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Pirmin Braun: Kein Titel

Pirmin Brauns Beitrag zu unserem Schreibwettbewerb: „Ein Kurzgeschichten-Autor für unsere „Lobo-RZ“.

Er blickt mehr der Ordnung halber auf den Bildschirm. Alles wie gehabt, der fünfte Tag ohne das Internet. Weltweit weg.

Als ARPANET 1962 dafür konzipiert, einen Atomschlag zu überstehen. Terabit Interkontinentalverbindungen, ein Routingprotokoll, das auch mit Rauchzeichen funktionieren würde, seit IPv6 Millionen Adressen für jeden Erdbewohner. Kein Regime, kein Geheimdienst, keine Zensurbestrebung, nichtmal die Musikindustrie hatten dem Internet jemals ernsthaft etwas anhaben können. Immer fanden die Datenpakete ihren Weg, zur Not verschlüsselt, versteckt, anonymisiert.

Aber jetzt war es so weit, keine singuläre Ursache, kein Angriff, keine Verschwörung, kein spektakulärer Zusammenbruch. Vielmehr ein Abschied auf Raten, registriert nur noch von ihm und vielleicht ein paar anderen übrig gebliebenen Loteks. Er fühlte sich zurückgelassen wie ein junger Pinguin, der zur rechten Zeit den Sprung ins Wasser verweigert hatte. Wie konnte es nur soweit kommen?

In jenem denkwürdigen Quartal als Google erstmals mit AdAugs mehr Umsatz machte als mit AdWords, reagierten die Börsen. Der nächste Hype, endlich wieder was los, schnell rein und wieder raus bevor es vorbei ist. Kennt man ja noch von 2000. Doch dann der Times Square ohne Neonlicht auf der Titelseite der Rhein-Zeitung im letzten Jahr ihres Erscheinens unter der Schlagzeile "Das dunkle Zeitalter hat begonnen". In dem Maße wie die Zugriffszahlen sanken, wurden Internetauftritte vernachlässigt, schliesslich ganz abgeschaltet. Der Mailverkehr nahm im selben Umfang ab, ein paar Konverter-Gateways dienten eine Weile als Übergangslösung. Aber auch der einst akkurat ausgerichtete Schüsselwald stand bald schief und verrostet, die nicht mehr genutzten Fernsehsatelliten verglühten unbeachtet.

Wer hätte gedacht, dass das wenig beachtete Experiment von Günter Zeck und Peter Fromherz im Jahre 2001 solch eine Entwicklung in Gang setzen würde? Und dann diese verrückten Internetsüchtigen damals, die sich begierig freiwillig meldeten und nach Südkorea flogen. Starben ja wohl einige am Anfang. Bald hörte man nichts mehr aus der Ecke. Doch dann fing es an im Netz, diese neue semantische Suchmaschine. So schnell, so treffsicher als könne sie Gedanken lesen. Man vermutete einen Coup der Chinesen: tausende fleissige menschliche Fragenbeantworter statt einer Index-Datenbank? Es waren aber nur drei und Google kaufte sie.

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