Mathieu Pinger: "Göttersterben"
Mathieu Pingers Beitrag zu unserem Schreibwettbewerb: „Ein Kurzgeschichten-Autor für unsere „Lobo-RZ“.
Ich blicke mehr der Ordnung halber auf den Bildschirm. Alles wie gehabt, der fünfte Tag ohne das Internet. Weltweit weg.
Willkommen, werter Weltuntergang.
Ich habe mich längst an den Anblick des ewigen, monotonen Fehlerhinweises gewöhnt, der mir beinahe verzweifelt in großen Zeichen eine misslungene Serververbindung anprangert. Misslungene Serverbindung – wie trivial es doch klingt.
Selbstredend kommt es darauf an, aus welcher Perspektive man die Warnnachricht betrachtet. Während ich meinen hilflosen Rechner nachts um drei Uhr eher mit einer gewissen Genugtuung mustere, sehen die großen Firmen, Wirtschaftsimperien und Bankgiganten ihrer eigenen Agonie entgegen. Selbst die größten Schlachtrösser verkraften keinen Mangel an Nahrung, und nun zerren sie vergeblich am Zaumzeug ihrer eigenen Macht, versuchen es abzuschütteln und reißen sich damit nur selber alle Kraft aus dem Leib.
Schon vollständig eingekleidet nippe ich an meiner brühheißen Tasse Kaffee und atme tief ein. Die Nacht braucht kein World Wide Web, ebenso wenig wie mein Getränk zwingend auf das Spinnennetz der Daten und Geschäfte angewiesen war. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass ich den alles lahm legenden Störfall der virtuellen Welt überleben werde.
Anders als die Millionen Süchtigen, die jede Minute ihrer nun reichlich vorhandenen Zeit dafür nutzen, dem einsilbigen Fehlerhinweis auf ihren Bildschirmen glühende Beachtung zu schenken. Anders als all die Jungunternehmer, die ihre kompletten Hoffnungen in dieses vorgetäuschte Stück freie Welt gesteckt haben. Zweifelsfrei auch anders als jene Neureichen, die fantastische Mengen emsig verdienten Geldes in modernste Hightechbauten investiert haben, die ihnen alle Wünsche erfüllen sollen und ohne Internet binnen weniger Wochen zu Staub zerfallen werden.
Internet. Ein reichlich alltägliches Wort für ein kurzfristig errichtetes und abseits jedweder Zweifel bis zum Kollaps labiles System, das zwei Jahrzehnte lang erfolgreich ausgebeutet wurde. Mit seinem Ende steht die Welt also Kopf.
Ich kann nicht von mir behaupten, interessante Perspektiven bisher nicht gemocht zu haben. Ein globaler Kopfstand hat etwas sehr Reizvolles. Ich beobachte die Wellen in meiner Kaffeetasse, während ich mich munter zur Tür bewege. Das sanfte Kitzeln einer nächtlichen Sommerbrise empfängt mich, nachdem ich mich nach draußen bequemt habe. Ob nun Illusion oder Scharfsinn – ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, die Anspannung der Welt bis hier hin, bis in die stille Eifel hinein zu spüren. Selbst in einer hiesigen Kleinstadt, von der man noch am ehesten eine Unabhängigkeit vom weltweiten Netz erwarten könnte, herrscht an Tagen wie diesen das Chaos.

























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