Pia Lamberty: "LINKisch"
Ute Lambertys Beitrag zu unserem Schreibwettbewerb: „Ein Kurzgeschichten-Autor für unsere „Lobo-RZ“.
Er blickt mehr der Ordnung halber auf den Bildschirm. Alles wie gehabt, der fünfte Tag ohne das Internet. Weltweit weg. Irgendjemand hatte den roten Knopf gedrückt. Es einfach abgeschaltet. Nichts funktionierte mehr. Die Welt befand sich im Chaos. Die geplanten Banktransaktionen konnte er nicht mehr durchführen. Ohne die Möglichkeit auf das virtuelle Geld zuzugreifen. Überhaupt: wie sollte er die nächsten Tage überstehen? Er war der Illusion aufgesessen, unendlich viel Geld zur Verfügung zu haben. Nun wurde ihm bewusst, dass sein ganzes Hab und Gut aus Bits und Bytes bestand. Er hatte sein Leben in die Hände von Einsen und Nullen gelegt. Vor fünf Tagen noch kannte sein Konsum nur die Grenzen des Machbaren.
Die Apokalypse der modernen Welt war eingetreten. Am nächsten Morgen erwachte er – weniger niedergeschlagen als in den Tagen zuvor – und begann darüber nachzudenken, welche Folgen der Tod des Internets für sein Leben haben würde. Er besaß absolut nichts mehr. Und das, was er besaß, hatte keinen Nutzen. Der MP3-Player lud sich die Musik direkt aus dem Netz. Ohne Verbindung hörte er nichts mehr als eine beunruhigende Stille. Seine Küchengeräte waren eigentlich so programmiert, dass er nach dem Aufstehen frisches Frühstück auf dem Tisch stehen hatte. Dampfenden Kaffee, frischgebackenes Brot. Aber auch dieser Luxus gehörte nun der virtuellen Vergangenheit an. Die Weckfunktion seines Kommunikationsgerätes basierte auf der ständigen Errechnung seiner Schlafphasen. Die so erhaltenen Daten wurden auf Vorrat gespeichert, um ihm den bestmöglichen Komfort zu bieten. Ohne Internet konnte er nun den halben Tag verschlafen. Es gab nun ja auch nichts mehr zu tun. Sowieso war die Stromzufuhr gekappt. Die zentrale Steuerung konnte ohne Zugriff auf eine Datenbank des Stromanbieters nicht weiter funktionieren.
Hatte er die letzten Tage noch das Gefühl gehabt, die Fänge des Internets trotz seiner permanenten Abwesenheit noch deutlich zu spüren, fühlte sich dieser Tag ungewohnt anders an. Er musste umdenken. Neu beginnen. Ground Zero. Er wusste nicht, was passiert war. Er konnte nicht sagen, welche Änderung da gerade in ihm von Statten ging. Ob es die Gewöhnung an die neuen Lebensumstände oder der bloße Lebenserhaltungstrieb war, der den Kopf aus dem Sand und die Nase vom Bildschirm zog. Plötzlich erinnerte er sich daran, wie seine Mutter ihm immer davon berichtet hatte, wie sie seinen Vater kennen gelernt hatte. Für ihn funktionierte Partnersuche seit jeher nur virtuell. Wenn er ehrlich zu sich war, dann existierten diese Partnerschaften doch nie wirklich. Sie waren immer nur eine Anlehnung an die Wirklichkeit, ein Doppelgänger der Realität. VR. Seine Mutter hatte seinen Vater, ihren Ehemann, noch ganz real kennen gelernt. In der Realität. Wo auch immer das war. Im Fall der Beiden war es ein kleiner Club am Rande einer großen Stadt gewesen. Durchtanzte Nächte und extatische Momente führten die beiden zueinander. Für ihn war diese Geschichte stets etwas ganz Besonderes gewesen. So romantisch. So echt. Seine Mutter schüttelte dann immer lachend den Kopf und erklärte ihm, dass es damals ganz normal war und mit Romantik hätte das erste Aufeinander treffen wenig zu tun gehabt.

























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