Florian Schrodt: "Fehler im System"
Florian Schrodts Beitrag zu unserem Schreibwettbewerb: „Ein Kurzgeschichten-Autor für unsere „Lobo-RZ“.
Er blickte mehr der Ordnung halber auf den Bildschirm. Alles wie gehabt, der fünfte Tag ohne das Internet. Weltweit weg . Einhundertzwanzig Stunden, siebentausend zweihundert Minuten oder auch vierhundertzweiunddreißigtausend Sekunden Stillstand. Während die Zeit zum Erliegen kam, rasten die Gedanken durch seinen Kopf. Wie sonst die Bits und Bytes im Netz. Im Kreis, immer und immer wieder. Die Nächte waren wenig schlafvoll, aber voller Zweifel. Er drückte „Aktualisieren“, doch die Leitungen blieben tot. Sie hatte nicht angerufen. Andere Anrufe nahm er nicht an. Er suhlte sich in seiner Einsamkeit. Statt einer blau weißen Seite mit zwei Spalten zur Registrierung, die er aufgerufen hatte, stand in nüchternem schwarzen Text auf matten Grau trotz all seiner Bemühungen nur noch - Fehler: Server nicht gefunden. Dramatisiert wurde dies lediglich durch ein gelbes Warndreieck mit einem fetten schwarzen Ausrufezeichen. Dies hatte jedoch innerhalb der letzten Tage seine Wirkung verpufft und war durch einen steten Wechsel aus hoffnungsloser Verzweiflung und unbeholfenen Trotz abgelöst worden.
Hätten die Netzanbieter denn nicht ein Mindestmaß an Pietät aufbringen können? Wenigstens während dieser nachwievor unerklärten digitalen Dürreperiode die Werbung für Highspeed-DSL einstellen können. Hör auf zu labern Marcel Davis, oder hilf, wenn man dich am nötigsten braucht. Die Fernsehnachrichten hatten Konjunktur und befeuerten damit nur noch sein Bangen vor dem Big Bang. War dieser eigentlich noch im Fehlen des Internets begründet oder wäre es für ihn nicht heilvoller, wenn das Internet nicht einfach für immer still blieb? Seinen Fehler begraben würde unter tonnenweise Information, die das Schicksal seines Fauxpas teilten. Sollte das Internet sich überdreht haben und in Rauch aufgegangen sein, wäre sein eigenes Schicksal gerettet. Oder besser gesagt das, was er in qualvollen Stunden des Wartens zu seinem Schicksal erhoben hatte. Denn das Problem war nicht etwa, dass das was er gepostet hatte nicht gesehen werden konnte (diesbezüglich ging es ja allen wie ihm), sondern das es entdeckt werden konnte, sobald die Leitungen wieder standen. Es wäre fatal, das Ende. Und so wurde die Situation zu einem Spiel auf Zeit. Seinen Selbstverständnis nach konnten die Leitungen nicht ewig funktionslos bleiben, denn dazu waren sie nicht geschaffen worden. Deshalb musste er, falls diese wieder funktionierten, schnell sein, um zu berichtigen, was hätte nie verbreitet werden dürfen. Nicht dass er das Internet ablehnte, aber es wurde nun zum Richter über seine Zukunft. Und bevor es gegen ihn entscheiden sollte, sollte es doch lieber gar nicht mehr exisitieren. Er würde sich arrangieren können, alle würden es können. Er fühlte einen Wahnsinn in sich aufsteigen, je öfter er seinen Finger in angespannter Erwartung über die linke Maustaste gleiten ließ, für einen Augenblick verkrampft die Augen schloß, auf den blauen Kreis links oben in seinem Browser drückte – Aktualisieren – und doch wieder das selbe zu lesen bekam. Nämlich nichts, außer einem Standardtext.

























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