40.000
  • Startseite
  • » Musik & Konzert
  • » Steve Wynn: Weit weg vom Gaga-Glamour
  • Aus unserem Archiv

    Steve Wynn: Weit weg vom Gaga-Glamour

    Berlin (dpa) ­ Das Leben der allermeisten Musiker hat nicht das Geringste mit Lady Gaga zu tun. Wenig Glamour, viel Arbeit, das ist die Realität. Der US-Rocksänger und Gitarrist Steve Wynn könnte Vorbild sein für den Job des kreativen, honorigen Künstlers an der Basis.

    Steve Wynn
    Musik ist harte Arbeit: Steve Wynn. (Bild: Guy Kokken)

    Das «Chelsea» in Wien, das Kölner «Blue Shell» oder das «Knust» in Hamburg: Kleine Clubs, in denen Steve Wynn & The Miracle 3 auftreten, sind die typische Umgebung für Nischen- und Kultkünstler. Der 50-Jährige und seine drei Mitstreiter werden dort auch in diesem November (Tourneestart: 6.11.) vor einigen hundert Leuten zwei Stunden lang aus Gitarren, Bass und Schlagzeug alles herausholen. Sie werden am Verkaufsstand geduldig CDs, LP-Hüllen und T-Shirts beschriften, an der Bar mit ihren Fans ein Bier trinken und dann ein nicht allzu luxuriöses Hotel aufsuchen, um am nächsten Tag einigermaßen fit zum nächsten Club-Konzert weiterzureisen.

    «Die meisten Musiker, die ich kenne, arbeiten heutzutage ziemlich hart», sagt Steve Wynn im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. «Das ist ganz was anderes als in den 70ern: Da gab's die Musik, die Groupies, die Drogen, und dann schlief man einfach ein.» Er hingegen kümmert sich mit einem Indie-Label um Studiobuchungen, CD-Aufnahmen, Konzerte - «vor allem darum, dass die Leute meine Musik überhaupt zu hören kriegen». Deshalb betreut er nebenbei die eigene Webseite, schwärmt dort von Vorbildern wie Bob Dylan, Neil Young, Velvet Underground oder Miles Davis und führt ein Internet-Tagebuch, in dem er warmherzig aus seinem Leben «on the road» erzählt.

    Wynns Schilderung des wahren Rockmusiker-Lebens klingt überhaupt nicht resigniert oder larmoyant. Der Mann aus New York hat auch nach 30 Jahren als fleißig tourender Künstler noch sichtbar Spaß an seinem Job. Er veröffentlicht Jahr für Jahr mit verschiedenen Bands oder solo zumindest ordentliche, meist hervorragende Alben ­ weit über 20 seit 1980. Er hat im Lauf der Zeit mehr als 2000 Konzerte gegeben. Aufwärm-Gigs vor tausenden Menschen für Rock-Giganten wie R.E.M. oder U2 waren die Ausnahme. Meist ist das Publikum überschaubar, dafür liebt jeder einzelne Fan die Band aber auch heiß und innig.

    Neben Wynn bilden seine Ehefrau Linda Pitmon als Temperamentbündel am Schlagzeug, der stoische Dave DeCastro am Bass und der virtuose Gitarrist Jason Victor The Miracle 3. Die drei jüngeren Musiker geben Wynn seit nunmehr zehn Jahren den Kick, um auch im fortgeschrittenen Rocker-Alter noch mit viel Euphorie auf kleinen Bühnen herumzutoben. «Fünfzig ­ das ist nur eine Zahl», sagt der tatsächlich noch sehr jungenhaft wirkende Mann. «Die Energie geht doch nicht verloren, nur weil man schon lange im Geschäft ist.» Die Explosivität seiner Band, ihre Furchtlosigkeit, Unerwartetes zu wagen, seine ungebrochene Kreativität beim Songschreiben: All dies lässt Wynn den anstrengenden Job, der keine Millionen abwirft, immer noch gern tun.

    2010 verspricht nun sogar eines der besseren Jahre für Steve Wynn zu werden. Seine aktuellen Veröffentlichungen führen Vergangenheit und Gegenwart zusammen. Im Sommer wurde das wohl beste Werk seiner ersten Band The Dream Syndicate unter großem Kritikerjubel wiederveröffentlicht: Das noch punkrock-beeinflusste «Medicine Show» von 1984 (Re-Issue: Water/Cargo) klingt auch heute noch bemerkenswert frisch. Seit Monaten veröffentlicht Wynn regelmäßig Download-Songs seiner zweiten aktuellen Band The Baseball Project, in der er zusammen mit Peter Buck (R.E.M.) seinen Sporthelden huldigt.

    Vor allem aber erschien Ende Oktober das vierte Album von Steve Wynn & The Miracle 3. Er selbst hält es (wohl mit Recht) für eines seiner stärksten ­ und welcher Rockmusiker kann das nach 30 Jahren noch ernsthaft behaupten? Das im US-Südstaat Virginia aufgenommene «Northern Aggression» präsentiert Sänger und Band auf der Höhe ihrer Kunst. Die elf Gitarrenrock-Songs glühen nur so vor fiebriger Intensität und rau-melodischer Kraft.

    Insbesondere «Resolution» zum Einstieg ist ein Meisterwerk. «Ja, ich denke, das ist einer der besten Opener meiner Karriere», sagt der Band-Boss. «Man muss ja heute die Hörer sofort packen, sonst wandern sie ab.» Mit «No One Ever Drowns» hat Wynn einen Song aus seiner Anfangszeit ausgegraben und nach 30 Jahren endlich aufgenommen. Gelegentlich geht er eben auch zurück zu den Wurzeln, um sich für das Hier und Jetzt als «Hard Working Musician» zu inspirieren.

    November-Konzerte von Steve Wynn: 6.11. Geislingen, 7.11. Frankfurt/Main, 11.11. Wien, 12.11. Halle/Saale, 13.11. Zürich, 15.11. Köln, 16.11. Hamburg; weitere Deutschland-Termine Anfang 2011.

    www.stevewynn.net

    Infos zu The Baseball Project

    www.bluerose-records.de

    Musik News
    Meistgelesene Artikel
    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
    Claus Ambrosius 

    Leiter Kultur

    Claus Ambrosius

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Anke Mersmann

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Melanie Schröder

     

    Kontakt per Mail

    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!