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Marianne Spiller: "Offline"

Marianne Spillers Beitrag zu unserem Schreibwettbewerb: „Ein Kurzgeschichten-Autor für unsere „Lobo-RZ“.

Ich blicke mehr der Ordnung halber auf den Bildschirm.

Alles wie gehabt, der fünfte Tag ohne das Internet.

Weltweit weg.

Meine Gedanken schweifen zu den Fernsehnachrichten, die ich in einem jener unsäglichen Boulevard-Magazine soeben gesehen habe - auch diese hatten sich ausschließlich mit einem Thema befaßt: dem globalen Ausfall des Internets. Und ich weiß nicht so recht, was das eigentlich bedeutet. Am Mittwoch fing alles an: keine Zeitung. Der gesamte Zeitungsständer wie geplündert, nur zwei türkische Ausgaben noch zu haben. Wie die Verkäuferin mir versicherte: nichts, woran sie etwas ändern könne, die Zeitungen seien bereits kurz nach Ladenöffnung vergriffen gewesen.

Mittwochabend, in den Tagesthemen, erfuhr ich es dann: kein Internet mehr verfügbar, nirgendwo. Interviews wurden eingeblendet: so bemerkte ein Mann mit rundem Gesicht etwas von einer "Katastophe ungeahnten Ausmaßes", und ein weiterer wischte sich immerzu mit dem Hemdzipfel über die Augen und murmelte etwas von Aktienkursen. Noch hysterischer aber die Aufnahmen, die der Sender in einer Fußgängerzone aufgenommen

hatte: ratlose Gesicher, weinende Jugendliche und eine unfaßbare Hektik. Ein pickliger Junge, 14 vielleicht, faselte unablässig etwas von seinem Clan, seiner Gilde und daß alles sinnlos sei.

Und dann war da so ein jungscher Kerl im Anzug, der sehr aufgeregt auf sein Gegenüber einredete: er hätte eigentlich am Dienstag schon seine Umsatzsteuervoranmeldung einreichen müssen, aber das hatte nicht geklappt, weil eine Elster da nicht mitgespielt hat. Und an seine Kontodaten kommt er auch nicht mehr ran. Sein Gegenüber war so ein Pummeliger, mit langen Zotteln, die ihm in die blutunterlaufenen Augen hingen, und einem fleckigen Hemd mit einem obszönen Bild darauf; ich verstand dessen Antwort nicht, da er lediglich vor sich hin murmelte, wobei sein unrasiertes Kinn sich kaum bewegte. Er hielt eines von diesen neumodischen Telefonen in der Hand und starrte es mit müden Augen an, tippte und wischte immer wieder mit dem Zeigefinger der rechten Hand darauf herum und murmelte. Doch urplötzlich sprang er auf, er holte Schwung und warf es fort, wobei er verbale Fäkalien schrie und sich nicht mehr beruhigen wollte.

Voller Freude dachte ich an die Zeitung in meiner Tasche, die ich mir tags darauf erkämpft hatte. Ich machte mich also auf in den Park, zum Lesen und Taubenfüttern. Im Großen und Ganzen widmet sich auch die Zeitung in erster Linie diesem Internet-Ausfall, von dem ich immer noch nicht so recht weiß, was er für mich bedeutet, denn mein Leben ist nicht anders als vorher. Doch ich fange an zu verstehen, weshalb plötzlich so viel Betrieb herrscht: viele der jungen Leute sind beurlaubt, weil sie ohne das Internet überhaupt nicht arbeiten können. 

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