40.000
  • Startseite
  • » Musik & Konzert
  • » Wunderbares Wiederhören mit Shao-Chia Lü
  • Anrechtskonzert Dirigent gastiert mit impulsivem, strahlendem Auftritt beim Musik-Institut Koblenz

    Wunderbares Wiederhören mit Shao-Chia Lü

    Koblenz. Ein besonderer Abend zur Halbzeit einer besonderen Saison. Mit den meisten der Gastdirigenten, die bei der Rheinischen Philharmonie das jetzige Wartejahr bis zum Dienstantritt des neuen Chefdirigenten Garry Walker überbrücken, sind Orchester und hiesiges Publikum kaum vertraut. Doch eine Ausnahme bildete nun das 5. Anrechtskonzert beim Musik-Institut Koblenz am Freitagabend in der Rhein-Mosel-Halle. Es brachte am Wochenende die Wiederbegegnung mit einem alten Bekannten am Dirigentenpult: Shao-Chia Lü, in Koblenz von 1998 bis 2004 allseits geschätzter und beliebter Generalmusikdirektor.

    Foto: Thomas Frey

    Seine Qualitäten kennt man, entsprechend groß waren die Erwartungen an ein Konzert mit hochromantischem, gefühlsintensivem Programm. Und sie wurden erfüllt.

    Lü wird vom Publikum in der Rhein-Mosel-Halle warmherzig begrüßt, als er für Sergej Rachmaninows sinfonische Dichtung „Die Toteninsel” ans Pult tritt. Nach wenigen Takten schon ist erkennbar, was schon damals an dem aus Taiwan stammenden Weltbürger gefiel: die Geschmeidigkeit seines Dirigats; die eindeutige, impulsstarke Taktstock-Führung mit der rechten Hand; das fast verspielte Flirren, mit dem die linke Farben und Atmosphären motiviert. Mehr noch: Lü strahlt noch immer jene ruhige Freundlichkeit aus, die freilich gepaart ist mit genauem Wissen und großer Entschiedenheit, wohin er mit dem Orchester will.

    Fein abgezirkelte Lautstärke

    Bei der von Arnold Böcklins gleichnamigem Gemälde inspirierten „Toteninsel” wird dieses Wollen zu einem Fest allemal wunderbar durchhörbarer Nuancen. Fein abgezirkelte Lautstärke-Balance zwischen den Stimmen formt mystische Momente aus. Da zirpen die Geigen fast, aber nur fast unhörbar hinter einer Bläsermelodie; da wächst aus dem Zirpen eine neue Kraft heran zu einem Augenblick des offenen, freien Durchatmens – das in diesem Themenumfeld bald verwehen muss. Aus den Wasserbewegungen im 5/8-Takt erhebt sich wieder und wieder das vielfach variierte „Dies irae”-Motiv. Lü lässt das Zornbild des Jüngsten Gerichts machtvoll aufscheinen, verwehrt ihm aber hemmungslose Entfesselung.

    So auch beim zweiten Stück des Abends, dem „Totentanz für Klavier und Orchester” von Franz Liszt. Shao-Chia Lü und der Pianist Alexander Schimpf sind sich erkennbar in einem völlig einig: Furor um des Furors willen kommt für sie nicht infrage. Das Werk gäbe orchestral, erst recht pianistisch Möglichkeit für bombastischen Effekt zuhauf. Aber es hat eben auch eine andere Seite: unglaublichen Reichtum an musikalischen Ideen und gefühlvollen Schönheiten. Die erlebbar zu machen, darum geht es Solist, Dirigent und Orchester vor allem.

    Ungezähmt und dennoch differenziert

    Nicht, dass Liszts „Totentanz” nun gezähmt daherkommen würde. Es wird angemessen wuchtig, ruppig, pathetisch aufgetrumpft, wo nötig. Aber das eigentliche Faszinosum ist denn doch die Würdigung der herrlichen Differenziertheit dieser Komposition sowie die Spielkunst des Alexander Schimpf. Welch eine Wohltat: Da tritt ein 36-Jähriger vors Publikum und spielt ohne Gehabe und Getue einfach großartig Klavier – wie selbstverständlich auf technisch höchstem Niveau, mit einer beseelten Tongebung von wunderbar warmer Klarheit.

    Zum Abschluss des Konzerts ein Publikumsliebling: Die Symphonie fantastique von Hector Berlioz. Lü setzt hier wie in den beiden vorangegangen Stücken wieder auf Nuancenarbeit. Zum Ende hin jedoch lässt er dann die Zügel planmäßig Zug um Zug lockerer. Es sollen der Giftalbtraum des vierten und der Hexensabbat des fünften Satzes mit überschäumender Vitalität das Konzert beschließen. Dass aber selbst in der Rauschhaftigkeit des Finales Berlioz' Komposition durchhörbar bleibt, darf exemplarisch dafür stehen, dass wir einen denkwürdigen Konzertabend erlebt haben. Andreas Pecht

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
    Claus Ambrosius 

    Leiter Kultur

    Claus Ambrosius

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Anke Mersmann

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Melanie Schröder

     

    Kontakt per Mail

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!