"Grenzenlos Kultur": Dieses Theater macht vor Barrieren nicht halt
Mainz - Struwwelpeter wird am zerzausten Schopf gepackt und auf den Kopf gestellt, Kafka zum Lachen und Shakespeare mit 68er-Papis unter einen Hut gebracht. Das Theaterfestival „Grenzenlos Kultur" im Mainzer Kulturzentrum (Kuz) macht wie immer vor keinen Grenzen halt – das verkündet vor der 12. Ausgabe nicht nur der Titel der erfolgreichen Veranstaltungsreihe, sondern zudem auch noch der des Kultursommers Rheinland-Pfalz.
„Wir waren so nah am Kultursommermotto ‚Über Grenzen', dass wir gar nicht wussten, was wir tun sollten", beschreibt Andreas Meder, Intendant des integrativen Theaterfestivals, sein Luxusproblem. Also werden Zurückhaltung und Bescheidenheit vom 9. bis zum 25. September wieder mal über Bord geworfen: Fröhlich vergreifen sich Theatertruppen aus Deutschland, Österreich, Schweden, Polen, Israel und der Elfenbeinküste an allem, was Ehrfurcht gebietet.
Kafka zum Beispiel. Den Heroen klaustrophobischer Literatur lassen zwei Berliner Theaterensembles in ihrer Koproduktion „Kafka am Sprachrand" am Donnerstag, 16. September, die Lachmuskeln anregen. Später am Abend nähert sich Herausgeber Hans-Gerd Koch den komischen Seiten des Grüblers. Shakespeares „King Lear" holen „She She Pop" am Dienstag und Mittwoch, 14. und 15. September, auf den Boden der gegenwärtigen Tatsachen. Die Performancekünstler sehen in dem Klassiker vor allem persönliche Helden – ihre Väter, die mit auf der Bühne stehen. Und Theater Hora & Sommerblut nehmen für „Menschen! Formen!" am Freitag, 17. September, Filme der Regie-Granden David Lynch, Francois Truffaut und Werner Herzog als Ausgangspunkt für ein Genre-übergreifendes Bühnenstück.
Gegen Ende verwandeln elf Theatergruppen Schreckgespenster in Ikonen: Der Struwwelpeter und seine Freunde, ursprünglich Mahnmale der „Schwarzen Pädagogik", entwickeln sich in den Händen von Anne Tismer, Das Helmi oder Monster Truck vom 22. bis zum 25. September zu Helden des Eigensinns und der Konsequenzverachtung. Ziemlich schräg wird's ganz zum Schluss: Mit ihrem Abschlusskonzert bietet die britische Band The Tiger Lillies das Beste aus ihrem legendären Struwwelpeter-Programm „Shockheaded Peter" – und verspricht darüber hinaus noch mehr „schmutzige Songs".
Übrigens ist es genau das, was Jürgen Hardeck, der Geschäftsführer und künstlerische Leiter des Kultursommers, am Festival besonders schätzt: „Wir sind ein konservatives Land, eine konservative Stadt", sagt er, „das muss aufgebrochen werden."








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