich zu überlegen, ob man mit dieser vermeintlichen Belastung umgehen kann. Wir geraten da in ein gefährliches Fahrwasser, und dagegen hilft nur, das Thema zu enttabuisieren. Wenn wir über Diagnostik reden, müssen wir auch die Frage stellen: Wie gehen wir mit einer Diagnose um?

    War für Sie immer klar, dass Sie Ihr Kind behalten?

    Ich habe die Untersuchungen nicht gemacht. Für uns war die Trisomie unserer Tochter eine Überraschung, aber auch tatsächlich kein Problem. Ich selbst war schon im Kindergarten mit Kindern zusammen, die Trisomie hatten. Ich verstehe nicht, dass die Broschüren für Eltern mit Trisomie-Kindern immer anfangen mit der Warnung: Jetzt fängt eine Phase der Trauer an.

    Das erschreckt mich, denn es verstärkt den Eindruck, dass dieses Gefühl eine natürliche Reaktion auf die Geburt eines Kindes mit Down-Syndrom ist. Es ist aber nur ein mögliches Gefühl und zudem stark davon beeinflusst, dass viele nicht behinderte Menschen noch immer glauben, das Leben mit einer Behinderung wäre in erster Linie leidvoll. Warum fängt eine solche Broschüre nicht damit an, dass man sich freuen darf, weil man ein Kind bekommen hat?

    Wenn wir Inklusion wirklich erreichen wollen, dürfen gerade solche Sätze nicht mehr fallen.

    Das Gespräch führte Rena Lehmann

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