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    MainzPolizei lobt Bürgerprotest "mit Substanz"

    Fantasievoll, bunt und vor allem friedlich haben am Samstag fast 15 000 Bürger gegen den Fluglärm protestiert. Selbst die Polizei lobte den Protestmarsch als "Demo mit Substanz"..

    Mainz - Wenn es nicht so bitterernst wäre, könnte es eine Art Rosenmontagszug sein. Bunt, fantasievoll und kreativ formieren sich Mainzer, Hessen und Rheinhessen am Samstagvormittag am Mainzer Hauptbahnhof zur größten Demo, die Mainz seit langem gesehen hat.

    Selbst der Mainzer Polizei-Einsatzleiter Claus Colausisch ist begeistert. "Das ist eine richtige Demo der Bürger. Das ist Bürgerprotest, eine Demo mit Substanz." Er schätzt die Teilnehmerzahl auf 10- bis 12 000. Am Ende ist von bis zu 15 000 Demonstranten die Rede.

    Transparente, Originelle Verkleidungen und Sprüche bis hin zum Motivwagen aus der MCV-Werkstatt werden aufgeboten, um Fluglärm bei Nacht, der Fraport und der hessischen Landesregierung die Stirn zu bieten. Von überall kommen die Lärmgeplagten her. "Ich habe zwei kleine Kinder, ein Haus gekauft. Ich weiß nicht was ich machen soll. Wir sitzen da jetzt fest", sagt Thomas Seehuber. Aus Rodgau im Kreis Offenbach ist er mit der ganzen Familie angereist, ebenfalls ein Opfer der neuen Flugrouten und Anflugverfahren. Aus der ganzen Region, fast zwischen Bingen und Aschaffenburg, Limburg und Heppenheim, sind die Menschen nach Mainz gekommen, um ihrem Ärger, ihrer Angst und ihrem Frust Luft zu machen.

    Rainer Schlegelmilch aus Kostheim hat der Fluglärm krank gemacht. Aus Hochheim ist er nach Mommenheim gezogen, aus Mommenheim nach Kostheim. Seit Jahren flieht er vor dem Düsenterror. "Ich zittere, bin fix und fertig und in psychologischer Behandlung. Aber ich habe meinen alten Vater hier, was soll ich machen?"

    Aus Mainz marschiert geballte Stadt- und Landespolitprominenz mit: Oberbürgermeister Jens Beutel, Bürgermeister Günter Beck, Dezernentin Marianne Grosse, Innenminister Roger Lewentz, Landtagsabgeordneter und Ex-Umweltdezernent Wolfgang Reichel, Oppositionsführerin Julia Klöckner, Stadträte, Ortsvorsteher, Ortsbeiräte, Gemeinderäte aus Rheinhessen, Hessen und viele, viele Bürger teils mit Kind und Kegel, in Arbeitskreisen und Bürgerinitiativen organisiert oder nicht.

    Sein vorübergehendes Angewiesensein auf den Rollstuhl hält den Mainzer CDU-Stadrat Klaus Hafner nicht von der Demo ab. Er rollt sozusagen gegen die Rollbahn und redet sich schon vor dem Start der Demo in Rage über die "Sprüche der Fraport" anlässlich der Eröffnung der neuen Landebahn am Freitag: "Das ist unglaublich, als ob wir Menschen nichts wert seien! Menschenverachtend! "

    Immer wieder werden leere Versprechungen der Politiker bemüht, etwa die der hessischen Ex-Ministerpräsidenten Holger Börner oder Roland Koch: Von wegen keine Flughafenerweiterung ohne Nachflugverbot. Alten Kämpfern klingeln noch die Auseinandersetzungen gegen die Startbahn West vor 25 Jahren in den Ohren.

    Derweil werden Särge durch die Mainzer Innenstadt gezogen, in denen Gesundheit, Lebensqualität oder der Artikel 2 des Grundgesetzes zum Recht auf körperliche Unversehrtheit zu Grabe getragen werden. "Schlafentzug ist Folter" heißt es. Oder: "Morgenrot, Abendrot und dazwischen Flugverbot". Vom Motivwagen erklingen Schlaflieder, Schnarchgeräusche und dann jämmerliches Kinderweinen.

    Aber auch an die Selbstkritik wird appelliert: "Fliegen Sie in Urlaub zum Schnäppchenpreis? Warum beschweren sie sich dann!" Da müssen Einige bestimmt mal ganz streng mit sich selbst ins Gericht gehen. Die Demo schwillt stets an. Immer neue Demonstranten stoßen dazu.

    Um den die Landesgrenze übergreifenden Protest zu symbolisieren, geht es über die komplett gesperrte Theodor-Heuss-Brücke ins hessische Kastel. Auf der Mitte des Übergangs steigen Hunderte von gelben Anti-Fluglärm-Luftballons in den blauen Oktoberhimmel. Ein Bild wie Sternenhimmel am Tage.

    Beim Finale auf der Kasteler Rheinwiese warnen Experten davor, dass das alles nur der Anfang sei, predigen gegen die bedingungslose Wachstumshörigkeit, die eine gesamte Region zu Grunde richtet. Plakativ zeigen das etwa die Kelsterbacher. Sie tragen große, gelbe Ortsschilder: "Kelsterbach, Landkreis Fraport." Oder die Hattersheimer: "Hattersheim: 120-Meter-Tiefflugzone."Jochen Dietz

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