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    OberurselIn dieser Werkstatt werden Täter zu Künstlern

    Jede Nische der Künstlerwerkstatt "Kunsttäter" ist ein Hingucker: Bizarre Blechkonstellationen stehen zwischen kindlich anmutenden Tierfiguren und imposanten Schnitzereien. Konzentriert beugen sich zwei junge Männer über ihre unfertigen Werke, feilen nach, bessern an anderer Stelle aus. Freiwillig sind sie nicht in der Werkstatt in Oberursel. Ein Richter hat sie zu Sozialstunden verurteilt.

    EEin Jugendlicher hält sich eine Maske aus Speckstein vor das Gesicht. Sie entstand die der Werkstatt "Kunsttäter".
Foto: dpa
    EEin Jugendlicher hält sich eine Maske aus Speckstein vor das Gesicht. Sie entstand die der Werkstatt "Kunsttäter".
    Foto: dpa

    Oberursel - Jede Nische der Künstlerwerkstatt "Kunsttäter" ist ein Hingucker: Bizarre Blechkonstellationen stehen zwischen kindlich anmutenden Tierfiguren und imposanten Schnitzereien. Konzentriert beugen sich zwei junge Männer über ihre unfertigen Werke, feilen nach, bessern an anderer Stelle aus. Freiwillig sind sie nicht in der Werkstatt in Oberursel. Ein Richter hat sie zu Sozialstunden verurteilt - als Erziehungsmaßregel nach dem Jugendgerichtsgesetz. Die Stunden können sie hier ableisten, indem sie gestalterisch tätig werden.

    "Jeder hat eigentlich etwas Besseres zu tun, als hier zu sitzen", sagt einer der unfreiwilligen Künstler. "Aber herzukommen ist schon besser, als in Therapie zu gehen oder eine Geldstrafe zu bezahlen." Durch die Maßnahme lernt der 21-Jährige eine neue Seite an sich kennen: "Man denkt viel nach, weil der Kopf frei ist. Wenn wir beschäftigt sind, sind wir in einer anderen Welt. Ich komme gar nicht auf die Idee, mit jemandem zu reden, weil ich in Gedanken bin und überlege, wie ich mein Ding hinkriege."

    Harte Junge entdecken ihre unbekannte kreative Seite

    Ein weiterer Straftäter erzählt, es bereite ihm Spaß, handwerklich zu arbeiten. Der 17-Jährige spürt, wie er sich durch die neue Aufgabe entwickelt. "Ich hatte viele Probleme mit der Polizei. Das will ich ändern", versichert er. Ihre Namen wollen beide nicht preisgeben und auch nicht den Grund, aus dem sie hergeschickt wurden. Gemeinsam mit der Bildhauerin Regina Planz hat Kunsttherapeut und Sozialarbeiter Andreas Hett vor zwölf Jahren die Kunsttäter gegründet. Abwechselnd betreuen beide die Künstler, die in die dreimal wöchentlich geöffnete Werkstatt kommen. Selten sind es mehr als eine Handvoll.

    Das Höchstalter für eine Teilnahme ist 21 Jahre. Viele kommen wegen Alkohol im Straßenverkehr her, andere wegen Sachbeschädigung, Körperverletzung oder Diebstahl. Einige müssen nur zehn oder 20 Stunden in der Kunstwerkstatt arbeiten. Für gröbere Straftaten verbringen die Jugendlichen mehrere Monate in dem Projekt.

    Wo sie die Sozialstunden ableisten, entscheiden die Jugendlichen gemeinsam mit den Jugendgerichtshilfen. Sie können auch eigene Vorschläge machen. "Bei so manchem Jugendlichen denken wir, es täte ihm gut, Aufmerksamkeit zu bekommen, die er bislang nicht oder nur unzureichend bekommen hat", erklärt eine Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe Bad Homburg. Solche Fälle würden oft mit Erfolg an die Kunsttäter weitergeleitet. Beim Verhängen der Sozialstunden gehe es schließlich um Buße und pädagogische Einwirkung gleichermaßen.

    Seit anderthalb Jahren wird der Verein von der Hochschule Darmstadt wissenschaftlich betreut. Professor Eberhard Nölke aus dem Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und soziale Arbeit hat einige Kunsttäter nach ihrer Zeit in der Werkstatt begleitet. Ob die künstlerische Tätigkeit von späteren kriminellen Handlungen abhält, lässt sich nach Einschätzung von Nölke schwer belegen. Viele hätten jedoch eine kreative Tätigkeit auch in ihren Alltag eingebaut. "Sie haben ein neues Handlungsfeld gefunden, in dem sie ihre inneren Bilder und Ideen umsetzen", erklärt der Wissenschaftler.

    Finanziert werden die Kunsttäter zum Großteil durch den Kultur- und Sportförderverein Oberursel. Auch die Stadt und verschiedene Stiftungen bezuschussen die Werkstatt. Zusätzlich bringt der Verkauf der Skulpturen Geld ein. Ihr fertiges Werk zu sehen, gibt vielen Jugendlichen einen großen Auftrieb, ist sich Sozialarbeiter Andreas Hett sicher: "Sie schätzen über den Verkauf der Kunstwerke ihren gesellschaftlichen Wert ein." Verena Bongartz

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