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  • Musik Bläser kämpfen um einen Platz im Projektorchester - Von knapp 100 Teilnehmern treten 60 die Reise nach Rom an

    Messe für Papst Franziskus nimmt Formen an: Ein Projektorchester entsteht

    Sargenroth. Etwa 100 Blasmusiker haben den Weg in den Hunsrück gefunden, um sich einen Platz im begehrten Projektorchester zu sichern. Die Reise nach Rom treten am Ende 60 Personen an - und mit ihnen mehr als 100 Sänger aus Rheinland-Pfalz.

    Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

    Auf den ersten Blick unterscheidet sich diese Orchesterprobe für Blasmusiker nicht wesentlich von anderen: Die Stuhlreihen sind im Halbkreis angeordnet, links das hohe, rechts das tiefe Blech, in der Mitte sitzen die Hörner. Und von Zeit zu Zeit erheben sich donnernd oder blechern Pauken- und Beckenschläge aus der hintersten Ecke des Raumes über die Köpfe der Musiker hinweg. Vorn verebben sie dann. Denn noch sind einige Plätze unbesetzt, die Holzbläser fehlen bislang, proben noch an anderer Stelle – beziehungsweise beweisen sich vor Musikexperten.

    Was nämlich nicht auf Anhieb ersichtlich ist: Im Gemeindehaus von Sargenroth im Hunsrück findet in diesem Moment ein Vorspiel statt. Darum haben sich alle Anwesenden Namensschilder über die linke Brust geheftet. So fällt dem Auswahlgremium die Bewertung jedes Einzelnen leichter. Und dieses besteht hauptsächlich aus Bernd Gaudera, Landesmusikdirektor. Am späten Nachmittag streift er mit einem Klemmbrett in der Hand durch die Reihen, notiert hinter jedem Namen unter anderem, wie sicher der Musiker seine Noten spielt und wie er sich in den Satz integriert.

    Mit Papstmesse auf nach Rom

    Nur die Besten sollen Teil des Projektorchesters werden, dessen langfristiges Ziel eine Reise nach Rom ist. Im November soll im Petersdom eine Messe zu Ehren Papst Franziskus' erklingen. Komponiert von einem Rheinland-Pfälzer und gespielt von Musikern aus allen Himmelsrichtungen des Landes. Auch mehr als 100 Sänger des Chorverbandes Rheinland-Pfalz stemmen das Werk mit.

    Saxofonisten, Hornisten, Tubisten sind in diesem Augenblick nur ein Bruchteil der Instrumentalisten, die ihren Blick abwechselnd zwischen Dirigent und Notenblatt heben und senken. Dabei könnten sich die Bewerber gern stärker vom Blatt lösen, wenn es nach Sven M. Hellinghausen geht.

    Der Dirigent und Komponist der Messe kreuzt die Arme in der Luft, reißt sie im nächsten Moment blitzschnell nach unten, sodass es aussieht, als würde er die Luft zerschneiden. Es ist nicht die erste Unterbrechung, die er nutzt, um an das Rhythmusgefühl der Musiker zu appellieren: „Könnt ihr meine Bewegungen interpretieren? Versteht ihr mich?“, fragt er geradeheraus.

    Glühender Aktionismus

    Dass ihm die letzten Wochen in den Knochen sitzen, ist ihm allein beim Dirigieren nicht anzumerken. Da wiegt er sich vor seinem Pult hin und her, den Taktstock auf und ab. Bedeutet mit spitzer, nach vorn stoßender Handbewegung die Einsätze, zeichnet schwungvolle Bögen in die Luft, um die Musiker für die gebundene Spielweise zu sensibilisieren. Dabei geht es ihm heute eigentlich nicht um die künstlerische Ausdeutung der Messe. Sein Ziel ist es vielmehr, mit dem Ende des Tages ein festes Orchester benennen zu können. Wie ernst Hellinghausen seine Sache nimmt, ist ihm anzusehen. Seine doch müden Augen sprechen Bände. Auch verzichtet er heute auf das Mittagessen, weil er „dafür keinen Kopf“ hat, wie er sagt.

    Sven M. Hellinghausen über Glauben
    „Glaube ist ein zentraler Bestandteil und Triebfeder für mein Handeln, ist aber gemessen an dem, was die Messe bewirken kann, nämlich die Menschen auf einem Gefühlskanal auf die wesentlichen Dinge zu fokussieren – und das vermag Musik – reine Nebensache. Was ich glaube, ist unmaßgeblich. Aber ich glaube an die Wirkung der Messe. Gottesdienst findet nicht nur um Wort statt, denn die Worte erreichen die Herzen der Menschen leichter, wenn sie die Musik dafür geöffnet hat.“

    Erschöpft wirkt sein Auftreten dennoch nicht. Immer wieder witzelt Hellinghausen mit den Musikern – auch den frisch angekommenen Holzbläsern. Und nachdem Gaudera mal wieder einen seiner Streifzüge beendet hat, erklärt er scherzend: „Ihr könnt die Namensschilder jetzt wieder tauschen“. So bricht er das Eis. Und muss es bisweilen natürlich auch. Jeder der hier erschienenen knapp 100 Musiker nimmt schließlich einen nicht selbstverständlichen Aufwand auf sich, um das entstehende Projektorchester zu unterstützen. Die Projektkosten werden vom Chorverband Rhein-Pfalz und dem Landesmusikverband getragen, für die Reisekosten müssen die Teilnehmer privat aufkommen.

