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    MainzNachts auf Tauchgang in Mainzer Müllcontainern

    Es ist Mitternacht. Über das Gelände des Rewe-Supermarktes in Gonsenheim schleichen vier Gestalten. Einer hat einen großen Rucksack in der Hand, die anderen tragen klappbare Plastikkisten. Alle Behältnisse sind leer. Noch. Denn in wenigen Minuten werden sie randvoll mit Lebensmitteln sein. Essbaren Lebensmitteln aus dem Müllcontainer. Sie sind "Mülltaucher", die auf Fischzug in den Müllcontainern verschiedener Supermarktketten gehen - aus ideologischen Gründen.

    Foto: schreiner

    Mainz - Es ist Mitternacht. Über das Gelände des Rewe-Supermarktes in Gonsenheim schleichen vier Gestalten. Einer hat einen großen Rucksack in der Hand, die anderen tragen klappbare Plastikkisten. Alle Behältnisse sind leer. Noch. Denn in wenigen Minuten werden sie randvoll mit Lebensmitteln sein. Essbaren Lebensmitteln aus dem Müllcontainer.

    Die Sekretärin Talley Hoban, der Sozialpädagoge Robin Riedel und die angehende Kunststudentin Katharina Busch nennen sich "Mülltaucher", gehen etwa alle zwei Wochen auf nächtlichen Fischzug in den Müllcontainern verschiedener Supermarktketten. Sie "containern", mehr aus ideologischen Gründen als aus finanziellen. Was sie aus den Containern rausziehen, macht sie gleichermaßen glücklich und wütend. Glücklich, weil sie damit einen großen Teil ihres eigenen Bedarfs an Obst, Gemüse, Brot und vielem mehr abdecken können. Meist finden sie weit mehr als genug brauchbare Lebensmittel, sodass sie regelmäßig ihre Freunde einladen können, zur "Kochparty". Was bei einer solchen Party an Speisen auf den Teller kommt, besteht ausschließlich aus Weggeworfenem.

    Wut auf Supermarktketten

    Der Grund für ihre Wut wiederum ist die unvorstellbar große Menge an überflüssigerweise weggeworfenen Lebensmitteln, die den drei Mülltauchern das Einkaufen im Supermarkt mehr oder weniger komplett erspart. Ihre Wut richtet sich gegen die Supermarktketten und die Leiter der einzelnen Filialen, die gutes Essen lieber wegschmeißen, statt es Obdachlosen zu stiften oder karitativen Einrichtungen wie der "Tafel" zur Verfügung zu stellen. Daher containern Hoban, Riedel und Busch, um vor allem ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft zu setzen.

    Auch Michael Schieferstein regt sich auf. Schieferstein ist Profi-Koch, er hat in seiner Karriere in ganz Europa in insgesamt 14 Häusern mit mindestens einem Stern auf höchstem Niveau gekocht. Momentan ist er Küchenchef im "Baron" auf dem Campus der Johannes Gutenberg-Universität, kocht dort täglich ausschließlich frisch und ausschließlich mit regionalen Produkten der Saison. "Bei mir in der Küche wird nichts weggeworfen, nichts. Es lässt sich doch alles irgendwie verwenden", sagt er auf der Fahrt zum ersten Supermarkt für diese Nacht.

    Seit 20 Jahren praktiziert er das so, und auch privat schmeißt er nie Lebensmittel weg. Das erfordert natürlich Umsicht und Organisation, aber lieber nimmt er sich ein bisschen Zeit zum Sortieren, bevor er was wegschmeißen muss. "Der Großhandel entsorgt ganze Kisten an Nahrung, weil er einfach keine Zeit zum Sortieren hat", erklärt Schieferstein. Ist beispielsweise in einer Kiste mit Babynahrung ein Gläschen kaputt, dann wird eben die ganze Kiste weggeschmissen. Schließlich könnten die anderen Gläschen beschmutzt worden sein.

    Das regt ihn auf. Deshalb engagiert er sich bei dem Projekt "Taste the waste" und ist in dieser Nacht mit den Mülltauchern unterwegs. Im Verlauf der Tour findet er in der Tonne von "Tegut" in Wiesbaden-Schierstein eine appetitliche Flug-Mango. "Die kostet im Laden zwischen fünf und acht Euro, wer kann sich das denn leisten?", sagt er.

    Staunen über die Qualität

    Vor allem die Quantität der verschwendeten Lebensmittel gibt Anlass zum Staunen. "Wir rechnen in Badewannen", sagt Robin Riedel. "Das ist einfacher für uns. Wir sagen dann: Heute war es eine ganze Badewanne oder auch nur eine halbe." Eine ganze Badewanne voll mit Brot, Brötchen und Croissants, am selben Tag gebacken, fischt er aus aus dem Müllcontainer des benachbarten ALDI-Markts. Netze mit Orangen, Steigen mit Bio-Brokkoli, kleine Paletten mit probiotischen Drinks kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums - die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

    Manchmal ist das Gemüse etwas angeschimmelt oder weist Druckstellen auf, die Bananen haben sich ein bisschen braun gefärbt. In erwähnter Badewanne wird alles zunächst gewaschen und vom Mülltonnen-Schmutz befreit, bevor es dann wieder der Verwertungskette zugeführt wird. Der Schimmel wird einfach abgeschnitten, der Rest verarbeitet. Genießbar ist es allemal, ohne gesundheitliche Gefährdungen befürchten zu müssen.

    Im Winter nehmen die Mülltaucher auch das weggeworfene Fleisch mit, gerade dieses Jahr haben die großen Minusgrade dafür gesorgt, dass die Kühlkette auch außerhalb der Lager nicht unterbrochen wurde. Im Sommer bleibt das Fleisch im Müll zurück. An der nahe gelegenen Kreuzung hält ein Streifenwagen. Auffällig lange steht er dort. "Achtung, da ist die Polizei", ruft jemand aus der Gruppe. Jetzt heißt es Kopf einziehen. Denn das Mülltauchen ist illegal. Hausfriedensbruch ist das eine Delikt, das die Mülltaucher begehen, wenn sie nachts über Zäune klettern, um an die Müllcontainer heran zu kommen. Und mit der Mitnahme der weggeworfenen Lebensmittel begehen sie gleichzeitig einen Diebstahl. Robin Riedel ist vergangenen November beim Containern am Real-Markt in Bretzenheim erwischt und verhaftet worden. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft das Verfahren eingestellt.

    Keine Angst vor Strafe

    Die Androhung von Strafe ist ihm und seinen Mitstreitern egal. Im Gegenteil. "Seit fünf Jahren container ich", sagt Talley Hoban, "und seit fünf Jahren versuche ich, endlich mal verhaftet zu werden, ja deswegen sogar vor Gericht zu kommen." Wie Riedel und Busch sucht auch sie die Öffentlichkeit, um auf den "verschwenderischen Wahnsinn" im Umgang mit Lebensmitteln aufmerksam zu machen. Doch auch heute Nacht hat sie wieder Pech. Der Streifenwagen fährt weiter.

    Dominic Schreiner

    Soko Essen: Elitetrupp gegen VerschwendungIhre Ziele: Lebensmittel retten, Fleischverbrauch senken
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