Simon Wasner: "Am Funktionieren"
Simon Wasners Beitrag zu unserem Schreibwettbewerb: „Ein Kurzgeschichten-Autor für unsere „Lobo-RZ“.
Ich blicke mehr der Ordnung halber auf den Bildschirm. Alles wie gehabt, der fünfte Tag ohne das Internet. Weltweit weg. Immerhin funktioniert mein Blackberry-Kalender noch: 20. September, zehn Uhr. Mein Tag. Natürlich habe ich vorher noch einmal angerufen, nur zur Sicherheit, aber mir war klar, dass sie es nicht absagen würden, nicht wegen solch einer Kleinigkeit. Ein einziges, formelles Bewerbungsgespräch ist die einzige Hürde, die ich noch zu nehmen habe. Die Firma, bei der ich mich bewerbe, würde Ihnen rein namentlich nichts sagen, aber ich gehe jede Wette ein, dass sie bei zweiminütigem Internetsurfing auf mindestens ein bis zwei derer Inhalte stoßen würden. Natürlich können Sie das im Moment nicht, aber theoretisch zumindest.
Als der globale Internetausfall bekannt wurde, tat die Kanzlerin, was sie immer tat, nämlich überhaupt nichts. In diesem Fall aber war das meiner Meinung nach die einzig angemessene Reaktion. Wozu sollte ich mir übertriebene Sorgen machen, abgesehen davon, dass ein solch verzweifeltes Verhalten auch ein bisschen sehr vormodern ist? Gestern Abend habe ich im Fernsehen so einen amerikanischen Prediger gesehen, der tatsächlich den Ausfall mit der Schwulengemeinde in Verbindung gebracht und das Jüngste Gericht in Aussicht gestellt hat. Und als wäre das nicht schon lächerlich genug, zieht gerade vor meinem Fenster die »Analog-Welle« vorbei, ein neu formierter Haufen Krawallbrüder, der gerne die Verantwortung für den Ausfall übernehmen würde und eine neue, unverkabelte Weltordnung ankündigt. Was für ein Unfug, denke ich und schließe meine Tür doppelt ab. Man muss vorsichtig sein in solchen Tagen.
Natürlich weiß ich, dass der Vorfall nicht dramatischer Natur ist. Ich nehme an, dass es sich um einen recht simplen mathematischen Fehler handelt, der in absehbarer Zeit behoben sein wird. Wieso sollte er auch nicht behoben werden? Der Mensch ist es gewohnt, Lösungen für Probleme zu entwickeln. Und wenn es wieder funktioniert, hat sich auch das mit dem Jüngsten Gericht sofort wieder erledigt.
Ich warte jetzt schon seit mindestens zehn Minuten an der Bushaltestelle. In der kleinen Kabine hängt kein Plan aus und ich habe keine Ahnung, wann der Bus kommt. Leider bin ich aber etwas in Eile, ich muss zu meinem Vorstellungsgespräch bis ins Industriegebiet rausfahren. (Übrigens und nur der Vollständigkeit halber: Der Bus fährt natürlich regulär, wir haben schließlich keinen Ausnahmezustand) Normalerweise hätte ich den Fahrplan auf dem Weg zur Haltestelle auf meinem Blackberry gecheckt. Meine Oma besaß damals noch dieses bibeldicke Buch, in dem sämtliche Fahrpläne abgedruckt waren. Das hätte sie mir jetzt wahrscheinlich mit ihrer gichtigen Hand unter der Nase herumgefuchtelt, aber meine Oma ist jetzt mitsamt ihrem Büchlein (zu Recht) mausetot, von der Zeit überholt, sozusagen. Bald ist mein Berry wieder einsatzbereit und dann werde ich darüber lachen, dass ich jetzt an meine Oma und ihren Analogfahrplan denken muss.

























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