    Ein einzigartiges Erlebnis für Musiker

    Das ist zum Beispiel für Carmen Rademacher aber überhaupt kein Problem. „Ich war noch nie Teil von etwas Vergleichbarem. Für mich ist das eine sehr große Ehre“, erklärt die 40-Jährige, die in den nächsten 24 Stunden ihre Zusage erhalten wird. Für die gelernte Reiseverkehrskauffrau steht das vermutlich einmalige Erlebnis im Vordergrund; und dafür ist sie auch bereit, sich finanziell zu beteiligen. Wenn sie über Hellinghausens Komposition spricht, wird ihre Stimme ganz weich, klingt dann beinah beseelt: „Mich hat diese Musik sehr berührt. Ich glaube auch, dass diese Messe viel Gutes in die Welt bringen wird, einfach weil die Sprache der Musik universell ist. Diesem schönen Klang kann sich niemand entziehen.“

    Rademacher spielt bereits seit 31 Jahren Klarinette und war in ihrer Familie lang die Einzige mit musikalischen Ambitionen. Ihr Weg zur Musik ist vielleicht der beste, eine Leidenschaft reifen zu lassen. Fernab von Bildungsinitiativen, Musikschulunterricht oder staatlichen Förderinstrumenten hat sie ihr Herz für die Musik im Kindesalter aufgeschlossen. „In Birken-Honigsessen (Kreis Altenkirchen, Anm. d. Red.), wo ich aufgewachsen bin, haben sich einige Dorfbewohner immer zum Musizieren getroffen. Wir haben das als Kinder gehört und waren fasziniert. Dann wollten wir das auch lernen und so kam eins zum anderen“, blickt sie zurück. Aktuell spielt die Klarinettistin in der Bergkapelle Birken Honigsessen, die ebenfalls von Hellinghausen dirigiert wird. Aus diesem Ensemble hat es neben Rademacher nur Posaunist Horst Steiger in die Auswahl geschafft.

    Auch junge Musiker können überzeugen

    Mit mehreren Kollegen wird hingegen Markus Elz die Reise nach Rom antreten. Fünf Musiker, mit denen er im Stadtorchester Andernach spielt, konnten neben ihm bei dem Vorspiel in Sargenroth überzeugen. Mit Rom wird der 17-Jährige Neuland betreten; vorherige Reisen nach Italien haben ihn bislang noch nicht bis in die Hauptstadt des Landes geführt.

    Seine Beweggründe sich an dem Projektorchester zu beteiligen, unterscheiden sich nicht wesentlich von denen anderer Teilnehmer. Der Austausch mit Musikern aus ganz Rheinland-Pfalz reizt ihn und eben auch die Möglichkeit an so einem besonderen Projekt mitzuwirken. Vor allem in jungen Jahren. Eine so weite Fahrt ins Ausland aufgrund der Musik hat er bisher in dieser Art und Weise noch nicht erlebt, die steht für ihn auch an erster Stelle, wie er erklärt: „Ich bin zwar auch gläubig, aber die Begegnung mit dem Papst war nicht ausschlaggebend dafür, zu dem Vorspiel zu fahren. Mit sechs Jahren hat Elz sein Instrument für sich entdeckt: das Saxofon. „Mein Vater ist auch Saxofonist und hat mir die ersten grundlegenden Dinge beigebracht“, erklärt der Schüler. Sein musikalischer Werdegang, der ihn neben dem Stadtorchester auch ins Jugendorchester von Andernach führte, beginnt gerade. Mit der Reise nach Rom wird sie schon früh einen besonderen Höhepunkt erleben.

    Knapp neun Monate Probenzeit bleiben den Musikern um Hellinghausen und den Sängern um den künstlerischen Leiter Mario Siry noch, bis sie gemeinsam ins kalte Wasser springen, wie Hellinghausen sagt. Da es in Rom keine Generalprobe der Messe im Petersdom geben kann, muss sich das Projektensemble von der Akustik des Orts überraschen lassen. Kirchenräume sind diesbezüglich schwer einzuschätzen. Während viele einen besonders halligen Klang besitzen, soll der Petersdom hingegen eher „trocken“ klingen, wie Hellinghausen erzählt. Verunsichern lassen werden sich die Teilnehmer der Papstmesse davon nicht. Dafür ist die Vorfreude und ihr Aktionismus viel zu groß.

    Wie die Franziskusmesse den Weg nach Rom fand

    Neben Sven Hellinghausen ist ein Name im Großprojekt Franziskusmesse nicht außer Acht zu lassen: Hans-Albert Courtial ermöglichte
    den Gastauftritt im Petersdom sowie in der Kirche Sant'Ignazio di Loyola. Der Stiftungsdirektor von Pro Musica e Arte Sacra ist im Vatikan bestens vernetzt und organisierte bereits unzählige Auftritte großer Kirchenchöre in Rom – unter anderem gastierte im vergangenen Jahr der Chor der Dresdner Frauenkirche im Petersdom. Die Stiftung Courtials, die Kirchenmusik fördert und sich für den Erhalt von Sakralbauten einsetzt, finanziert Konzerte mithilfe privater Sponsoren und Mäzenen. Das Konzert des Projektensembles aus Rheinland-Pfalz im Petersdom findet als Abendmesse am 10. November statt. Eine konzertante Aufführung der Messe findet am 11. November in Sant'Ignazio di Loyola statt. In diesem Konzert werden unter anderem Stücke von Alfred Reed, Jan van der Roost und Kurt Gäble erklingen. Außerdem steht ein sinfonisches Klangbild auf dem Programm, das Hellinghausen dem Rhein gewidmet hat. Es trägt den Titel „Rhenus 1“.

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