Ute Weber: "Kettenreaktion"
Ute Webers Beitrag zu unserem Schreibwettbewerb: „Ein Kurzgeschichten-Autor für unsere „Lobo-RZ“.
Ich blicke mehr der Ordnung halber auf den Bildschirm. Alles wie gehabt, der fünfte Tag ohne das Internet. Weltweit weg. Aber die Welt ist sowieso weit weg. Weltweit. Das war sie doch schon immer. Sicher werden sie das Problem beheben. Probleme werden immer behoben. Tami hat irgendwas von Kettenreaktion gesagt und dass es kompliziert ist. Tami mag Probleme gerne, am liebsten komplizierte. Deshalb hat sie gestern auch bis spät nachts telefoniert und irgendwas am Computer geknobelt. Jetzt schläft sie immer noch. Ich könnte also an ihren PC, aber ich lass es lieber, ich will keinen Ärger kriegen. Ich zieh die Fernbedienung aus der Sofaritze und schalte den Fernseher ein, Nachrichten. Die Meldungen über den Internet-Zusammenbruch sind nicht mehr als erstes dran. Fünf Tage hält kein Thema durch, da müssten sie schon den Präsidenten erschießen. Irgendeine Katastrophe gibt es immer auf der Welt. Diesmal ist ein Flugzeug abgestürzt. Sie zeigen Bilder von den Überlebenden, ein Wunder und ein Glück, dass ein Kind dabei ist. Kinder sind immer dabei, wenn es ums Überleben geht. Sie sind viel zäher als Erwachsene. Die Leute sehen das gerne und bekommen Gefühle. Nach der Flugzeugsache bringen sie die Wirtschaftsmeldungen, die neuesten Schätzungen, wie hoch der Schaden durch den Ausfall ist. Das ist eine wirklich große Zahl mit vielen Stellen. Zahlen, die im Gänsemarsch gehen, entweder zum Schulbus oder zur Kreuzigung. Je nachdem, welchen Film man gerade im Kopf hat. Ich glaube, die Fernsehleute haben ganz üble Filme im Kopf. Sie müssen sich jeden Tag neue und irgendwie noch spannendere Zusammenhänge zwischen dem Internet und allem Möglichen einfallen lassen. Unglaublich, was das Internet so alles bewirkt und woran es schuld sein soll. Und immer finden sie Experten, die in einer Liveschaltung befragt werden. Jetzt haben sie einen dünnen, alten Mann mit Nickelbrille vor die Kamera gesetzt. Der Mann schiebt ständig seine Brille hoch, zuckt mit einer Augenbraue und sagt, dass die Welt jetzt gerettet würde, weil alles Übel im Internet war und das jetzt vernichtet sei. Ich glaube, er meint das mit den Pornos und dass jeder seine Meinung öffentlich hinschreiben kann, auch gegen Gott oder den FC Bayern. Wahrscheinlich ist der dünne Mann von irgendeiner Kirche, aber das ist mir jetzt zu blöde und ich schalte den Fernseher wieder aus. Die sollten mal mich als Experten interviewen, ich würde denen schon was sagen. Oder vielleicht doch besser Tami, die weiß immer alles. Sie hat gesagt, dass Netzpolitik jetzt wichtiger sei denn je. Netzpolitik. Ist doch auch nur Politik mit einem Netz vorne dran. Und Politik ist scheiße. Finde ich jedenfalls. Für Tami ist das wichtig. Sie ist sogar in einer Partei, irgendwas mit Piratinnen. Dort ist sie seit letztem Jahr, also seit 2015, die Chefin. Deswegen hat sie hier zu Hause ganz viele Computer und Bildschirme am Schreibtisch. Und ist ständig unterwegs. Das ist OK für mich, ich bin schließlich alt genug, um auf mich selbst aufzupassen. Ich hab ihr versprochen, dass ich die Schule fertig mache, dafür lässt sie mich in Ruhe mit dem Computerkram. Ich finde, das ist eher was für Frauen, es ist mir einfach zu technisch. So langsam krieg ich Hunger auf Frühstück. Ich deck mal den Tisch für Tami mit und koch ihr ein Ei. Nein, das ist kein schlechtes Gewissen. Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass das bloß ein Zufall war, dass diese Internetsache passiert ist, nachdem ich an Tamis PC ein paar Sachen angeklickt habe. Gut, da waren ein paar Bildschirme plötzlich schwarz geworden. Also, ich werde ganz sicher niemandem davon erzählen, ich bin ja nicht blöd. Oh, da kommt Tami.
http://wortsatzfluss.goneoblog.de/2010/05/17/kettenreaktion-ein-beitrag-fur-die-lobo-rz

























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