Welterbe auf bloßer Haut
Bingen - Nach und nach verschwimmt der Unterschied zwischen der Realität und Fantasie. Im gleichen Zeittakt, wie sich in der optischen Wahrnehmung die Haut der Models wandelt und aus dem größten sensorischen Organ des Menschen eine Projektionsfläche für Träume und Visionen wird.
Das „Internationale Bodypainting Festival Germany“ lockt rund 50 Künstler der Szene nach Bingen. So real die Reise an den Rhein für die Bodypainter aus Holland, Luxemburg, der Schweiz, Belgien, Italien und Deutschland ist, so surreal dürfen sich die Besuchern beim Anblick der lebenden Kunstwerke fühlen. Denn mit Pinsel, Sprühpistole und vielen Accessoires für die Maske wandeln die Künstlerhände ihre – meist weiblichen Models – zu Flüssen, Meeren, Hügeln, Bergen und kleideten sie in märchenhafte oder mythische Geschichten.
Das Ingelheimer Bodypainter-Ehepaaar Peter und Petra Tronser, international anerkannte Meister ihres Fachs, hatte bereits das 6. Festival dieser Art in die Region geholt. Sie zeigen auch mit der Wahl des Veranstaltungsortes Sinn für Ästhetik. Unter den Dächern zahlreicher weißer Zelte, die im „Park am Mäuseturm“ verstreut stehen, finden die Künstler geschützten Raum für Ateliers und die Besucher freien Blick auf die Schaffenden und ihre Werke. Faszinierte Blicke richten sich auf entblößte Körper, wenn diese unter immer neuen Farbschichten, Mustern und Verzierungen entfremdet werden und doch dieselben bleiben.
Als Motto des Wettbewerbs in den Kategorien Airbrush und Spezialeffekte wählen die Organisatoren „Welt(kultur)erbe“ zum Thema. Den Zweiklang beider Begriffe ahmt auf dem Körper ihres männlichen Models eindrucksvoll die Nieder-Olmerin Kathrin Haas nach. Die blau bemalte Brust und den Bauch ziert ein Bild vom Globus. Auf dem Rücken bleicht in der Wüstensonne ein Skelett. Den Oberkörper des Models stützen auf dem linken Bein die Eisberge der Antarktis. Das rechte Bein scheint in den tiefen des Ozean verfangen, umworben von Seepferdchen und bunten Fischen. „Die Konkurrenz ist ziemlich stark“, sagt Haas, die ihrer Begeisterung für Körperbemalung seit 2004 nachgeht.
Im Zelt gegenüber wählt der saarländische Künstler Wolfgang Zack die direkte Verbindung zum Festivalort, dem Weltkulturerbe „Oberes Mittelrheintal“. Aus der Zweidimensionalität des Rumpfs lässt er auf der Haut seines blonden Models den alten „Vater Rhein“ entspringen, der aus der Ferne kommt und sich wellenförmig an bewaldeten Hängen des Tals, an Burgen vorbei schlängelt.









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